Spohr, Louis (1784 - 1859)

kultur 121 - Dezember 2015

Der in Braunschweig geborene Musiker war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Als Violinspieler trat er in unzähligen Konzerten auf und erlangte neben seinem Zeitgenossen Niccolò Paganini internationale Berühmtheit. Er dirigierte auf in- und ausländischen Musikfesten eigene und fremde Werke und trug zur Entwicklung der modernen Orches­terkultur bei. Als Komponist schuf er eine Fülle von Werken fast jeder Gattung.
Seit seinem fünften Lebensjahr auf der Violine unterrichtet, wurde Spohr 1799 als zweiter Geiger der Hofkapelle des Herzogs von Braunschweig angestellt. Zu dieser Zeit entstanden für eigene Auftritte sein erstes Violinkonzert und Kammermusikwerke. Von April 1802 bis Juni 1803 begleitete Spohr den Virtuosen Franz Eck auf einer Konzerttournee nach St. Petersburg. Während dieser Reise erhielt er neben intensivem Violinunterricht die Möglichkeit, die Geschäftspraktiken eines reisenden Virtuosen und die Organisation öffentlicher Konzerte zu erlernen. 1804 brach er schließlich zu einer eigenen Konzertreise auf, die ihm durch Auftritte in Leipzig, Dresden und Berlin eine hymnische Rezension in der Allgemeinen musikalischen Zeitung (AmZ) eintrug. Der Intendant der Hofkapelle in Gotha wurde dadurch auf Spohr aufmerksam und stellte ihn 1805 als Konzertmeister ein. In dieser Stadt heiratete er die Harfen- und Klaviervirtuosin Dorette Scheidler. Mit seiner Frau unternahm er einige mehrmonatige Konzert- und Kunstreisen durch Deutschland. Dafür komponierte er mehrere Werke für Harfe und Violine. Während der Zeit in Gotha begann Spohr darüber hinaus, Werke in allen Gattungen zu komponieren; es entstanden auch Opern, Orchesterwerke und Oratorien.
1813 folgte er dem Ruf als Konzertmeister an das Theater an der Wien. Dort kam er in engen Kontakt mit Beethoven und anderen Wiener Künstlern. 1815 reiste Spohr mit seiner Frau erneut, diesmal durch die Schweiz, Italien (hier machte er Bekanntschaft mit Paganini) und Holland, bevor er 1817 die Kapellmeisterstelle am Theater in Frankfurt am Main annahm.
Zwei Jahre später verließ er Frankfurt mit einem Vertrag der Philharmonischen Gesellschaft London in der Tasche. Seine Auftritte dort begründeten sein hohes Ansehen in England. Nachdem er sich für kurze Zeit in Dresden niedergelassen hatte, wurde er zum Hofkapellmeister nach Kassel berufen. Seit 1822 war hier sein Wirkungskreis, den er (außer einigen Reisen) bis zu seinem Tode nicht mehr verlassen sollte. Unter Spohrs Dirigat erreichte das dortige Orchester ein bislang nicht erreichtes Niveau. Zudem war er Mitbegründer des Kasseler Cäcilienvereins, für den etliche Chorwerke entstanden. Spohrs häusliche Kammermusiksoiréen wurden zum Anziehungspunkt für viele reisende Künstler und regten ihn zwischen 1822 und ‘35 zur Komposition von 16 Quartetten, zwei Quintetten und drei Doppelquartetten an.
Die letzten 25 Jahre seines Lebens waren geprägt von Schicksalsschlägen – unter ihnen 1834 der Tod seiner Frau (zwei Jahre später heiratete er seine zweite Frau Marianne Pfeiffer) –, zunehmenden Konflikten mit dem Landesherrn und allmählich nachlassender Schöpferkraft. Auf seinen Reisen durch Deutschland und nach England war Spohr nach wie vor eine gefeierte Persönlichkeit. Regenten und Institutionen im In- und Ausland überhäuften ihn mit Auszeichnungen, Ehrenmitgliedschaften und Geschenken. 1857 wurde Spohr vorzeitig pensioniert. Nachdem er durch einen Armbruch sein Geigenspiel aufgeben musste, starb Spohr zwei Jahre später an Altersschwäche.
Spohr war ein gefragter Violinlehrer und unterrichtete Schüler aus dem In- und Ausland. Seinen 20 in Gotha ausgebildeten Violinisten vermittelte er auch eine umfassende soziale Bildung: Er bezog seine Schüler in Kammermusikabende ein, ließ sie Erfahrungen in der Hofkapelle sammeln und besuchte mit ihnen Fabriken und Bergwerke. Spohr veröffentlichte eine Violinschule, die auch noch heute erhältlich ist.
Bereits 1810 sorgte Spohr mit einer neuen Dirigiertechnik für Aufsehen; „mit einer Papierrolle, ohne alles Geräusch“ (AmZ). Zehn Jahre später dirigierte er erstmals in London mit einem Stäbchen.
Spohrs Schaffen „huldigte“ „mehr dem Weichen und Innigen, als dem Kräftigen und Glänzenden. Man kann nicht behaupten, daß er nicht unter Umständen groß, gewaltig, ergreifend zu schreiben vermochte, aber der immer Maaß, Ordnung, Ruhe und strenge Form wahrende, stets höchste, ideale Bahnen wandelnde Meister geht nicht darauf aus, wilde Leidenschaft zu entflammen, maßlose Verzweiflung zu schildern, höchster Sinnlichkeit verzehrenden Ausdruck zu geben. Ihm ist die musikalische Kunst eine beglückende, beruhigende, veredelnde, Leid und Aufregung stillende, keine berauschende und verwirrende.“
Seine Oper Jessonda (1823) konnte sich als einzige bis zum Ende des Jahrhunderts im internationalen Spielplan halten. Seine im 19. Jh. beliebteste Sinfonie war die 4. mit dem Titel Die Weihe der Töne aus dem Jahre 1832. Mit der siebten Sinfonie betrat Spohr musikalisches Neuland, sie ist eine sogenannte „Doppelsinfonie“ (s.u.). In den Gattungen wie beispielsweise dem virtuosen Violinkonzert, dem Violinduett, dem Klarinettenkonzert oder der Harfenmusik gehören Spohrs Werke zum Besten, was die Komponistengeneration zwischen ­Mozart und Mendelssohn hervorbrachte. E.H.


Hörtipps:
- Symphonies 7 & 9; NDR Radiophilharmonie, Griffiths; CPO.
- Violin Concertos Nos 7 & 12; Takako Nishizaki, Philh. Kammerorch. Bratislava, Libor Pesek; Naxos.
- Harfe & Violine, Sonates concertantes; Holliger, Füri; Jecklin.

Dienstag, 02.02.2016

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