Die Ameise - Peter Ronnefeld im Opernhaus - kultur Nr. 198 - Januar 2026

Der Hauptdarsteller sitzt am Tisch, die bunt verkleideten Darstellenden stehen aufmerksam drum herum
Foto: Bettina Stoess
Der Hauptdarsteller sitzt am Tisch, die bunt verkleideten Darstellenden stehen aufmerksam drum herum
Foto: Bettina Stoess

Surreale Tragikomödie
Als Jahrhundertgenie bezeichnete ihn sein Studienfreund, der Kabarettist Herbert Feuerstein. Mit niemandem habe er so viel gelacht wie mit Peter Ronnefeld, berichtete der Schriftsteller Thomas Bernhard.

Mit gerade mal 20 Jahren wurde der 1935 in Leipzig geborene Komponist und Dirigent Dozent am Mozarteum in Salzburg, mit 23 Assistent von Herbert von Karajan an der Wiener Staatsoper. Von 1961 bis 1963 war er Chefdirigent an der Bonner Oper, danach Generalmusikdirektor in Kiel. 1961 wurde seine einzige große Oper Die Ameise, von ihm selbst dirigiert, in Düsseldorf uraufgeführt. Das Libretto hatte er zusammen mit Richard Bletschacher (*1936) verfasst, dem langjährigen Chefdramaturgen der Wiener Staatsoper. Als im Herbst 1965 in Kiel die vieraktige Neufassung der „Ameise“ auf die Bühne kam, war Ronnefeld bereits einer Krebserkrankung erlegen. 1969 gab es noch eine Aufführung am Landestheater Linz, 1986 in Wien eine ORFStudioproduktion. Danach wurden der Komponist und sein Werk vergessen.
56 Jahre nach der letzten szenischen Aufführung hat die Oper Bonn in ihrer von dem 2023 verstorbenen Operndirektor Andreas K.W. Meyer initiierten, preisgekrönten Reihe „Fokus‘33“ die „Ameise“ wieder ins Rampenlicht geholt. Und mit der jungen, aus Kiew stammenden Kateryna Sokolova eine renommierte Regisseurin engagiert, die aus dem musikalisch vielschichtigen Werk großes Theater macht. Dabei hält ihre bildstarke Inszenierung sich eng an die Regieanweisungen der Vorlage. Pures Theater ist bereits der Gerichtsprozess, in dem Maestro Salvatore angeklagt ist, seine Gesangsschülerin Formica (lat. Ameise) ermordet zu haben. Der Bariton Dietrich Henschel, der in Bonn zuletzt als Moses in Schönbergs Moses und Aron (2024 als beste Opernproduktion ausgezeichnet) glänzte, verkörpert fabelhaft diesen unbeirrbaren Klangfanatiker, der seinem Geschöpf verfällt, im Gefängnis landet, eine singende Ameise pflegt und diese schließlich in einem Varieté verliert. Im Bühnenbild von Nikolaus Webern flankieren hohe Zuschauertribünen den Gerichtssaal. „Wir besuchen regelmäßig Prozesse! Wir können uns ein Urteil erlauben!“, singt der bizarr verkleidete und maskierte Chor der Prozessbesucher (tolle Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia). Beim Finale in der Music Hall wiederholen sie die Sätze als Chor von Theaterbesuchern.
Salvatore wirkt fast unbeteiligt bei dem kafkaesken Mordprozess. Die Schauspieler Roland Silbernagl als Verteidiger (später auch als Gefängnis geistlicher und Gefängnisdirektor) und Svenja Wasser als Staatsanwältin (am Schluss die Ausruferin im Kabarett) tänzeln effektvoll durch das absurde Gerichtsspektakel (Choreografie: Sebastian Eilers). Zwei stumme Figuren im klassischen Pantomimen-Outfit (Marina Rosenstein und Julius Westheide) begleiten das gesamte Geschehen. Der Zeuge Professor Mezzacroce (als köstliche Karikatur: Mark Morouse) zelebriert seine Eitelkeit, statt seinen Kollegen zu entlasten. Salvatores Diener (mit frischem Tenor: Ralf Rachbauer) gibt sich loyal. Das langjährige Bonner Ensemble-Mitglied Susanne Blattert als ebenso ehrgeizige wie hysterische Mutter des Opfers demonstriert verzweifelte Trauer.
Der Maestro beschwört den Abschied von seiner Schülerin. Formica hatte als letztes Geschenk eine italienische Arie einstudiert und wollte ihrem Lehrer danken durch eine glanzvolle Zukunft als Opernsängerin. Dann war sie plötzlich tot. Anscheinend hatte der Maestro beim Verhältnis zu seiner Schülerin doch eine Grenze überschritten. Die Sopranistin Nicole Wacker (s. auch S. 14 und 15 in dieser Ausgabe) singt die extrem anspruchsvolle Partie der Formica mit ihren halsbrecherischen Koloraturen absolut großartig. Spielerisch schafft sie perfekt die Balance zwischen mädchenhafter Koketterie und künstlerischem Ernst, verführerischer Weiblichkeit und kühler Distanz. Dabei bleibt ihre Figur in der Schwebe zwischen handfester Körperlichkeit und unfassbarem Fantasiegeschöpf. Das Objekt des Begehrens ihres Meisters, der sie nicht in ein eigenes Leben entlassen konnte. Weshalb er im Gefängnis eine Ameise zu seiner Gefährtin macht und dem winzigen Insekt das Singen beibringen will.
Chronologisch erzählt wird die surreale Geschichte einer Obsession nicht, sondern als groteske Albtraumkomödie. Szenen aus der Vorgeschichte erscheinen in Rückblenden, die jedoch nicht filmisch eingesetzt werden, sondern als Projektionen aus einer anderen Wirklichkeit. Der Gerichtssaal verwandelt sich in eine Gefängniszelle. Eine weiße Wand und ein Gitter schweben vom Schnürboden. Hinter der hellen Fläche wird die Welt zum Schattenspiel. Der Gefängniswärter und passionierte Insektensammler Melter (der Tenor Ján Rusko) verlangt nach Salvatores geliebter Ameise. In einem gespenstischen Intermezzo singt der Herrenchor aus Melters wissenschaftlichem Insektenbuch wie eine große Litanei die lateinischen Namen aller verzeichneten Ameisenarten. Ein irrwitziges Zwischenspiel liefern der Bariton Carl Rumstadt und der Tenor Tae Hwan Yun als Gauner-Duo Fassadendieb und Taschenkletterer, die von ihren derben Abenteuern berichten. Ein sprachliches und komödiantisches Glanzstück, wobei Yun auch noch auf Kochtöpfen den Takt schlägt.
Gegen seine Haftentlassung sträubt Salvatore sich vergeblich. Die fremde Außenwelt bedeutet ihm nichts mehr, nur der Glaube an die singende Ameise auf seiner Fingerspitze hält ihn aufrecht. Einsam irrt er durch die Stadt und landet in einem Amüsiertheater mit blinkenden Lämpchen und rasch hereingefahrener Showtreppe. Ein sensationelles Insektenballett wird angekündigt. Salvatore fordert seine Ameisenkönigin auf zu singen. Ein Kellner wischt das lästige Tierchen achtlos vom Tisch. Salvatores Dasein hat keinen Sinn mehr.
Es ist eine absurde Tragikomödie voller feiner Ironie, höchst unterhaltsam neu präsentiert. Brillant zum Klingen bringt das der musikalische Leiter Daniel Johannes Mayr, als Erster Kapellmeister der Oper Bonn quasi ein Nachfolger des Komponisten. Großartig arbeitet er all die Anspielungen und parodistischen Elemente der Partitur heraus. Eine absolute Spitzenleistung liefert das Beethoven Orchester, das die rhythmischen Brechungen elegant bewältigt und in vielen solistischen Passagen glänzt. Vom Gregorianischen Choral bis zur Zwölftonmusik, von Walzer bis Jazz – es ist eine vielfarbige Mischung voller geistreicher Details und verrückter Überraschungen. Spielerisch und sängerisch exzellent agiert auch der Chor unter der Leitung von André Kellinghaus.
Das Ganze ist kein psychologisches Drama, sondern eine große theatrale Metapher. Die Wiederentdeckung dieses Meisterwerks hat sich unbedingt gelohnt. Begeisterter Premierenbeifall für ein musikalisches Bühnenereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Es könnte der Beginn einer erneuten Wahrnehmung des allzu früh verstorbenen Genies Ronnefeld sein.

Freitag, 10.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 15.04.2026 21:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn