Staatenhaus am Rheinpark, Saal 2

Miranda

Katie Mitchell | Regie
Foto: Stephen Cummiskey
Katie Mitchell | Regie
Foto: Stephen Cummiskey

Die Zeitlosigkeit von Purcells Musik verschmilzt mit existentiellen Erfahrungen der heutigen Welt
Oper

Musik nach Henry Purcell, arrangiert von Raphaël Pichon und Miguel Henry
Libretto von Cordelia Lynn

Musikalische Leitung: George Petrou
Inszenierung: Katie Mitchell
Bühne: Chloe Lamford
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallén
Licht: James Farncombe
Choreografie: Joseph Alford
Sounddesign: Max von Pappenheim
Dramaturgie: Svenja Gottsmann

Besetzung

Miranda – Adriana Bastidas-Gamboa
Prospero – Alastair Miles
Anna – Emily Hindrichs
Ferdinand – Ed Lyon
Le Pasteur – John Heuzenroeder
Anthony – Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund
Young Miranda – Maria Koroleva



Zur Handlung

Ort der Handlung ist eine Kirche an der Küste von Suffolk in England.

Anti-Ouvertüre
Unter der Leitung einer Frau proben Schauspieler in der nächtlichen Kirche ein Maskenspiel. Inhalt sind die Traumata ihrer Jugend.

Szene 1
Die Kirche wird für eine Beerdigung hergerichtet. Beklagt wird Miranda, die nach einer Fahrt auf die See verschollen scheint. Es versammeln sich die Familienangehörigen: Prospero mit seiner jungen schwangeren Frau Anna, reizbar und schroff seit dem Verschwinden seiner Tochter. Ferdinand, Mirandas Witwer, in Depression versunken sowie ihr Sohn Anthony, in sich gekehrt und abweisend. Der Vikar versucht zu vermitteln.

Szene 2
Die Beerdigung beginnt, aber schnell verselbstständigen sich die Ereignisse. Verschleiert tritt eine Braut auf und kündigt statt des Rituals ein Theater an: Mirandas Geschichte, Mirandas Perspektive.

Szene 3
Gegen den Protest der Gemeinde führen die Schauspieler ein verstörendes Spiel in drei Akten auf: Das Exil, Die Vergewaltigung, Die Kinderbraut. Erst Anthonys Bitten unterbrechen die groteske Szene.

Szene 4
Miranda gibt sich als Regisseurin zu erkennen, Vater wie Ehemann klagt sie an. Während Ferdinand seine Verantwortung einsieht, weist Prospero alle Schuld von sich. Anna erkennt, dass auch sie in denselben Mustern feststeckt.

Szene 5
Prospero sehnt sich in die Vergangenheit zurück, in der er glaubte mit Miranda glücklich gewesen zu sein. Anna drängt ihn den Blick in die Zukunft zu richten, für die ihr gemeinsames Kind steht. Zerrissen zwischen Verga und Zukunft und der eigenen Unfähigkeit zur Versöhnung verzweifelt Prospero.


Zum Werk

Miranda ist bereits die zweite Zusammenarbeit der Regisseurin Katie Mitchell – in Köln bekannt u.A. durch die 2009 zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung Wunschkonzert – und dem Musiker Raphaël Pichon. Henry Purcells Musik wird ihnen Grundlage die Figur der Miranda aus Shakespeares Der Sturm neu zu beleuchten. Für Dramaturgie und Libretto stand ihnen Cordelia Lynn zur Seite. Mit dem Abstand vieler Jahre und eingebunden in die gesellschaftlichen Debatten unserer Gegenwart, erzählt Miranda von ihrem Blick auf die vergangenen Geschehnisse und konfrontiert die Männer der Geschichte mit harten Anklagen. Nur zu bekannt sind uns diese: Machtmissbrauch, patriarchales Gehabe und patriarchale Gewalt. Mitchell und Pichon knüpfen mit ihrem Projekt an eine reiche Tradition der Adaptionen und Fortsetzungen an, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen hat The Tempest – von Wieland als Der Sturm oder die bezauberte Insel übersetzt – gerade im musikalischen Theater eine besonders reiche Adaptionsgeschichte. Bis in die Gegenwart finden sich einerseits Literaturopern wie der 2004 uraufgeführte Tempest von Thomas Adès and Meredith Oakes, die eng der Handlung Shakespeares folgen, und andererseits Pasticcios und Neutextierungen, die oftmals mit einer Fokusverschiebung einen neuen Aspekt betonen. Exemplarisch ist hier an die 2011 an der Metropolitan Opera aufgeführte Produktion The Enchanted Island zu denken. Szenarien aus Sturm und Sommernachtstraum werden hier zu einer postkolonialen Lesart verknüpft, in der Sycorax ihr Recht auf die Insel gegen den fremden Herzog Prospero verteidigt. In der Geisterinsel, die Ming Tsao 2011 in der Staatsbibliothek Stuttgart zur Uraufführung bringt, steht stattdessen Prospero im Zentrum, als ein der Welt verloren gegangener Denker, dem die sozialen Beziehungen seiner Tochter und das handfeste Leben Calibans fremd geworden sind. Zum anderen stellen sich Mitchell und Pichon aber auch in die Traditionslinie des postdramatischen und feministischen Theaters. Werke des Kanons werden hier unter die Lupe genommen, ihre Nebenfiguren untersucht. Narrativ wie strukturell hatten die Männer die Überhand, sie wurden als handelnde gezeigt, ihr Schicksal und ihre Sicht dominiert den Blick und auch zahlenmäßig sind sie den weiblichen Figuren weit überlegen. Diese Verhältnisse haben sich in der jüngeren Theatergeschichte gedreht. Insbesondere die Frauenfiguren erhalten Stimme und Handlungshorizonte – und werden oftmals von Regisseurinnen in Szene gesetzt. Schon der Titel rückt Miranda in den Fokus. War sie bei Shakespeare noch die einzig in Erscheinung tretende Frauenfigur, so stehen bei Mitchell/Lynn drei Sängerinnen drei Sängern und einem Knaben gegenüber. Wo bei Shakespeare die Männer Handlung und Zeitlichkeit bestimmen, Prospero gar durch Zauberkraft und dienstbare Geister nicht nur den Handlungslauf sondern auch die Witterung bestimmt, zeigen Mitchell/Lynn eine Miranda, die Rhythmus und Aktion vorgibt. Sie ist es, die als Regisseurin die Schauspieler anleitet, und sie ist es, die das Ritual der Beerdigung unterbricht.
Dabei entspricht das Theater im Theater, das sie hier aufführt, ganz der Shakespeare’schen Dramaturgie: Wie Hamlet und Ein Sommernachtstraum Theaterszenen aufweisen, die das Theater und seine Kraft der Läuterung zum Thema machen, so findet sich im Sturm ein Maskenspiel mit allegorischen Figuren.
Doch wo im Sturm Prospero der Regisseur des Theaters ist und dem jungen Paar, Göttinnen zur Belustigung erscheinen lässt, führt nun Miranda Regie. Nicht den Schein einer glücklichen Zukunft zeigt sie, sondern die Schmerzen der Vergangenheit. In Miranda sind die Männer allesamt Mistkerle, willfährige oder tyrannische Wesen, an denen sich Wut und Rache der Titelheldin entzünden. Obschon offensichtlich ist, dass der Miranda des Shakespeare`schen Sturmes keine großen Spielräume zugestanden werden, erstaunt die Wucht der Vorwürfe, die Mitchells Miranda aufruft. Woher aber kommen die Abgründe, die Mitchell/Lynn in der Geschichte Mirandas artikulieren? Hier lohnt ein genauerer Blick in das, was Prospero da zur Erbauung seiner Tochter aufführen ließ: Es sind die Göttinnen Juno, Ceres und Iris, allesamt stehen sie für Fürsorge, Familie und Fruchtbarkeit. Sie entwerfen ein konservatives Bild von Ehe und Familie. Es ergänzt die sonstigen Geschehen um Miranda. Prospero hatte sie nicht vor den Übergriffen Calibans schützen können, hatte sie aus strategischen Überlegungen heraus an den neapolitanischen Prinzen verheiratet. Da muss Mitchell nur noch einen kleinen Schritt gehen, auch in der darauffolgenden Ehe Enge und Missbrauch zu vermuten. Schade nur, dass es des vorgetäuschten Todes bedarf, damit Miranda ihre Stimme findet und dass der Abrechnung mit den Männern wenig Lichtblick folgt. Mit dem Rückgriff auf Purcells Musik, bewegt sich die Produktion in einer bekannten Tonsprache, die doch ungewohnt arrangiert, spannende Farben entfaltet. Das Material stammt insbesondere aus einer Musikalisierung des Tempest, die 1674 von T. Shadwell und Thomas Betterton erstellt und 1695 von Henry Purcell umgearbeitet wurde. Ergänzt ist es durch kirchenmusikalische Werke Purcells. Nach Art des Pasticcios ist es neu kombiniert und mit neuem Text versehen. Gewünscht hätte man sich, dass auch Purcells heitere Seite narrativ und musikalisch mehr Raum erhält. Entstanden ist ein spannendes psychologisches Kammerspiel mit ungewissem Ausgang.


Semi-Opera nach William Shakespeares »The Tempest«

T. Sofie Taubert

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Letzte Aktualisierung: 07.12.2022 21:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn