Jacques der Fatalist und sein Herr (nach dem Roman von Denis Diderot im Schauspielhaus) - kultur Nr. 200 - April 2026

Vier Schauspielende tragen hohe barocke Perrücken. Zwei Personen unterhalten sich angeregt.
Foto: Matthias Jung
Vier Schauspielende tragen hohe barocke Perrücken. Zwei Personen unterhalten sich angeregt.
Foto: Matthias Jung

Paradoxe Dialektik
Mit turmhoher weißer Perücke sitzt ein weiblicher Jacques (Lena Geyer) in einem nobel tapezierten Salon, während der Scharfrichter (Janko Kahle) sein Urteil spricht.

So beginnt und endet die Reise des Fatalisten Jacques und seines adeligen Herrn, der an die Willensfreiheit glaubt, aber wenig damit anzufangen weiß. Dann platzen der Knecht (Christian Czeremnych) und sein namenloser Herr (Sören Wunderlich) herein und starten ein irres Verwirrspiel um wechselnde Identitäten, verrückte Zeitsprünge, überraschende Ereignisse und gedankliche Paradoxien. Regisseur Martin Laberenz hat Diderots zwischen 1765 und 1784 verfassten, erst 1796 posthum veröffentlichten Roman geistreich und sehr vergnüglich in Szene gesetzt. Geschickt nimmt er dabei die anarchische Erzählweise der Vorlage (Diderot ließ sich inspirieren von Laurence Sternes „Tristram Shandy“) mit ihren Abschweifungen, Perspektivwechseln, reflexiven Interventionen und Erzählerkommentaren auf. Die opulenten Kostüme von Adriana Braga Peretzki mit den schwankenden Perückentürmen bewegen sich zwischen Rokokopracht und Comic-Trash.
Alles sei „dort oben geschrieben“ behauptet Jacques mit erhobenem Zeigefinger. Mit seinem passiven Herrn, der alles für Zufall hält, hat er sich zu Pferd auf eine scheinbar ziellose Reise begeben. Unterwegs erzählen sie sich Anekdoten oder bestehen diverse Abenteuer mit zwielichtigen Gasthäusern, Räuberbanden und einem Henkersgaul. Auch ein Sarg wird zwischendurch mal ausprobiert. Das Pferdebild an der Rückwand weicht irgendwann der Zeichnung einer Schimäre. Der rote Faden, Jacques‘ Liebesgeschichte, wird dabei immer wieder gekappt. Alles begann mit Jacques‘ Knieverletzung als Soldat. Seine Erzählung wird immer wieder unterbrochen von der Gegenwart oder narrativen Einschüben.
Bei der zentralen Pommeraye-Episode, die kein Geringerer als Friedrich Schiller bereits kurz nach Diderots Tod ins Deutsche übersetzte, weitet sich der Raum auf der Bühne von Oliver Helft. Ein riesiges Bergpanorama wird hochgezogen, vor dem die rachsüchtige Madame de La Pommeraye ihren Geliebten Marquis des Arcis in die Ehe mit einer Prostituierten treibt, um ihn gesellschaftlich zu vernichten. Nachdem dieser ihr das Ende seiner Leidenschaft per Anrufbeantworter kundgetan hat. Die großartige Sophie Basse gibt der wütenden Marquise neben ihrem intriganten Scharfsinn auch eine tiefe emotionale Verletzlichkeit. Janko Kahle als notorischer Libertin im roten Gewand bestaunt derweil von einem Aussichts turm aus die romantische Schneelandschaft. Bevor er der angeblich so frommen Bordellbesitzerin (Wunderlich) und ihrem Töchterchen (Czeremnych) lüstern hinterherhechelt. Die Story geht nicht ganz nach den Plänen der Marquise auf, ist aber auf jeden Fall einen Champagner wert.
Wenn er nicht gerade andere Rollen übernimmt, glänzt Christian Czeremnych als selbstbewusster, wortgewandter Jacques, der mit philosophischer Gelassenheit das Schicksal walten lässt. Der ungemein bewegliche Sören Wunderlich ist zumeist sein aufgeklärter Gegenspieler im Dauerstress zwischen Aufregung und Selbstbehauptung. Der lautstarke Streit um einen möglichen Rollentausch zwischen Herr und Knecht führt zu keiner Veränderung. Mitunter übernimmt Janko Kahle die Position des Herrn, glänzt aber vor allem als triebgesteuerter Marquis. Sophie Basse brilliert vor allem als Marquise. Die interessanteste Erscheinung in dem Spiel um Sinn und Unsinn allen Tuns ist die ständig präsente Lena Geyer, die mit spielerischem Witz und Empathie mal den Jacques mimt und ansonsten überall eingreift, wo die Komödie des Denkens aus dem Ruder zu laufen droht.
Laberenz‘ Inszenierung in einer eigenen Bühnenfassung nach einer Bearbeitung des Stoffes von Schauspieldirektor Jens Groß ist ein bis ins Absurde gesteigerter wilder Strudel aus Aktionen und Ideen, Fragen nach Identität und Selbstbestimmung, Ursache und Wirkung, Wirklichkeit und Fantasie, Gefühl und Verstand. Sein älterer Kollege Voltaire bezeichnete den großen Enzyklopädisten Diderot einst als „pantophil“, also als Liebhaber von allem. Hans-Magnus Enzensberger nannte den Roman Jacques le fataliste eines der intelligentesten Bücher der Weltliteratur. Diderots Meisterwerk zu lesen oder zumindest einiges über den Autor und seine erzählerischen Strategien zu wissen, kann das Vergnügen an der gelungenen Vorstellung durchaus steigern.
Bei der Premiere Riesenbeifall für das exzellente Schauspiel-Ensemble und das ganze Inszenierungsteam.

Donnerstag, 23.04.2026

Zurück

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.



Letzte Aktualisierung: 07.05.2026 10:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn