… und es gibt ihn doch! (von René Heinersdorf im Contra-Kreis-Theater) - kultur Nr. 198 - Januar 2026

- Ein Weihnachtsmann (rechts) schüttelt einer Frau (links) die Hand.Mittig steht ein Mann mit Gitarre
Foto: Contra-Kreis-Theater

Ein Weihnachtsmann (rechts) schüttelt einer Frau (links) die Hand.Mittig steht ein Mann mit Gitarre
Foto: Contra-Kreis-Theater
Turbulente Weihnachtskomödie
Weihnachten ist eine Belastungsprobe. Bekanntlich gibt es zu keiner anderen Jahreszeit so viele Familienkräche und Trennungen von Beziehungen.
Dabei könnte alles so harmonisch sein, wenn der Tannenbaum im Lichterglanz erstrahlt und der Weihnachtsmann mit den Geschenken hereinschneit. Die traditionsbewusste Thea möchte das romantische Gefühl wenigstens noch einmal genießen. Das Weihnachtsmann-Kostüm liegt bereit, nur ein Darsteller fehlt noch. Ehemann Matthias weigert sich strikt, diesen peinlichen Hokuspokus noch mal mitzumachen. Die Kinder glauben doch sowieso nicht mehr an den Typen mit dem roten Mantel, Rauschebart und Rute. Und warum muss der ein Mann sein? Außerdem: Was für ein autoritäres Weltbild vermittelt denn das? Im Übrigen sind alle in Frage kommenden Bekannten schon geflüchtet vor der Drohung, diese lächerliche Figur mimen zu müssen. „Das soziale Netzwerk erodiert!“ Da kann Thea noch so klagen, dass die lieben Kleinen sich so viel Mühe mit den Vorbereitungen gemacht hätten und doch wenigstens zu Weihnachten erleben sollten, dass die Welt noch in Ordnung ist.
Unerwartete Rettung naht von dem neuen Nachbarn Bernhard. Eigentlich wohnt der mit seiner Frau Pia schon seit vier Jahren im selben Haus, aber mit den sozialen Kontakten ist es im aufreibenden Alltag halt nicht so einfach. Bernhard braucht Knoblauch für Pias vegetarisches Käsefondue, in Theas Küche schmort ein Hirschragout. Bernhard – seine Ehe ist aus Überzeugung kinderlos – schlüpft nur allzu gern in die Rolle des Weihnachtsmanns. Zumal in der ehelichen Wohnung der Haussegen gerade ziemlich schief hängt. Weshalb Matthias beim Erscheinen der wütenden Pia auch behauptet, in dem Kostüm stecke der Nachbar Peter. Und damit eine Lawine von Verwechslungen und Missverständnissen auslöst, die jeder klassischen Boulevardkomödie zur Ehre gereichen würde. Autor Heinersdorff hat die Farce zudem herzhaft gewürzt mit Bonmots, Wortspielen, amüsanten Spiegelungen und überraschenden Pointen. In Leon Reicherts temporeicher Regie wird daraus ein köstlicher Spaß aus dem Krisengebiet erwachsener Paare im Christmas-Stress.
Carolin Freund als Thea im sexy roten Kleidchen (Kostüme: Anja Saafan) darf triumphieren angesichts des braven Nachbarn, der nicht nur seine schauspielerische Aufgabe sehr ernst nimmt, sondern auch ihre Meinungen teilt. „Anglizismen sind ein no go“ beispielsweise. Makke Schneider überzeugt als leicht verklemmter Bernhard, der reichlich „GiTo“ (Gin Tonic, später lieber den teuren Edelschnaps pur) verträgt, aber selbst einen Rentiergalopp gut hinkriegt. Thomas Jansen ist der tüchtige Matthias, der mitunter schon mal die Namen seiner Kinder verwechselt, und an den Feiertagen einfach bloß seine Ruhe haben möchte. Damit ist es endgültig vorbei, als Pia auf der Suche nach ihrem Mann auftaucht. Tina Seydel in eleganter grüner Robe stimmt nicht nur mit Matthias‘ fortschrittlichen Ansichten wörtlich überein. Sie knallt Thea gleich auch noch das ganze Arsenal der politisch korrekten Pädagogik um die Ohren und deklariert sie flugs zur Nazi-Erzieherin.
Während Thea beklagt, dass sie und Matthias nicht mehr „matchen“, hat Pia seit langem ein heimliches Match mit Peter und ahnt nicht, wer sich unter der Weihnachtsmannverkleidung verbirgt. Wie sie sich auf dem Sofa über ihren vermeintlichen Lover hermacht und den armen Bernhard unter seiner Kapuze ins Schwitzen bringt, ist ein irrer Spaß fürs Publikum. Natürlich bleibt es nicht dabei, denn irgendwann steckt Matthias im roten Mantel und darf ebenfalls nicht reden, sondern nur brummen, damit die heikle Maskerade nicht auffliegt. Im Salon hinter der Bühne erklingen die unvermeidlichen Blockflöten, die Kinder singen und freuen sich an ihrem neuen Spielzeug. Wer diesmal der Weihnachtsmann war, ist ihnen völlig egal. Auf der Bühne brechen derweil alte und neue Beziehungskonflikte auf. Es kommt zu Zickenkrieg und Handgreiflichkeiten bei der plötzlich alles überschattenden Frage: Wer betrügt wen mit wem? Die Zuschauer wissen die Antwort da längst. An der ganzen Aufregung war nur der Weihnachtsmann schuld. Vielleicht packt man das Kostüm doch besser dauerhaft weg…
Keine stille Nacht also. Der Gott des Gemetzels schaut freilich auch nur flüchtig vorbei. Vergnügter Premierenapplaus, insbesondere für das muntere Schauspielerquartett. Auch der anwesende Autor zeigte sich höchst amüsiert von der Bonner Version seiner 2024 in Düsseldorf uraufgeführten Weihnachtskomödie.
Freitag, 10.04.2026
Zurück