Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss im Opernhaus - kultur Nr. 198 - Januar 2026

- Ein Liebespaar schaut sich in die Augen. Rechts hält sich eine Dame ergriffen die Hand aufs Herz.
Foto: Matthias Jung

Ein Liebespaar schaut sich in die Augen. Rechts hält sich eine Dame ergriffen die Hand aufs Herz.
Foto: Matthias Jung
Theatrale Radikalkur
Immer wieder stopfen die Kaiserin und die Färberin sich Kissen unter die Kleider und simulieren Schwangerschaft: Frauen müssen Nachwuchs zur Welt bringen.
Die von der patriarchalen Gesellschaft tolerierte Alternative zu Ehe und Kindersegen ist Prostitution. Regie-Altmeister Peter Konwitschny hat die symbolbeladene Oper "Die Frau ohne Schatten" nicht nur auf ein einfaches Modell reduziert, sondern auch dramaturgisch und musikalisch einiges umgestellt oder gestrichen. Was als „Versuch einer Annäherung“ deklariert war, heißt auf der Eintrittskarte inzwischen „Eine theatralische Untersuchung von Peter Konwitschny“.
Das seltsam versponnene Märchen von der Tochter des Geisterkönigs Keikobad, die zu ihrer Menschwerdung einen Schatten braucht, erzählt die Inszenierung nicht. Das romantische Motiv des verlorenen oder verkauften Schattens und der damit abhanden gekommenen Seele spielt schon in Hugo von Hofmannsthals "Libretto" eine untergeordnete Rolle. Eher ging es in der zwischen 1911 und 1919 entstandenen Dichtung um die archetypische Schattenwelt des Unbewussten. Über 100 Jahre nach der Uraufführung des Werkes, das der Komponist Richard Strauss einst als sein „Schmerzenskind“ bezeichnete, mag Frau ihm wie die Dramaturgin Bettina Bartz „ultrareaktionäre Sichtweisen“ bescheinigen. Eine neue Lesart aus „heilsamer Distanz“ erscheint also angesagt. Zu besichtigen ist die radikale Dekonstruktion der Vorgänge in einer paradoxen Scheinwelt.
Doch erst mal wird die Luft bleihaltig wie in einer Krimiparodie. In einer Tiefgarage fallen Schüsse, ein Geldkoffer wechselt den Besitzer. Der Kaiser in seiner Luxuslimousine lässt sich beiläufig von der Amme oral befriedigen, bevor er wieder zur Jagd aufbricht. Schon vor Jahresfrist hat er die Tochter des konkurrierenden Clan-Chefs erbeutet und zu seiner Kaiserin gemacht. Leider ist die junge Frau, die zuvor als weiße Gazelle in Freiheit lebte, immer noch nicht schwanger geworden. Was ihrem alten Vater zwar ganz recht ist, den Aufstieg des neuen Bosses jedoch gefährdet. Zudem hängt dieser immer noch an seiner ehemaligen Geliebten und Jagdgefährtin Frau Falke.
Ausstattungs-Großmeister Johannes Leiacker (Bühne und Kostüme) hat die wechselnden Schauplätze detailreich durchgestaltet. Im scharfen Kontrast zur düsteren Unterwelt der Tiefgarage steht die klinisch weiße Welt des reproduktionsmedizinischen Instituts, das hier an die Stelle der ärmlichen Färberwerkstatt tritt. Schönfärberei zwischen Abtreibung, Insemination und Genmanipulation. Barak ist hier der Oberarzt, seine proletarische Gattin führt ein strenges Regiment zwischen Embryos in Formaldehyd und Klinikbetten. Kinder gebären will die robuste Frau im bunten Arbeitskittel ganz entschieden nicht. Dass der brave Doktor Barak seine behinderten Brüder versorgt und mitunter Partys mit tanzenden Krankenschwestern feiert, macht seine Angetraute nicht zugänglicher. Einen schönen Jüngling verschmäht sie, die Stimmen der Wächter, die Barack gern im Radio hört, schaltet sie wütend aus.
In dieser merkwürdigen Heilanstalt suchen die mütterliche Amme und ihre Schutzbefohlene, getarnt als Putzpersonal, die Lösung ihrer Probleme. Das mit der Schwangerschaft klappt schließlich doch, wenn auch per Partnerwechsel. Der Kaiser im Arztkittel schiebt den berauschten Barak einfach auf dem Bett beiseite und schnappt sich die Färberin. Die Kaiserin besteigt mit plötzlich erwachter Lust den passiven Färber. Den Orgasmus liefert Strauss‘ Musik unmissverständlich selbst.
Aufgehoben ist das soziale Gefälle. Ärzte genießen üblicherweise ein höheres gesellschaftliches Ansehen als Mafiapaten.
Singend in die Pfanne springende Fischlein wie im Märchen gibt es hier selbstredend auch nicht. Aber immerhin ein beruhigendes Video-Aquarium, vor dem die Amme später als Paartherapeutin fungiert. Auch wenn der alte Text und die neue Story nicht immer zueinander passen – zu sehen gibt es eine Menge. Wobei es durchaus hilfreich ist, die Handlung des Originals zu kennen, um die hintergründige Ironie der verfremdeten Metaphern wahrzunehmen. Zumal die Musik trotz der Kürzungen von über vier Stunden auf knapp drei, manches Ungesagte deutlich macht. Das opulent besetzte Beethoven Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan entfaltet einen mitreißenden Klangrausch, arbeitet sorgsam Nuancen heraus und lässt manche Ungereimtheiten auf der Bühne vergessen.
Grandios ist die Sängerbesetzung, allen voran Anne-Fleur Werner als Kaiserin, die zwischen den Welten auf der Suche nach ihrem Daseinssinn ist. Strahlend schön und zutiefst verzweifelt, leidend und aufbegehrend – sängerisch eine Höllenpartie, die sie auch schauspielerisch glänzend verkörpert. Aile Asszonyi gibt mit fabelhafter stimmlicher und spielerischer Energie die eigensinnige Färberin. Ruxandra Donose ist mit kraftvollem dramatischem Sopran die Amme, die sich allerhand Demütigungen gefallen lassen muss, aber stets den Kopf oben behält. Der irische Helden tenor Aaron Cawley überzeugt als gefühlsunsicherer Kaiser, der seine Position zwischen Geschäft und Liebe noch finden muss. Alyona Guz verkörpert betörend die Stimme des blutenden Falken.
Der Bariton Giorgos Kanaris, das einzige Bonner Ensemble-Mitglied in einer zentralen Rolle, verleiht dem anständigen Barak nicht nur stimmliche Strahlkraft, sondern auch menschliche Würde und Individualität. Immerhin ist er die einzige Figur der Oper, die einen Namen trägt. Hervorragend bewähren sich auch die Ensemble-Mitglieder Tobias Schabel, Carl Rumstadt und Christopher Jähnig als Boten und unsichtbare Stadtwächter. Johannes Mertes, Martin Tzonev und Andreas Conrad sind die verkrüppelte Verwandtschaft, in der sich auch die Kriegserfahrungen des Komponisten und des Dichters spiegeln. Der Damenchor unter der Leitung von André Kellinghaus macht seine Sache gut. Ebenso die Statisterie, die am Ende noch mal aus der Tiefgarage hoch hinaus darf in ein nobles Sky-Lounge-Restaurant mit spektakulärem Blick über die erleuchtete Stadt. Dort hat sich die ganze Gesellschaft versammelt. Die Amme schiebt einen Kinderwagen mit zwei Babys herein. Das himmlische Finale mit den jubelnden Stimmen der Ungeborenen ist freilich gestrichen. Der Kaiser ist zwar nicht versteinert, wie einst angedroht, sondern sitzt im Rollstuhl. Doch der alte Clan-Zwist schwelt weiter. Finale im Tarantino-Stil: Die Frauen haben ihren Zweck erfüllt und werden kurzerhand abgeknallt. Mit letzter Kraft röchelt die Amme: „Übermächte sind im Spiel.“
Frauenfreundlich ist die Inszenierung sicher nicht, vielmehr eine Parodie alter Männerfantasien. Bei der Premiere folgte begeisterter Beifall für Orchester, Sängerinnen und Sänger sowie die musikalische Leitung. Und ein Proteststurm für die Regie. Der 80jährige Konwitschny nahm es gelassen hin. Die aufwändige Produktion feierte im Oktober 2024 ihre wegen der Pandemie lange aufgeschobene Premiere in Tokyo und zieht demnächst weiter nach Madrid.
Freitag, 10.04.2026
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