Der Barbier von Sevilla von Gioachino Rossini im Opernhaus - kultur Nr. 199 - März 2026

Der Barbier von Sevilla. Szene im Barbershop.
Foto: Bettina Stoess
Der Barbier von Sevilla. Szene im Barbershop.
Foto: Bettina Stoess

Höchst vergnügliche musikalische Komödie
Die Geschichte beginnt in der Bonner Oper. Zur Ouvertüre von Rossinis populärer Opera buffa läuft ein Video.

Der gefeierte Startenor Almaviva entdeckt nach der Operngala in seiner Garderobe das Briefchen einer hübschen jungen Verehrerin. In der Kantine finden sich schnell ein paar abenteuerlustige Musiker des Beethoven Orchesters. Weil sie ihn in ihrem Tour-Bus nicht mitnehmen wollen, schwingt sich der verknallte Almaviva, als Student verkleidet mit Wollmütze und kariertem Hemd, auf einen E-Scooter und saust in die Bonner Altstadt. Ein Geldautomat spuckt auch gleich eine ordentliche Menge Scheine zur Entlohnung der Helfer bei seinem nächtlichen Ständchen aus. Auf dem Bett oben in ihrer Wohnung schmachtet Rosina am Laptop nach dem attraktiven Sänger.
Der aus Südafrika stammende Regisseur Matthew Wild, langjähriger Leiter der Cape-Town-Opera und inzwischen auch in Europa durch Aufsehen erregende Inszenierungen bekannt, hat die Handlung kurzerhand von der andalusischen Metropole Sevilla in die Bundesstadt Bonn verlegt. Bühnenbildner Dirk Hofacker hat dafür eine zweistöckige typische Altstadt-Häuserzeile bauen lassen mit zahllosen liebevoll gestalteten Details, die ein genaues Hinschauen verdienen. Apotheke, Kiosk, japanische Noodle-Bar, in der Mitte Figaros Barbershop namens „Barbier von Sevilla“ und die Zahnarztpraxis von Dr. Bartolo. Der drehbare Mittelteil gibt immer wieder den Blick frei auf das Innenleben des schicken, holzgetäfelten Friseurladens oder des klinisch weißen Behandlungszimmers (mit echtem Zahnarztstuhl), wo Rosina mitunter ihrem Vormund Bartolo bei der Arbeit assistiert. Das Obergeschoss teilt der alte Herr sich mit der jungen Frau, auf deren Mitgift er spekuliert und sie deshalb bald ehelichen möchte. In knapp drei Wochen soll der 23-jährige Rossini sein Meisterwerk Il barbiere di Siviglia – nach dem gleichnamigen Schauspiel von Beaumarchais – im Auftrag des römischen Teatro Argentina komponiert haben, wo es am 20. Februar 1816 rechtzeitig zum Beginn der Karnevalssaison herauskam und nach ein paar Startschwierigkeiten seinen Siegeszug rund um die Welt antrat. Rossini griff dabei unbekümmert auf bereits vorhandenes Material zurück. Unter der musikalischen Leitung des Italieners Matteo Beltrami, der damit sein Bonn-Debüt gibt, wirkt das alles wie aus einem Guss. Das Beethoven Orchester spielt die rasanten Stimmungswechsel, prägnanten Rhythmen und eingängigen Melodiebögen schwungvoll und kontrastreich. Auch der Herrenchor unter der Leitung von André Kellinghaus überzeugt mit gesanglichem Temperament und erfrischender Spielfreude. Regisseur Wild hat dazu noch vier junge Streetdancer (Jessica Alino, Corina Wodwarka, Gabriel de Freitas Rolfs und Kasper Iwanow) engagiert, die in der Choreografie des südafrikanischen Hip-Hop-Stars Rudi Smit für muntere Bewegung auf der Straße vor den Fassaden sorgen und gelegentlich auch eingreifen, wenn sie beispielsweise dem verliebten Almaviva die Litfaßsäule zurechtrücken für eine Kletterpartie zum Balkon der angebeteten Rosina.
Der russische Tenor Anton Rositskii singt bei seinem Bonn-Debüt den charmanten Almaviva höhensicher mit feinen Koloraturen. Herrlich komisch ist sein „Pace e joia“-Auftritt als angeblicher Musiklehrer. Der armenische Bariton Grisha Martirosyan (zweifacher Preisträger des von Plácido Domingo initiierten Operalia-Gesangswettbewerbs 2025) brilliert sängerisch und spielerisch bei seinem Rollendebüt in der Titelpartie. Üppig tätowiert und durchaus eitel, nimmt sein Figaro gleich mit seiner Auftrittsarie „Largo al factotum“ alle für sich ein und hat für jedes Problem eine Lösung parat. Zur Not greift er auch schon mal zur Säge, um seinem alten Freund Almaviva den Zutritt zu Rosinas Zimmer zu verschaffen. Ensemble-Mitglied Charlotte Quadt gibt mit feinem Mezzosopran die schüchterne, leicht weltfremde Rosina im braven rosa Kleidchen (Kostüme: Raphaela Rose), die den vermeintlichen Studenten Lindoro anhimmelt. Aber irgendwann die Maskerade doch durchschaut. Der italienische Bariton Enrico Marabelli, der bereits mehrfach in Bonn gastierte, überzeugt als strenger, erzkonservativer Bartolo. Seine Arietta „Quando mi sei vicina“ singt er mit einem Hinweis auf den verehrten Dietrich Fischer-Dieskau sogar auf Deutsch.
Kleine Referenzen an das Bonner Genie Beethoven gibt es in der Aufführung übrigens auch. Als glänzender Komiker erweist sich wieder einmal das Ensemble-Mitglied Pavel Kudinov mit seiner großartigen Bassstimme. Die berühmte „Calunnia“-Arie des langhaarigen Don Basilio wird hier zu einer wohlüberlegten Verleumdungskampagne gegen den beneideten Star Almaviva mit anschließendem Shitstorm auf der Social Media-Plattform X (Video-Design: Clemens Walter). Ein absolutes Glanzstück liefert die junge Sopranistin Nicole Wacker, seit der vergangenen Saison fest im Bonner Ensemble, in der eigentlich kleinen Partie der Haushälterin Berta, hier Empfangsdame und Sekretärin in Dr. Bartolos Praxis. Ständig präsent im Vorzimmer überrascht sie mit kleinen spielerischen Interventionen und rhythmisch präzisen Niesanfällen und begeistert im zweiten Akt mit der wunderschön gesungenen Arie „Il vecchietto cerca moglie“. Sehr witzig ist auch die Szene mit der von Figaro eingefädelten Einquartierung von Soldaten in Bartolos Haus und dem korrupten Polizeioffizier (Seogjun Jang). Mit solidem Bariton bewährt sich der Chorsolist Milan Milovic als Almavivas Diener Fiorello.
Es gibt richtig viel zu lachen in der ideenreichen, spielerisch und musikalisch hinreißenden Inszenierung, die selbstverständlich ein Happy End hat. Das Mauerblümchen Rosina blüht auf und kann ihren geliebten Superstar Almaviva heiraten. Der Intrigant Don Basilio und die rechtschaffene Berta dürfen fröhlich mitfeiern. Nur Dr. Bartolo, dem das glückliche Paar immerhin Rosinas Mitgift überlassen hat, bleibt missmutig oben hinter dem Fenster hocken. Fulminanter Premierenbeifall mit stehenden Ovationen!

Donnerstag, 16.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 05.05.2026 12:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn