Awakening - Uraufführung von Param Vir und David Rudkin im Opernhaus - kultur Nr. 200 - April 2026

- Awakening, Szene mit Hauptdarsteller Cody Quattlebaum, Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen u. Tänzern
Foto: Max Borchardt

Awakening, Szene mit Hauptdarsteller Cody Quattlebaum, Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen u. Tänzern
Foto: Max Borchardt
Erwachen zur Erleuchtung
Eigentlich war das Auftragswerk der Oper Bonn zum Beethovenjahr 2020 vorgesehen.
Dann kam Corona, die mit großem Aufwand vorbreitete Uraufführung musste aufgeschoben werden. Dass Awakening im Rahmen der 2021 initiierten preisgekrönten Reihe „Focus ‘33“ nun einen Tag nach dem Beginn des neuen Krieges im Nahen Osten auf die Bühne kam, ist ein bitterer Zufall. Die Geschichte spielt in einem weiter östlich gelegenen nicht benannten Land. Der indisch-britische Komponist Param Vir (*1952) und der britische Dramatiker David Rudkin (*1936) haben in langjähriger Zusammenarbeit den Lebensweg des Siddhartha Gautama und seine Transformation zum Buddha in ein Musiktheater verwandelt, das mitunter wie ein Oratorium anmutet. Erzählt wird die 2.500 Jahre alte Legende als Spiel im Spiel. Während draußen ein brutaler Krieg tobt, in dem ein feindliches Regime die einheimische Sprache und Kultur vernichten will, probt eine Schauspieltruppe heimlich ein selbst entwickeltes Theaterstück, welches das Leben Buddhas darstellen und seine Lehren für die Nachwelt erhalten soll.
Immer wieder dringt die gegenwärtige Realität in das Bühnengeschehen ein. Bomben explodieren, die Erde bebt. Param Vir und Rudkin dachten anfangs an den Tibet-Konflikt. Nun berichtet bei einer Probenunterbrechung ein junges Mädchen aus der Truppe von der Selbstverbrennung seines Bruders. Das erinnert an den Studenten Jan Palach im „Prager Frühling“ und den tunesischen Gemüsehändler im „Arabischen Frühling“, die als lebende Fackeln gegen die Unterdrückung protestierten.
Der russische Star-Regisseur Vasily Barkhatov, der im Dezember 2025 mit Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk die prominente Eröffnungspremiere an der Mailänder Scala inszenierte und 2028 für einen neuen „Ring“ in Bayreuth verantwortlich sein wird, hat mit seinem künstlerischen Team Zinovy Margolin (Bühne) und Olga Shaishmelashvili (Kostüme) ein beeindruckendes Szenario entwickelt. In einer trockengelegten Schleuse mit riesigen, rostigen Toren dient ein Lastkahn als provisorische Bühne. Leitern führen zu den oberen Galerien. Der Regisseur begrüßt die Mitwirkenden. Sie tragen Sturmhauben oder teilweise mit Ornamenten geschmückte Masken. Sie präsentieren die Geschichte des historischen Prinzen Gautama, der schon als Knabe im Schatten eines Rosenapfelbaumes ein erstes Erleuchtungserlebnis hatte und dann an seinem 29. Geburtstag den Boten von Alter, Krankheit und Tod begegnete, was ihn dazu brachte, sein bisheriges Leben aufzugeben und als Erweckter eine neue Moral zu verkünden. Sein Pferd Kanthak (der Bass Ralf Rachbauer und eine Tänzerin mimen witzig diese Tierfigur) schickte er fort, um sich ab jetzt der Überwindung allen Leidens zu widmen.
Ein prächtiges indisches Bild zeigt im Hintergrund ein Fest im Palasthof, den Gautama am Tag der Feier zur Geburt seines Sohnes für immer verlässt, um als Asket und Gegner jeglicher Gewalt durch das Land zu ziehen. Doch die zerstörerische Wirklichkeit bricht erneut in das Theaterspiel ein. Am Ende des ersten Aktes wird es nach einem Bombeneinschlag dunkel. Doch ein Licht in der Finsternis und die Musik signalisieren Hoffnung. Zu Beginn des zweiten Aktes ist die Bühne ein Trümmerfeld. Zahlreiche Menschen haben
dort Zuflucht gesucht, die Überlebenden werden zu Zuschauern des Bühnengeschehens. Die Schauspieler tragen keine Masken mehr, sondern sind jetzt sie selbst. Der Darsteller des Gautama ist im orangefarbenen Mönchsgewand zur Inkarnation des Buddha geworden, der immer mehr Anhänger um sich schart. Auch seine Stiefmutter, seine Frau und sein Sohn schließen sich seiner Lehre von der Selbsterkenntnis und der Mitmenschlichkeit an, durch die alles subjektive Leiden aufgehoben wird. Ein neuer Luftangriff vernichtet den Schauplatz. Auch Buddha wird tödlich verwundet. Aber die Toten erwachen wieder. Im großartigen Schlussbild bleiben die vom Himmel fliegenden Bomben oben über der Bühne hängen, gestoppt vom Freiheitswillen und dem Gesang der Unterdrückten.
Es ist nicht einfach, sich in diesem vielfigurigen szenischen Panorama zurechtzufinden, auch wenn im Vorspann per Projektion auf dem schwarzen Vorhang einige der Protagonisten kurz vorgestellt werden. Der amerikanische Bariton Cody Quattlebaum gibt den Prinzen Gautama und späteren Buddha mit großer Emphase und stimmlicher Ausdruckskraft. Ansonsten ist fast das gesamte Bonner Solistenensemble beteiligt. Mark Morouse überzeugt als Theaterdirektor. Yannick-Muriel Noah begeistert als Lady Gautami, Katerina von Bennigsen als Gautamas Gattin und als junge Frau mit totem Kind. Tae Hwan Yun leiht verschiedenen Figuren seine tenorale Strahlkraft. Susanne Blattert, Christopher Jähnig, Giorgos Kanaris, Johannes Mertes, Ralf Rachbauer und Martin Tzonev überzeugen jeweils in mehreren Rollen. Vielfach dominiert ein Sprechgesang, ariose Partien sind selten. Der auch szenisch sehr präsente Chor unter der Leitung von André Kellinghaus und der von Ekaterina Kleweitz einstudierte Kinder- und Jugendchor und seine Solisten berühren intensiv. Hinzu kommt ein fünfköpfiges Tänzer-Ensemble, und auch die Statisterie verdient ein großes Lob.
Musikalisch trägt das Beethoven Orchester Bonn unter der präzisen Leitung von Daniel Johannes Mayr den Abend. Die sensible Instrumentierung koloriert die philosophisch aufgeladene Handlung perfekt, illustriert mit rhythmisch wuchtigen Klangblöcken aber auch die Atmosphäre von Gewalt. Bezaubernd ist der silbrige Klang der auf der Bühne platzierten dreiköpfigen Gambengruppe. Klischeehaften Orientalismus mit typisch indischen Instrumenten vermeidet der Komponist bewusst. Dramatische Ausbrüche sind eher selten, mitunter wirkt die vielfarbige Musik bloß wie ein unterstützender Klangteppich ohne aktive Funktion im Bühnengeschehen.
Einfach zu konsumieren ist diese anspruchsvolle, für alle Beteiligten herausfordernde Produktion sicher nicht. Die vielschichtige Oper ist ein Appell zu Selbstreflexion und zum nachhaltigen Eintreten für Kultur, Friede und elementare Empathie. Zu der auch weit über Bonn hinaus für Aufsehen sorgenden Uraufführung waren auch der Komponist und der Librettist angereist. Der überwiegende Teil des Publikums belohnte die Leistung aller Beteiligten mit enthusiastischem Beifall.
Donnerstag, 23.04.2026
Zurück