Kalter weißer Mann von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob im Contra-Kreis-Theater - kultur Nr. 199 - März 2026

Drei Frauen und ein Mann mit entsetzden Blicken und schwarzen Traueroutfits.
Foto: Leo Schumacher Landesbuehne Rheinland-Pfalz
Drei Frauen und ein Mann mit entsetzden Blicken und schwarzen Traueroutfits.
Foto: Leo Schumacher Landesbuehne Rheinland-Pfalz

Scharfzüngige Kulturkampf-Komödie
Ein nicht mehr ganz junger Mann tänzelt vergnügt zu den Klängen von „Oh Happy Day“ von Edwin Hawkins auf die Bühne.

Das passt nicht so recht zu der bevorstehenden Beerdigung. Gernot Steinfels, erfolgreicher mittelständischer Unternehmer, Chef einer Firma für Damen- und Herrenunterwäsche, hat sich den Song gewünscht, bevor er im gesegneten Alter von 94 Jahren friedlich entschlief, nun also ein kalter weißer Mann ist. Sein langjähriger Geschäftsführer Horst Bohne ist nicht unglücklich über das Ableben des alten Patriarchen und rechnet fest damit, dessen Position zu übernehmen. Selbstverständlich wechselt er sofort in den Betroffenheitsmodus, wenn der Priester und die Belegschaft des Betriebs auftauchen.
Auf der von Thomas Riemenschnitter würdevoll mit Urne, Kreuz, Kranz, Kerze und einem griesgrämig blickenden Porträt des Verblichenen ausgestatteten Bühne will freilich keine echte Trauerstimmung aufkommen. Im Publikum, das als Trauergemeinde dem Geschehen beiwohnt, schon gar nicht. Es kommt aus dem Lachen kaum noch heraus angesichts der im Minutentakt prasselnden Pointen und verbalen Giftpfeile. Das Autorenduo Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob landete bereits mit seiner Gesellschaftssatire Extrawurst einen Bühnenhit. 2023 war das Stück in der Regie von René Heinersdorff auch im Bonner Contra-Kreis-Theater zu erleben, derzeit läuft eine prominent besetzte Verfilmung in den Kinos. Mit Kalter weißer Mann, uraufgeführt 2024 am Renaissance-Theater Berlin und seitdem auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen präsent, ist den beiden erneut ein Erfolgsstück gelungen. Im Contra-Kreis steht es jetzt in der flotten, treffsicheren Regie von Katarina Schmidt auf dem Programm.
Den Zündstoff für die neue, witzig mit gesellschaftlichen Klischees spielende Komödie liefert die Kranzschleife. Da steht „In tiefer Trauer. Die Mitarbeiter“. Hat der Betrieb etwa keine Mitarbeiterinnen? Kommunikationschefin Alina Bergreiter bietet an, das Problem per Edding-Stift mit einem Gendersternchen aus der Welt zu schaffen. Auch das mittlerweile beliebte „Mitarbeitende“ wäre akzeptabel, wenn auch grammatisch zweifelhaft. Da hat ihr junger Mitarbeiter Kevin, zuständig für die Social Media-Präsenz, aber schon ein Foto des Kranzes gepostet, was umgehend einen „Shitstorm“ auslöst. Echt „cringe“ (Jugendwort des Jahres 2021)! Praktikantin Kim in einem dem Anlass nicht ganz angemessenen bauchfreien Outfit, Internetnative wie Kevin, wird das alles sowieso „too much“. Zumal sie nach vier Arbeitstagen in Folge ihre Work-Life-Balance ernsthaft in Gefahr sieht. Nur die naive Sekretärin Rieke Schneider ist nicht immer auf der Höhe der laufenden Diskurse. Da geht es bald nicht mehr nur ums Gendern, Diversität und die Definition von nichtbinären Personen, sondern auch um Diskriminierung, Alltagsrassismus, Generationenkonflikte und Machtpositionen. René Heinersdorff glänzt als wortgewandter, schlagfertiger Horst, der mitunter sarkastisch auf die Zumutungen der Political Correctness reagiert und vermutlich den Großteil des Publikums auf seiner Seite hat. Kein klassischer Macho-Typ, sondern durchaus sympathisch.
Knallhart gibt sich Mareike Haas als ehrgeizige Managerin im eleganten Business-Anzug und High Heels (Kostüme: Sylvia Rüger), die jede Gelegenheit nutzt, um den „alten weißen Mann“ vorzuführen. Daniela Wutte als hinreißend begriffsstutzige Rieke sorgt regelmäßig für urkomische Missverständnisse, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck und gibt mitunter der schlichten Vernunft eine Stimme. Eric Haarhaus spielt den jungen Kevin, für den Feminismus längst eine Selbstverständlichkeit ist. Hannah Marie Bahlo ist die selbstbewusste Kim aus der Generation Woke. David Hober als Pfarrer Koch hat seine liebe Not mit den Streithähnen und -hennen, die nicht nur seine Geduld strapazieren, sondern auch seine vorbereitete Rede zum Kreuzweg Christi in eine Strafpredigt gegen den Egoismus unserer Gegenwart münden lassen.
Doch irgendwie wird das Trauergemeinden-Chaos doch noch gebändigt, weil alle einsehen, dass Argumente mehr bringen als aggressive Polemik. Der „alte weiße Mann“, im diskursiven Mainstream verantwortlich für alle Übel dieser Welt, erweist sich notgedrungen als kompromissfähig. Sprache ist nur eine kommunikative Konvention, die manchen Unfug aushält. Das letzte Wort hat Rieke mit dem Beatles-Song „All You Need is Love“. Und alle singen mit.
Stürmischer Premierenapplaus für das fabelhafte Ensemble und die in jeder Hinsicht sternverdächtige Inszenierung. Ein intelligentes Vergnügen, das man/frau sich nicht entgehen lassen sollte!

Montag, 20.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 22.04.2026 12:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn