Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza im Schauspielhaus - kultur Nr. 199 - März 2026

- Der Gott des Gemetzels. Streitszene mit den vier Darstellern.
Foto: Matthias Jung

Der Gott des Gemetzels. Streitszene mit den vier Darstellern.
Foto: Matthias Jung
Wilde Wohnzimmerschlacht
Irgendwas ist da aus dem Ruder gelaufen. Dabei hat die Sache eher unspektakulär angefangen.
Zwei elfjährige Jungen haben sich auf dem Schulweg geprügelt. Der eine hatte den anderen eine Petze genannt, woraufhin jener ihm mit einem Stock zwei Schneidezähne beschädigte. Tatort: Poppelsdorfer Allee. Denn Simon Solberg (Regie und Bühne) hat die Geschichte von Paris nach Bonn verlegt, die französischen Namen der Akteure eingedeutscht und ein bisschen politische Aktualität in das Drama um zwei bürgerlich saturierte Paare gemixt. Inklusive Stadtbild- und Klimaschutz-Debatte.
Yasmina Rezas 2006 uraufgeführte Komödie Der Gott des Gemetzels wurde ein internationaler Bühnenerfolg und 2011 von Roman Polanski prominent verfilmt. Das fortschreitende Zerbröckeln der gepflegten bürgerlichen Fassaden vollzieht sich im Original eher leise mit zunehmend giftiger werdenden verbalen Sticheleien und messerscharfen Schnitten in das Beziehungsgefüge aus Vorurteilen und Lebenslügen. In Solbergs Inszenierung wird die scheinbare Idylle krachend dekonstruiert. Das Kammerspiel wird zum offenen Krieg, der Gott des Gemetzels manifestiert sich konkret in hereinbrechenden Wirbelstürmen, Mückenschwärmen, Nebelschwaden, Regengüssen und einem Stromausfall, der eine klare Botschaft in Leuchtschrift hinterlässt: „Eat the Rich“. Auf dem Bildschirm im Vordergrund flackert anfangs trauliches Kaminfeuer, das bald durch Videos von Überschwemmungen und anderen Umweltkatastrophen ersetzt wird.
Das Ehepaar Veronika und Michael Uhl, Eltern des ‚Opfers‘ Bruno, hat das Ehepaar Annette und Andreas Reiler, Eltern des ‚Täters‘ Ferdinand, eingeladen in seine Wohnung, um die Sache gütlich zu bereinigen, zumindest versicherungstechnisch. Schick ausgestattet ist das Domizil der Familie Uhl, das zur Bühne der erbitterten Auseinandersetzung wird: großes Bücherregal, freistehende Küchenzeile, Esstisch, vorn eine gemütliche Sitzecke. Sogar eine riesige PopArt-Banane und ein Flügel gehören zum Inventar. Ein Protokoll des Vorfalls wird aufgesetzt, wobei es schon ein wenig knirscht, weil Andreas das Wort „bewaffnet“ lieber ersetzt sähe durch „ausgestattet“. Bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen – Veronika ist sehr stolz auf ihr „Clafoutis“-Rezept – kommt man sich näher. Großartig ist das Schauspielerquartett, dessen Bühnenfiguren zivilisiertes Verhalten postulieren und dabei nach und nach jegliche Kontrolle verlieren. Julia Kathinka Philippi spielt die leicht nervöse Kunstbuchhändlerin und politisch engagierte Schriftstellerin Veronika, die Bücher über Konflikte in Afrika verfasst und aus tiefster Überzeugung behauptet „Kultur gefährdet die Dummheit“. Timo Kählert verkörpert sympathisch ihren gutmütigen, leicht tollpatschigen Gatten Michael, Großhändler für Haushaltswaren von Kochgeschirr bis Klospülungen. Daniel Stock brilliert als knallharter Rechtsanwalt Andreas, per Mobiltelefon im Dauerkontakt mit einem gerade in Schwierigkeiten steckenden Pharmakonzern. Lydia Stäubli gibt seine frustrierte Angetraute Annette im eleganten Business-Outfit mit Bleistiftrock und Seidenbluse (Kostüme: Ines Burisch), von Beruf Vermögensberaterin. Elefant im Raum ist der Hamster der kleinen Uhl-Tochter, den der unter einer Nagetier-Phobie leidende Michael schnöde auf der Straße ausgesetzt hat. „Knusperinchen“ (Stefanie Ostheimer / Anke Wagner) im flauschigen Fellkostüm geistert hier stumm und überlebensgroß durch die Szenerie wie ein Symbol der animalischen Regression. Dahin bewegt sich das Geschehen unaufhaltsam, irgendwann zudem beflügelt von Michaels kostbarem Schnaps. Zweifel am jeweiligen Erziehungsstil, eheliche Zwistigkeiten, wachsende Schuldzuweisungen, wechselnde Streitallianzen. Das eskaliert, bis Annette ihre bis dahin perfekte Contenance verliert und sich übergibt (war’s vielleicht der doch nicht mehr ganz frische Kuchen?), und zwar direkt auf Veronikas unersetzlichen KokoschkaKatalog. Das wächst sich zu einer regelrechten Kotzorgie aus, während Andreas unermüdlich mit seinen Klienten telefoniert. Dass das von ihm vertretene Unternehmen ausgerechnet das wegen seiner Nebenwirkungen in die Schusslinie geratene Medikament vertreibt, das Michaels Mutter gerade verschrieben bekam, bringt neuen Konfliktstoff.
Irgendwann stehen alle völlig derangiert und pudelnass buchstäblich im Regen da. Als Andreas auch noch sein unverzichtbares Handy abhandenkommt, werden bei der Suche danach sogar die Bodenbretter aufgerissen. Die Wohnung ist nachhaltig ruiniert, die eifrig zur Schau gestellten Humanitätsideale von Toleranz und Solidarität haben sich im Taumel der visuellen Metaphern aufgelöst. Auch wenn Veronika am Telefon ihrem Töchterchen versichert, dass es Knusperinchen in der neuen Freiheit bestimmt gut gehe. Im Schauspielhaus erscheint die Konversationskomödie aus dem Milieu der modernen Spießbürgerlichkeit als durchaus unterhaltsame Slapstick-Comedy mit allerhand witzigen Gags. Aber irgendwas ist da halt zwischen Klamauk und Kammerspiel aus dem Ruder gelaufen. Dennoch verdienter großer Premierenapplaus für das exzellente Schauspiel-Ensemble.
Donnerstag, 16.04.2026
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