Kölner Philharmonie
Mahler Chamber Orchestra

- Hakan Hardenberger
Foto: Matthias Baus

Hakan Hardenberger
Foto: Matthias Baus
Konzert - Haydn, Turnage & Beethoven
Zahlreiche Komponisten wurden durch Håkan Hardenberger zu neuen Werken für Trompete inspiriert. Håkan Hardenberger ist zweifellos ein musikalischer Glücksfall und kommt nun mit dem Mahler Chamber Orchestra und Daniel Harding erneut in die Kölner Philharmonie.
Håkan Hardenberger, Trompete
Daniel Harding, Dirigent
Joseph Haydn (1732-1809)
Sinfonie A-Dur Hob. I:59
(»Feuersinfonie«)
Die sogenannte „Feuersymphonie“ entstand vermutlich um 1768 während Haydns Tätigkeit am Hof der Fürsten Esterházy. Der Beiname geht nicht auf Haydn selbst zurück; er dürfte mit einer späteren Verwendung einzelner Sätze für Schauspielmusik (möglicherweise zu einem Stück mit dem Titel Die Feuersbrunst) zusammenhängen. Programmatische Absichten lassen sich aus der Partitur nicht ableiten. Die Symphonie steht formal im viersätzigen Typus (Allegro – Andante o più tosto allegretto – Menuett – Finale) und zeigt exemplarisch Haydns Umgang mit motivischer Arbeit in relativ kompakten Dimensionen. Der erste Satz basiert auf energischen, signalartigen Motiven, die weniger melodisch ausladend als rhythmisch prägnant sind. Auffällig ist die klare Periodik und die ökonomische Verarbeitung des Materials innerhalb der Sonatenform. Das Andante kontrastiert durch kantablere Linienführung, bleibt jedoch strukturell knapp. Im Menuett tritt die höfische Tanzform deutlich hervor; das Trio schafft mit reduzierter Besetzung einen klanglichen Gegenraum. Das Finale greift das lebhafte Temperament des Kopfsatzes auf und setzt auf motorische Bewegung. Die A-Dur-Symphonie dokumentiert eine Phase, in der Haydn die sinfonische Form konsolidiert, ohne sie programmatisch aufzuladen. Die Zuschreibung „Feuer“ verweist eher auf die äußere Wirkung des Anfangs als auf eine inhaltliche Konzeption
Joseph Haydn (1732-1809)
Konzert für Trompete (Clarino) und Orchester Es-Dur Hob. VIIe:1
Haydns Trompetenkonzert entstand 1796 für den Wiener Trompeter Anton Weidinger, der eine neu entwickelte Klappentrompete spielte. Dieses Instrument ermöglichte erstmals eine vollständige chromatische Skala und erweiterte damit die melodischen Möglichkeiten erheblich. Das Konzert ist somit eng mit einer instrumententechnischen Innovation verbunden. Der erste Satz (Allegro) folgt dem klassischen Konzertmodell mit orchestraler Exposition und solistischem Einsatz. Bemerkenswert ist, dass Haydn die neuen chromatischen Möglichkeiten demonstrativ einsetzt; Passagen, die auf der Naturtrompete undenkbar gewesen wären, wirken hier in den thematischen Verlauf eingebunden. Das Andante zeigt die Trompete in einer ungewohnten lyrischen Rolle. Die Mittellage des Instruments wird klanglich ausbalanciert, ohne den Charakter des Soloinstruments zu verleugnen. Das Finale (Allegro) greift tänzerische Elemente auf und arbeitet mit klar
konturierten Themen. Historisch markiert das Werk einen Übergang: Es steht am Ende der barocken Clarino-Tradition und am Beginn der modernen Ventil- und Klappentechnik. In der heutigen Aufführungspraxis wird das Konzert meist auf der Ventiltrompete gespielt, wodurch sich Klangfarbe und Artikulation gegenüber Weidingers Instrument verändern.
Mark-Anthony Turnage (* 1960)
Nocturne
für Trompete und Streicher
Mark-Anthony Turnages Nocturne entstand 1997 und gehört zu einer Reihe von Werken, in denen der Komponist die Trompete als expressives Soloinstrument einsetzt. Turnage, der sowohl von der europäischen Moderne als auch vom Jazz beeinflusst ist, verbindet in diesem Stück klare formale Disposition mit einer ausgeprägten klanglichen Direktheit. Das Werk ist einsätzig und arbeitet mit weit gespannten, teilweise melancholischen Linien der Solotrompete über einem Streicherfundament. Anders als in klassischen Konzerten steht hier nicht virtuose Brillanz im Vordergrund, sondern klangliche Intensität und atmosphärische
Verdichtung. Dissonante Reibungen und gedehnte Harmoniefelder prägen die Struktur. Der Titel „Nocturne“ verweist weniger auf romantische Nachtidylle als auf eine reduzierte, introspektive Klangwelt. Die Trompete erscheint häufig in mittlerer oder tiefer Lage, wodurch ein gedeckter, teilweise rauer Ton entsteht. Die Streicher übernehmen keine begleitende Funktion im traditionellen Sinn, sondern bilden ein gleichberechtigtes Texturfeld. Turnages Beitrag erweitert den historischen Kontext des Abends: Die Trompete wird nicht mehr als festliches oder heroisches Signal verstanden, sondern als Träger ambivalenter, gebrochener
Stimmungen.
Ludwig van Beethoven (1770 - 1827)
Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Beethovens vierte Symphonie entstand 1806 zwischen der „Eroica“ (Nr. 3) und der fünften Symphonie. In der Rezeptionsgeschichte wurde sie häufig als „leichter“ oder „klassischer“ eingeordnet – eine Einschätzung, die aus dem Vergleich mit den benachbarten, stärker dramatisch aufgeladenen Werken resultiert.
Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung in b-Moll, die eine gespannte, harmonisch instabile Atmosphäre erzeugt. Erst das einsetzende Allegro in B-Dur etabliert die Haupttonart. Diese Gegenüberstellung von Einleitung und Hauptteil zeigt Beethovens Spiel mit Erwartung und formaler Dramaturgie.
Das Adagio entwickelt eine weitgespannte melodische Linie über pulsierendem Begleitmotiv. Charakteristisch ist die rhythmische Prägnanz, die auch in ruhigeren Passagen eine innere Bewegung erzeugt. Das Scherzo (formal noch als Menuett bezeichnet) erweitert den traditionellen Tanzsatz durch dynamische Kontraste und rhythmische Verschiebungen. Das Finale greift auf eine dichte motivische Verarbeitung zurück und steigert die Energie bis zu einem konzentrierten Schluss. Im Unterschied zur „Eroica“ verzichtet die Vierte auf programmatische Dimensionen; sie konzentriert sich auf strukturelle Arbeit innerhalb der
sinfonischen Form.
Sebastian Jacobs
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