Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Riccardo Ferreira - Von Emil bis Andres, Courley und Colly - kultur Nr. 185 - April 2024

Zum ersten Mal auf der Bühne stand er 2010 mit dreizehn Jahren in der Titelrolle von Erich Kästners Klassiker „Emil und die Detektive“, als flottes Musical inszeniert von Andreas Lachnit am Jungen Theater Bonn.

Riccardo Ferreira, geboren 1997 in Bad Neuenahr als Sohn eines italienischen Mechatronikers und einer portugiesischen Friseurin, wuchs in Bad Godesberg auf, wenige Meter entfernt von dem italienischen Restaurant, wo wir uns zum Kaffee verabredet haben und wo er schon als Kleinkind das ganze Personal kannte. „Die Idee mit dem Theater kam nicht von mir. Meine Mutter hatte mich zu einem Workshop beim JTB angemeldet, weil sie das gut für mich fand. Eigentlich hatte meine Familie keine besondere Beziehung zur Kunst. Ich war bis dahin auch noch gar nicht im Theater gewesen. Aber die Kurse, die damals noch in der Tapetenfabrik stattfanden, machten mir Spaß. Als ich hörte, dass es ein Casting für ‚Emil‘ gäbe und dass dafür gute Singstimmen gesucht würden, habe ich mich einfach zum Vorsprechen beworben. Vorgesungen habe ich damals ‚Open Arms‘ von der amerikanischen RockBand Journey, nicht gerade ein Kinderlied. Bereits im Kindergarten habe ich total gern gesungen. Auch wenn ich jetzt mehrfach in musikalischen Produktionen mitwirkte und häufig auf meine Stimme angesprochen werde, in erster Linie bin ich Schauspieler.“ Nach der Grundschule wechselte Riccardo auf Empfehlung seiner Klassenlehrerin auf die Realschule in Meckenheim. „Es war wichtig für mich, dass ich wegen des Theaters regelmäßig ins Bonner Stadtzentrum fahren durfte und einfach mehr Anregungen bekam. Es war auch lustig, wenn ich morgens mit dem Linienbus 855 nach Meckenheim fuhr und viele Kinder in den Schulbussen mich erkannten: Schau mal, da ist Emil! Wegen der vielen VormittagsVorstellungen und auswärtigen Gastspiele war ich oft vom Unterricht freigestellt. Obwohl ich den Theaterbetrieb ziemlich gut kennenlernte und auch mochte, habe ich nie darüber nachgedacht, das Spielen zum Beruf zu machen. Ich habe noch eine kleine Rolle im ‘Fliegenden Klassenzimmer‘ übernommen, aber nach zwei Jahren erst mal mit dem Theater Schluss gemacht. Hinzu kamen die übliche Verunsicherung durch den Stimmbruch und diverse andere Interessen.“ Nach dem Realschulabschluss absolvierte Riccardo eine kaufmännische Lehre im Feinkosthandel. „Ich habe mich erst mal auf die Ausbildung konzentriert. Irgendwann traf ich zufällig Lean Fargel wieder, den ich am JTB kennengelernt hatte. Er studierte damals Schauspiel an der AlanusHochschule. Und plötzlich fiel die Entscheidung, es doch mit dem Theater zu versuchen und mich um einen Studienplatz zu bemühen, obwohl ich kein Abitur hatte. Freunde haben mir bei den Bewerbungsschreiben und beim Einstudieren der Vorsprechrollen geholfen. Beim dritten Anlauf hat es tatsächlich geklappt: Die Hochschule für Musik und Theater Hamburg lud mich zum Vorsprechen ein. Weil ich kein Geld hatte, fuhr ich schwarz mit der Bahn dorthin, war extrem aufgeregt, schlecht vorbereitet und versuchte im letzten Moment noch, den geforderten dritten Monolog zu lernen. Glücklicherweise musste ich den nicht mehr präsentieren. Warum auch immer: Ich bekam einen Studienplatz. Damit änderte sich das ganze Leben. Ich wohnte nun in einer fremden Großstadt, die mir jedoch bald gefiel. Es war eine sehr intensive Zeit – wir waren nur acht Studierende in der Klasse – mit fast täglich neuen Erfahrungen.“ Während der Ausbildung wirkte Riccardo schon in mehreren Produktionen an den Hamburger Kammerspielen und am Deutschen Schauspielhaus mit. Besonders geprägt hat ihn die Arbeit mit dem Regisseur Sewan Latchinian. In dessen Uraufführungsinszenierung der Komödie „Der koschere Himmel“ von Lothar Schöne in den Hamburger Kammerspielen verkörperte Riccardo acht verschiedene Figuren. 2022 spielte er an der Seite von Udo Samel, mit dem ihn seitdem eine kleine Freundschaft verbindet, einen jungen Arzt in der Uraufführung von Michel Bergmanns „Herr Klee und Herr Feld“. 2023 wirkte er in Latchinians Inszenierung „Die weiße Rose“ mit. „Solche Engagements, die Mitwirkung bei Lesungen und gelegentliche Filmund TVDrehs waren natürlich auch gut, um etwas Geld zu verdienen. Zeitweise habe ich nebenbei in einer Pizzeria gearbeitet.“ Die Produktion zum Studienabschluss war dann 2022 am Deutschen Schauspielhaus das Stück „Blank“ von Alice Birch in der Regie von Julia Hölscher. Neben ihr als Dozentin nennt Riccardo besonders noch die Schauspielerin Christiane von Poelnitz als großartige SprachLehrerin. Er liebt die Arbeit an Texten und gebundener Sprache. „Verse und Reime sind faszinierend und haben etwas Konkretes – fast wie Musik. Ich spiele zwar kein Instrument und habe keine richtige Gesangsausbildung, verfüge aber über ein gutes Rhythmusgefühl.“ Das half ihm auch, als er ganz kurzfristig für Christoph Gummert einsprang als Ariel in Shakespeares „Sturm“ im Bonner Schauspielhaus. „Ich hatte knapp zwei Tage Zeit, um die Rolle zu lernen, bekam keinen Clip im Ohr, sondern rannte quasi direkt auf die Bühne.“ Seinen Vertrag in Bonn hatte er da schon in der Tasche. Seit dem 1. März 2023 ist er festes EnsembleMitglied am Theater Bonn. Sein richtiges Debüt gab er hier im Frühsommer 2023 mit den ehrlichen Figuren Sheet, Bowl und Hook in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ in der Regie von Laura Linnenbaum. Für die Rückkehr nach Bonn entschied er sich nicht nur wegen der Nähe zu seiner Familie und vielen Freunden, sondern weil er das Haus künstlerisch spannend fand und gern unter der Leitung des Schauspieldirektors Jens Groß arbeiten wollte. Wegen eines Unfalls konnte Riccardo zu Beginn dieser Saison den streitsüchtigen Curley bei der Premiere von Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ leider nicht spielen, sondern übernahm die Rolle erst in späteren Aufführungen. In Büchners „Woyzeck“ war er dann der Soldat Andres, der die Nöte seines Freundes nicht begreift, wie eine Marionette herummarschiert und irgendwie doch noch an die Menschen glaubt. „Die Proben zu ‚Woyzeck‘ in der Regie von Sarah Kurze waren eine sehr spannende Zeit, weil wir viel mit den Figuren und verschiedenen BüchnerTexten experimentiert haben.“ Sein Gesangstalent konnte er dann mit etlichen Liedern unter Beweis stellen in Roland Riebelings ungemein berührender Inszenierung von Plenzdorfs „Legende von Paul und Paula“ (s. Kritik auf S. 4), wo er den Colly spielt. Ein großer Erfolg wurde zudem der neu ins Programm genommene Liederabend „Unplugged“ mit den schönsten Songs der letzten fünf Spielzeiten, sehr witzig inszeniert von Hausregisseur Simon Solberg. Extra für Riccardo neu eingefügt sind dabei zwei Lieder in den beiden Sprachen, mit denen er aufgewachsen ist und die er – neben Deutsch natürlich – fließend beherrscht: „Se bastasse una canzone“ von Eros Ramazzotti und „Ó Gente da Minha Terra“ von der bekannten FadoSängerin Mariza. Mittlerweile haben mit Solberg die Proben zu „Archetopia“ begonnen. Auch wenn diese „musikalische Utopiesuche“ noch längst nicht abgeschlossen ist – sicher ist, dass es wieder was zu singen gibt. Bei der zweiten Vorstellung von „Unplugged“ saß auch Giselheid Hönsch im Publikum, die einst am JTB Emils Großmutter spielte und nun vergnügt beobachtete, was aus ihrem ‚Bühnenenkel‘ geworden ist. Riccardos Mutter, die ihn damals zum Theater brachte, kommt selbstverständlich stets zu den Premieren ihres Sohnes. Und wenn Riccardo Zeit hat, schaut er gern mal im JTB vorbei, wo alles angefangen hat.

Montag, 24.06.2024

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