Kölner Philharmonie
Kölner Kammerorchester

- Anu Tali
Foto: Kabir Cardenas

Anu Tali
Foto: Kabir Cardenas
Mythen & Fanfaren
Konzert - Haydn, Hummel, Bellini & Grieg
Matilda LIoyd, Trompete
Anu Tali, Dirigentin
Joseph Haydn (1732 – 1809)
Sinfonie Nr. 33 C-Dur Hob.I/33
Joseph Haydns 33. Sinfonie in C-Dur, entstanden um 1760, gehört zu jenen Werken, die an einer Schwelle stehen: zwischen dem jungen, neugierigen Haydn und dem späteren Meister, der die Sinfonieform entscheidend prägen sollte. Schon die Entstehungsgeschichte wirkt geheimnisvoll – die Quellen schwanken zwischen Haydns Zeit beim Grafen Morzin und seinen ersten Jahren am Esterházy-Hof. Auffällig ist die festliche Besetzung mit Trompeten und Pauken – Instrumente, die Haydn damals nicht regelmäßig zur Verfügung standen. Dadurch bekommt die Sinfonie einen fast zeremoniellen Glanz, als sei sie für einen besonderen Anlass geschrieben. Gleichzeitig zeigt sie bereits jene stilistische Reife, die Haydn später berühmt machen sollte: klare Formen, überraschende Wendungen und eine emotionale Tiefe, die weit über reine höfische Unterhaltung hinausgeht. Der erste Satz, ein lebhaftes Vivace, entfaltet sich aus einem kontrastreichen Motivkomplex: einer kleinen Fanfare, einer wiederholten Schlussfloskel und einer sanglichen Linie, getragen von durchlaufenden Achteln. Der Satz wirkt energiegeladen und abwechslungsreich, bleibt aber klar proportioniert. Das Andante in c-Moll bildet dazu einen eindrucksvollen Gegenpol. Nur für Streicher gesetzt, wirkt es schlicht, ernst und von einer klagenden Melodie geprägt, die sich über einer ruhigen Bassfigur entfaltet. Das Menuett kehrt zur festlichen Grundfarbe zurück, schreitet kraftvoll voran und wird von einem leichteren, nur für Streicher gesetzten Trio in F-Dur kontrastiert. Das abschließende Allegro beginnt mit einem markanten Unisono-Motiv und entwickelt daraus einen spannungsvollen, teils dramatischen Satz mit virtuosen Läufen und überraschenden harmonischen Wendungen, bevor eine energische Coda das Werk beschließt.
Spieldauer: ca. 20 Min. (kann variieren!)
Johann Nepomuk Hummel (1778 – 1837)
Konzert für Trompete und Orchester E-Dur
Johann Nepomuk Hummel komponierte sein Trompetenkonzert in E-Dur im Jahr 1803 für den Wiener Hoftrompeter Anton Weidinger, der mit seiner neu entwickelten Klappentrompete erstmals eine durchgehende chromatische Skala spielen konnte. Das Werk entstand in einer Zeit des Übergangs zwischen Wiener Klassik und beginnender Romantik und nutzt die erweiterten technischen Möglichkeiten des Instruments konsequent aus. Die Uraufführung fand am 1. Januar 1804 bei einem öffentlichen Hofbankett statt. Heute wird das Konzert meist in der nach Es-Dur transponierten Fassung gespielt und zählt zu den beliebtesten Werken des Trompetenrepertoires. Der erste Satz (Allegro con spirito) folgt der Sonatensatzform und beginnt mit einem markanten, rhythmisch prägnanten Hauptthema in E-Dur. Schon in der Orchestereinleitung zeigt sich der lebendige, kontrastreiche Charakter des Satzes. Wenn die Trompete einsetzt, nutzt Hummel die Möglichkeiten des neuen Instruments voll aus: Er führt sie sowohl in virtuosen Linien als auch in der tiefen Prinzipallage, die durch die Klappen erstmals sauber spielbar wurde. Überraschende Modulationen – etwa nach H-Dur, cis-Moll oder G-Dur – verleihen dem Satz zusätzliche Spannung, bevor er ohne Solokadenz in einer kurzen Coda endet. Der zweite Satz (Andante) in a-Moll bildet einen ruhigen, kantablen Gegenpol. Die Trompete trägt fast durchgehend die Melodie, was den Satz spieltechnisch anspruchsvoll macht. Über einem chromatisch absteigenden Bass entfaltet sich eine schlichte, aber ausdrucksvolle Linie, die später in die Paralleltonart C-Dur führt. Ein kurzes Wechselspiel zwischen Flöte und Oboe bringt einen helleren Moment, bevor die Trompete das Thema variiert wieder aufnimmt. Eine kleine Coda schließt den Satz ab und leitet direkt in das Finale über. Der dritte Satz (Allegro – Rondò) ist heiter und beweglich gestaltet. Das Hauptthema beginnt unbegleitet und wirkt dadurch besonders präsent. Die folgenden Abschnitte führen in verschiedene Tonarten und zeigen die Trompete in virtuosen Läufen, dialogischen Passagen und charaktervollen Figuren. Ein längerer Abschnitt in e-Moll bringt einen dunkleren Farbton, bevor Hummel im letzten Refrain ein wörtliches Zitat aus Cherubinis Oper „Les Deux Journées“ einbaut – ein damals sehr populäres Werk. Auch hier verzichtet er auf eine Kadenz und beschließt das Konzert mit einer festlichen Coda.
Spieldauer: ca. 18 Min.
Jean Baptiste Arban (1825 – 1889)
Fantasie und Variationen über eine Cavatina aus »Beatrice di Tenda« von Vincenzo Bellini
Jean-Baptiste Arban (1825–1889) war einer der bedeutendsten Trompetenpädagogen und - virtuosen des 19. Jahrhunderts. Sein Grande méthode complète de cornet à pistons gilt bis heute als „Bibel“ der Trompeter. Neben pädagogischen Werken komponierte er zahlreiche Fantasien und Variationsstücke über populäre Opernthemen seiner Zeit. Arbans Fantasie und Variationen über eine Cavatina aus „Beatrice di Tenda“ von Vincenzo Bellini ist ein typisches Virtuosenstück des 19. Jahrhunderts, in dem sich italienische Opernmelodik und französische Bläservirtuosität begegnen. Arban, selbst einer der bedeutendsten Trompetenvirtuosen seiner Zeit, griff häufig auf populäre Opernthemen zurück, um daraus brillante Konzertstücke zu formen. Die gewählte Cavatina aus Bellinis Oper bietet mit ihrer kantablen, weit ausschwingenden Melodie eine ideale Grundlage für eine solche Fantasie. Zunächst stellt Arban das Thema relativ schlicht und gesanglich vor, ganz im Geist des Belcanto, bevor er es in mehreren Variationen zunehmend virtuos ausgestaltet. Diese Variationen verlangen dem Soloinstrument alles ab: schnelle Läufe, Doppelzunge, weite Intervallsprünge und ein strahlendes hohes Register. Die Musik steigert sich dabei von lyrischer Eleganz zu immer größerer Brillanz, bis sie in einer effektvollen Schlussvariation gipfelt.
Spieldauer: ca. 7 Min.
Edvard Grieg (1843–1907)
Peer Gynt Suite Nr. 1 op. 46
Edvard Grieg wurde 1867 von Henrik Ibsen gebeten, die Musik für die Uraufführung seines neuen Stücks Peer Gynt zu schreiben. Grieg fühlte sich durch die Anforderungen des Dramas eingeengt und war mit der Musik, die die Premiere 1876 in Oslo begleitete, nicht zufrieden. Als das Stück jedoch 1885 und 1902 in Kopenhagen erneut aufgeführt wurde, konnte Grieg seine Musik überarbeiten und zu einer 90-minütigen Fassung ausbauen, mit der er schließlich zufrieden war. Diese vollständige Version wird jedoch selten gespielt. Stattdessen stellte Grieg einige Teile der Musik zu zwei Suiten zusammen. Das Stück erzählt die Geschichte des norwegischen Bauern Peer Gynt, dessen Vater durch Alkoholismus sein gesamtes Vermögen verliert und Peer sowie seine Mutter Åse mittellos zurücklässt. Peer beschließt, sein Dorf zu verlassen, um ihr Glück wiederherzustellen, und bleibt viele Jahre fort. Während dieser Zeit erlebt er unzählige Abenteuer in fernen Ländern. Diese Abenteuer werden in der Musik der Suite dargestellt, auch wenn die Reihenfolge der Musikstücke nicht der Reihenfolge der Ereignisse im Drama entspricht. „Morgenstimmung“ zeigt tatsächlich den Sonnenaufgang über einer marokkanischen Wüstenlandschaft, obwohl die Musik ebenso gut zu einem neuen Tag in einem norwegischen Wald passen würde. Die pastorale Melodie schwillt über langen Basstönen an und ab und gewinnt allmählich an Intensität, während die Sonne aufgeht und die Farben des Tages kräftiger werden. Die Flötenmelodien erinnern an einen morgendlichen Vogelchor. Die Musik klingt frisch und klar, und zählt zu den beliebtesten und bekanntesten Werken Griegs. Der zweite Satz, „Åses Tod“, wird von den Streichern gespielt und bezieht sich auf den Tod von Peers Mutter, die so viele Jahre auf seine Rückkehr gewartet hat. Während Peer an ihrem Sterbebett sitzt und sie tröstet, wird die eindringliche Melodie dreimal wiederholt, jedes Mal lauter, bevor sie schließlich im Nichts verklingt. Die Szene wird besonders berührend, weil Peer so viele Jahre fort war – Jahre, die nie zurückgewonnen werden können. „Anitras Tanz“ spielt im Zelt eines arabischen Stammesführers in einer Oase Nordafrikas. Peer
liegt auf prächtigen Teppichen, raucht eine lange Pfeife und wird von schönen Tänzerinnen unterhalten. Die verführerische Melodie zeichnet dieses exotische, ferne Ambiente nach, während Peer allmählich dem Zauber einer der Tänzerinnen, der sinnlichen Anitra, verfällt. Gedanken an die Heimat sind für Peer in diesem Moment weit entfernt, denn er lässt sich von den verlockenden Ablenkungen des Stammesführers verführen. Der vierte und letzte Satz ist „In der Halle des Bergkönigs“. Inzwischen ist Peer nach Norwegenzurückgekehrt und trifft eine Frau, die ihn zu ihrem Vater bringt, dem König der Trolle. Peer wird versucht, die Hand der Trollprinzessin und damit das Königreich anzunehmen, ändert seine Meinung jedoch im letzten Moment, weil er Angst hat, seine menschliche Identität aufzugeben. Die Trolle sind wütend über seinen Sinneswandel, und die Musik wird zunehmend bedrohlich und immer schneller, bis es scheint, als würde Peers Reise ein tödliches Ende finden. Doch der Berg stürzt über den Trollen ein und rettet Peer im letzten Augenblick.
Spieldauer: ca. 15 Min.
Peer Gynt Suite Nr. 2 op. 55
Die Suite Nr. 2, die Grieg 1891 zusammenstellte, ist weniger bekannt, aber musikalisch nicht minder eindrucksvoll. Sie zeigt andere Episoden aus Peers Lebensreise und hat insgesamt einen ernsteren, reiferen Ton. „Der Brautraub/ Ingrids Klage“ führt unmittelbar in diekonfliktreiche Handlung, der „Arabische Tanz“ öffnet eine exotische Klangwelt, und Peers stürmische Heimkehr lässt die Musik dramatisch aufwühlen. Den emotionalen Höhepunkt bildet „Solveigs Lied“, das mit seiner schlichten, tief berührenden Melodie die Treue und Geduld der Frau verkörpert, die all die Jahre auf Peer gewartet hat. Während die erste Suite also vor allem die populären, farbenreichen Szenen präsentiert, richtet die zweite den Blick stärker auf die inneren Konflikte, die Reife und die Rückkehr des Protagonisten.
Spieldauer: ca. 20 Min.
Christoph Prasser
DruckenSpielstätteninfo