Mondlicht und Magnolien von von Ron Hutchinson im Kleinen Theater - kultur Nr. 198 - Januar 2026

- Eine Frau in einem rosa Kleid schreibt konzentriert etwas auf.Ein Mann steht verärgert links daneben
Foto: Patric Prager

Eine Frau in einem rosa Kleid schreibt konzentriert etwas auf.Ein Mann steht verärgert links daneben
Foto: Patric Prager
Leinwand-Legende
Hollywood 1939: Drei Männer kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Denn beinahe wäre einer der größten Kinoklassiker nie gedreht worden: "Vom Winde verweht" nach dem Bestseller von Margaret Mitchell.
Kurz nach der Veröffentlichung des Romans 1936 hatte der aufstrebende Produzent David O. Selznick die Rechte erworben. Nachdem etliche andere abgelehnt hatten, darunter auch sein Schwiegervater und ehemaliger Chef Louis B. Mayer, langjähriger Leiter der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Filme über den amerikanischen Bürgerkrieg galten als Kassengift. Und der Mondlicht und Magnolien-Kitsch schien endgültig überholt. Die Besetzung der Hauptrollen zog sich über zwei Jahre hin, der Erwartungsdruck stieg nach dem ungeheuren Erfolg der literarischen Vorlage. Der bekannte Schauspieler Clark Gable konnte für die Rolle des Rhett Butler schließlich von MGM ausgeliehen werden, und mit der bis dahin völlig unbekannten Vivien Leigh wurde nach langer Suche auch eine Scarlett O’Hara gefunden.
Kurz nach dem Beginn der Dreharbeiten 1939 feuerte Selznick den Regisseur George Cukor und engagierte den Regiestar Victor Fleming. Der Drehbuchautor Sydney Howard starb im Sommer 1939 bei einem Unfall. Der prominente Journalist und Skriptdoktor Ben Hecht sprang ein – für eine Tagesgage von 10.000 Dollar. Leider hatte Hecht das über 1000 Seiten starke Epos nie gelesen und außerdem keine Lust auf sentimentale Südstaatenromantik. Zudem war das vorliegende Drehbuch viel zu lang. Der Film hätte damit rund sieben Stunden gedauert. Die Zeit wird knapp, die Presse sitzt Selznick im Nacken, die Pleite droht. Also schließt sich der Produzent mit seinem Team für eine Woche in seinem Büro ein, und weil Hecht die Story nicht kennt, spielen die beiden anderen ihm die Handlung vor. Genau da setzt die 2004 in Chicago uraufgeführte Komödie Mondlicht und Magnolien des irischen Dramatikers Ron Hutchinson ein. Theaterleiter Frank Oppermann selbst hat die turbulente Entstehungsgeschichte der unsterblichen Filmlegende inszeniert. Drei Männer, eingesperrt zwischen Schreibtisch und Papierstapeln. An der Wand alte Kinoplakate, im Hintergrund die Studios der allmächtigen MGM.
Sebastian Schlemmer ist – anfangs noch im korrekten Nadelstreifenanzug (Kostüme: Marie-Theres Jestädt) – der ehrgeizige Selznick, der irgendwann sogar die Kulissen von „King Kong“ verfeuert für den spektakulären Brand von Atlanta. Besessen von seinem Projekt fleht er Hecht um Hilfe an. Janosch Roloff mit karierter Hose gibt lässig den kritischen Intellektuellen und politischen Aktivisten Hecht, der Bedenken gegen rassistische Szenen anmeldet und die Sprache auf die jüdischen Wurzeln der aus Europa emigrierten Hollywood-Elite bringt. Manuel Jadue gibt den ungeduldigen Fleming, der endlich die Kameraeinstellungen proben möchte. Stöhnend mimt er Melanies Wehen und schließlich deren herzzerrreißenden Tod, während Selznick sich zunehmend in die Rolle der kapriziösen Scarlett hineinsteigert. Wenn er nicht gerade zu einem der beiden Telefone greift, die die treu ergebene Sekretärin (herrlich komisch als unerschütterliche Lady: Heike Schmidt) zu ihm durchstellt. Max Steiners unwiderstehliche Musik stimmt auf das Melodram ein, Pferdegetrappel kommt schon mal von den Schreibmaschinentasten. Bei Bananen, Erdnüssen und (kalten) Zigaretten wird das Büro zur Plantage von Tara, zum Ballsaal und zum Kriegsschauplatz. Zur Kampfarena mutiert auch die Bühne, wo bald die Fetzen fliegen und die Nerven blank liegen. Hingebungsvoll streiten sie um Szenen und Motive, während im fernen Europa ein ganz realer Krieg beginnt.
Nach der Pause herrscht pures Chaos. Die Herren sind nach fünf durchwachten Tagen und Nächten mehr als erschöpft. Die Kleidung ist ebenso derangiert wie das gesamte Arbeitszimmer. Selznick erstarrt Minuten lang bewegungslos stumm hinter dem Schreibtisch. Sogar die Frisur der tapferen Miss Poppenghul, die jetzt selbst im Reifrockkleid erscheint, sitzt nicht mehr perfekt. Ein letzter Streit ums offene Ende der Love-Story, dann Drehbeginn. Am 15. Dezember 1939 feierte Gone With the Wind in Atlanta seine umjubelte Premiere (in Deutschland kam der Film erst 1953 in die Kinos), wurde mit insgesamt zehn Oscars prämiert und gilt bis heute als das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Der Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik Hollywood, gespickt mit allerhand Anspielungen und historischen Anekdoten hat zwar ein paar Längen, ist ansonsten jedoch ein echtes Vergnügen mit Witz und Tiefgang. Mit drei Schauspielern und einer Schauspielerin (alle aus etlichen Produktionen am Kleinen Theater bestens bekannt), die wirklich alles geben für das große Drama. Begeisterter Premierenapplaus!
Montag, 13.04.2026
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