Und alle so still - nach dem Roman von Mareike Fallwickl - Werkstattbühne - kultur Nr. 197 - Dezember 2024

Eine Frau liegt glücklich/erschöpft auf einer Treppe. Es streichelt ihr eine Frau die Haare.
Foto: Matthias Jung
Eine Frau liegt glücklich/erschöpft auf einer Treppe. Es streichelt ihr eine Frau die Haare.
Foto: Matthias Jung

Leise Wut
Am 24.10. haben sich auch in Bonn Frauen unter dem Motto „Wir sind erschöpft“ stumm auf öffentliche Plätze gelegt, um gegen die alltägliche Ausbeutung und die Belastung durch schlecht oder gar nicht bezahlte Care-Arbeit zu protestieren.

Genau vor 50 Jahren legten in Island rund 90% der Frauen einen Tag lang die Arbeit nieder, um zu demonstrieren: „Ohne uns steht die Welt still“. Das Thema ist virulent geblieben. Im Dezember war die österreichische Autorin Mareike Fallwickl (*1983) im Forum der Bundeskunsthalle zu Gast und präsentierte ihren Bestseller "Die Wut, die bleibt", der im Rahmen der Reihe des Literaturhauses „Bonn liest ein Buch“ seit mehreren Monaten Gegenstand verschiedener Veranstaltungen war. Wenige Tage zuvor feierte "Und alle so still" nach Fallwickls 2024 erschienenem Roman in einer Bühnenbearbeitung der Regisseurin Laura Ollech und der Dramaturgin Susanne Röskens in der Werkstatt seine Premiere.
Es ist kein feministisches Manifest, deklamiert nicht die üblichen Lehrsätze zur Gendergerechtigkeit und zelebriert keine larmoyanten Opferrollen. Zu erleben sind spannende Theaterfiguren. Im Hintergrund eine Wand mit verhängten Torbögen, hinter denen sich imaginierte Räume für Lust, Angst und Sterben verbergen (Ausstattung: Djamilja Brandt). Auf einem hochkant gekippten Einkaufswagen thront Elin (Imke Siebert), erfolgreiche Influencerin. Schicker kurzer Rock, grüne Lackstiefel, perfekt gestylt. Ein bisschen wie Taylor Swift. Munter plappert sie in die Handykamera, was sie ihren 1,2 Millionen Followern heute als Top-Idee verkaufen will. Ohne den Blick ihrer Fans scheint sie in sich zusammenzufallen. Gegen die Einsamkeit im Dauerstress der Selbstoptimierung gibt’s schnellen, anonymen Sex.

Elin trifft zufällig Nuri (als Gast: Till Krüger), Migrant der zweiten Generation, ohne Schulabschluss. Nuri schlägt sich mit prekären Jobs durch, tags als Fahrradkurier, nachts als Kellner in einer Bar und morgens als Bettenschieber in dem Krankenhaus, in dem auch Ruth (Ursula Grossenbacher) angestellt ist. Sie war alleinerziehende Mutter eines behinderten Sohnes und hat nach dessen Tod wieder angefangen, als Pflegekraft zu arbeiten. Sie kennt die Patienten, strahlt menschliche Wärme aus in dem kalten Klinikbetrieb und schuftet bis zur totalen Erschöpfung.

Drei unterschiedliche Menschen am Ende ihrer Kräfte, drei exemplarische Biografien, ergänzt um noch einige weitere, von den drei Akteuren verkörperte Figuren. Eine fortlaufende Erzählung gibt es nicht, sondern eine Folge von Begegnungen und kleinen Szenen. Verbunden durch den allgegenwärtigen Einkaufswagen als Requisit für den alles dominierenden kapitalis tischen Warenverkehr. Der Einkaufswagen kann Bartheke sein, Transportmittel für Fertigessen („Die Leute sind zu müde zum Kochen“) oder Bahre für Kranke und Verstorbene. Aber auch ein Spielzeug, wenn Nuri Elin mitsamt den Besorgungen für eine spontane Wohngemeinschaft fröhlich herumfährt. Dort legt Elin der übermüdeten Ruth liebevoll ein Kissen zurecht – Zuwendung brauchen besonders die, die ständig Zuwendung geben. Elin zieht aber auch mal Boxhandschuhe an für ein Empowerment-Training mit Nuri.
Sich einfach still draußen hinlegen ist ein Zeichen. Lebensgroße Videos auf der Rückwand zeigen eine ganze Reihe von Frauen am Boden. Doch passiver Widerstand gegen den Leistungsdruck hilft nicht weiter. Am Ende nähert sich die Inszenierung doch einem kritischen Traktat: Patriarchale Strukturen bremsen die gerechte Verteilung der zunehmenden Pflegeaufgaben aus. Ohne den ehrenamtlichen Einsatz überwiegend von Frauen würde die soziale Versorgung zusammenbrechen. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen als profitorientierte Unternehmen schauen auf Rentabilität und nicht auf die Menschen. Viel Stoff für politisch hochaktuelle Diskussionen! Überzeugter Premierenbeifall. Die Vorstellungen bis Ende Januar sind bereits ausverkauft.

Freitag, 10.04.2026

Zurück

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.



Letzte Aktualisierung: 16.04.2026 09:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn