Otello - von Giuseppe Verdi im Opernhaus - kultur Nr. 201 - Mai 2026

Otello hält beide Hände über seinen Brustkorbn und hat einen transparenten Vorhang über sich.
Foto: Theater Bonn
Otello hält beide Hände über seinen Brustkorbn und hat einen transparenten Vorhang über sich.
Foto: Theater Bonn

Großes Drama um Krieg und verletzte Gefühle
Gleich zu Beginn kracht es gewaltig. Vor der Küste Zyperns tobt ein wüster Orkan, der die siegreiche venezianische Flotte kurz vor der Heimkehr zu verschlingen droht.

Grandios schildert das Beethoven Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan das meteorologische Chaos, das den folgenden Aufruhr in der Seele des Titelhelden vorwegnimmt. Im Hafen bangt das Volk um seine Soldaten, die nach dem Krieg nun das Opfer der entfesselten Natur zu werden drohen. Bis der Feldherr Otello mit seinem triumphierenden „Esultate!“ den glücklichen Ausgang des Kampfes gegen das Unwetter und die feindlichen Truppen verkündet.
Der international gefragte italienische Regisseur Leo Muscato, der in Bonn bisher mit seinen Inszenierungen musikalischer Komödien gefeiert wurde, hat hier nun mit Verdis vorletzter Oper erstmals eine Tragödie auf die Bühne gebracht. Er erzählt die Geschichte nach Shakespeares bekanntem Drama, das zur Zeit der Kriege der mächtigen Republik Venedig gegen das Osmanische Reich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts spielt, überraschend klar ohne ironische Brechungen oder willkürliche Abschweifungen. Die Handlung hat er in die Zeit des Zypernkonflikts 1974 verlegt, als türkische Streitkräfte den Norden der Insel besetzten. Der aktuelle Krieg im Nahen Osten war bei der Konzeption der Bonner Neuproduktion noch weit entfernt.
Schauplatz ist eine verfallene Festung mit rostigen Blechtüren (Bühnenbild: Federica Parolini), in deren Hof von beiden Seiten Innenräume für einzelne, eher private Szenen hineingeschoben werden: Desdemonas Fotolabor auf der einen Seite, auf der anderen das eheliche Schlafzimmer, ein schmuddeliges Bad, aber u. a. auch Otellos Kommandozentrale. Khaki farbene Uniformen (Kostüme: Silvia Aymonino) bestimmen anfangs das Bild. Nur der Oberbefehlshaber Otello trägt schwarz. Der Georgier George Oniani, langjähriges Bonner Ensemblemitglied, gibt dieser Figur bei seinem Rollendebüt sängerisch und schauspielerisch ein eindrucksvolles Profil. Sein kraftvoller Tenor strahlt in den heldenhaften Passagen, ohne bei den Spitzentönen forciert zu wirken. In den intimeren Szenen überzeugt er mit feinem lyrischem Schmelz und zeigt die Verletzlichkeit dieses Mannes, der trotz seines steilen militärischen Aufstiegs ein Außenseiter geblieben ist. Lange galt der „Mohr von Venedig“, wie Shakespeare seinen 1604 erschienenen „Othello“ nennt, als dunkelhäutiger Fremdling. Blackfacing ist längst tabu. Es sind hier auch nicht die Hautfarbe oder die niedrige soziale Herkunft, die den erfolgreichen venezianischen Söldner so empfindlich machen. Er ist traumatisiert vom Krieg, moralisch unsicher, psychisch labil und neigt zu cholerischen Ausbrüchen. Bei dem großem Liebesduett mit Desdemona am Ende des ersten Aktes hockt er erschöpft und verzweifelt auf dem Ehebett: ein gebrochener Held.
Otellos Gattin Desdemona ist hier nicht die zarte, blonde, leicht naive Frau aus der venezianischen Oberschicht, sondern arbeitet als Kriegsreporterin, ist also direkt involviert in die Ängste und Schrecken. Gleich zu Beginn sieht man sie in hilfloser Sorge um das Schicksal ihres geliebten Gatten auf dem sturmgepeitschten Meer. In ihrer Werkstatt dokumentiert sie später die Trauer der Frauen und Kinder um ihre verlorenen Männer und Väter.
Die junge US-amerikanische Sopranistin Kathryn Henry (ab der nächsten Spielzeit ist sie fest im Bonner Ensemble engagiert) verkörpert bei ihrem Europa- und Rollendebüt die Desdemona als selbstbewusste Partnerin des Mannes an ihrer Seite: „Ich bin deine Ehefrau, nicht deine Sklavin“. Energisch widersetzt sie sich dessen haltlosen Verdächtigungen. Wenn er sie öffentlich demütigt, wenden sich jedoch alle anderen ab und lassen sie mit ihrem Schmerz allein. Stimmlich überzeugt sie mit lyrischer Wärme und wundervoller Klarheit. Zu einem letzten Höhepunkt geraten ihr von Todesahnungen geprägtes „Lied von der Weide“ und ihr melancholisches Abendgebet.
Treibende Kraft der Tragödie ist bekanntlich der Intrigant Jago, hervorragend interpretiert von dem weltweit gefragten italienischen Bariton Simone Piazzola. Dass Otello ihn bei einer Beförderung übergangen hat, ist nur der äußere Anlass für sein Vernichtungswerk. Sein nihilistisches Credo im zweiten Akt beweist seinen absoluten Zerstörungswillen. Der verstörte Otello ist ein leichtes Opfer für sein psychologisch geschickt konstruiertes böses Spiel. Als attraktiver Cassio gibt der walisische Tenor Ryan Vaughan Davis sein Deutschland-Debüt. Auch die kleineren Rollen sind exzellent besetzt. Susanne Blattert überzeugt als treue Emilia, Tae Wan Yun gibt einen klangschönen Roderigo, Martin Tzovev in weißer Paradeuniform einen würdevollen Gesandten Ludovico, Christopher Jähnig einen tapferen Montano.
Das Verhängnis ist indes nicht mehr aufzuhalten. Die Mischung aus verletztem Stolz, Eifersucht und toxischer Männlichkeit explodiert. Aus Desdemonas Dunkelkammer begibt sich Otello ins Schlafzimmer, um seine Frau im Ehebett zu erwürgen und nach der Erkenntnis seines fatalen Irrtums sich selbst zu töten.
Verdis brillanter Librettist Arrigo Boito hat Shakespeares Vorlage klug gestrafft. Das eigentliche Drama vollzieht sich jedoch in der Musik. Dirk Kaftan hebt mit dem Beethoven Orchester die instrumentale Farbigkeit von Verdis Partitur fabelhaft hervor. Großartig agieren Chor und Extrachor, einstudiert von André Kellinghaus, sowie der Kinder- und Jugendchor, einstudiert von Ekaterina Klewitz. Muscatos sorgfältige Inszenierung besticht durch präzise Personenführung und Charakterzeichnung.
Auch wenn die Vorstellung manchen als eher konventionell erscheint: Es geht auch um strukturelle Gewalt an Frauen und die oft als „Ehedrama“ kaschierten alltäglichen Femizide. Die musikalisch und darstellerisch mitreißende Aufführung sollte man sich nicht entgehen lassen! Stürmischer Premierenbeifall für alle Beteiligten.

Donnerstag, 23.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 05.05.2026 12:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn