Christian Georg - kultur 116 - Mai 2015

Christian Georg
Foto: Thilo Beu
Christian Georg
Foto: Thilo Beu

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Christian Georg: Schuberts Winterreise mit dem Jugendchor und eine Menge Opernrollen

In den letzten Monaten spielte sich sein Leben vorwiegend auf der Opernbühne und in Probenräumen ab. Denn der Tenor Christian Georg, seit dieser Spielzeit Mitglied des Solis­ten-Ensembles, wirkt in fast allen laufenden Produktionen der Bonner Oper mit. Durchweg in kleineren Partien, was er jedoch zu schätzen weiß: „Es ist mein erstes festes Engagement. Da ist es schön, Erfahrungen zu sammeln mit ganz unterschiedlichen Musikstilen, verschiedenen Regiehandschriften und den Ensemble-Kollegen. Außerdem ist es reizvoll, ständig in anderen Sprachen zu singen. Fidelio und Salome auf Deutsch, Giovanna d’Arco und Turandot auf Italienisch, Hoffmann auf Französisch und jetzt Thebans auf Englisch. Jedes Idiom hat seine ganz eigene Klangfarbe und weckt über die reine Semantik hinaus besondere Assoziationen.“
Knapp zweieinhalb Wochen vor der Premiere von Thebans steht die erste Bühnenorchesterprobe an. „Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie dann alles zusammenklingt. Julian Andersons Komposition hat ja durchaus melodiöse Passagen und ist in gewisser Weise ‚eingängig‘, also für an klassische Musik gewöhnte Ohren recht verständlich.“ Georg singt im ersten Akt den Fremden aus Korinth und im zentralen zweiten Akt Antigones Bräutigam Haemon, der eine dramatische Auseinandersetzung mit seinem Vater Kreon hat. Die Inszenierung ist dieselbe wie bei der Londoner Uraufführung (s. Vorschau in dieser kultur). Aber bis auf Peter Hoare als Kreon sind alle Rollen neu besetzt, und natürlich füllt jeder Sänger das Werk mit individuellen Akzenten.
Mit der Klangkunst des 21. Jahrhunderts hat der 1984 in (West-)Berlin als Sohn einer musikliebenden Pastorenfamilie geborene Chris­tian Georg sich ebenso auseinandergesetzt wie mit früheren Epochen. Mit sieben Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht, lernte nach dem Umzug der Familie nach Schwaben Saxophon, Orgel und Dirigieren, machte als Schüler eine C-Ausbildung als evangelischer Kirchenmusiker und verdiente sich sein Taschengeld als Organist bei Gottesdiensten. An der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart studierte er Schulmusik mit dem Leistungsfach Gesang und absolvierte 2009 sein Staatsexamen. „Eine pädagogische Laufbahn strebte ich eigentlich nicht an, aber das Lehramtsstudium sehe ich als gute Grundlage. Schon vorher hatte ich in verschiedenen Chören mitgewirkt, klassischen Gesangsunterricht erhielt ich jedoch erst im Studium. Es stand schnell fest, dass ich das intensivieren wollte.“ An der Musikhochschule Freiburg absolvierte er 2012 seinen Bachelor und 2014 nach diversen Meisterkursen sein Master-Examen im Fach Gesang und Oper bei dem brasilianischen Tenor und Professor Reginaldo Pinheiro, den er als seinen wichtigsten Lehrer nennt.
Schon während seiner Ausbildung in Freiburg führten ihn solistische Engagements regelmäßig durch ganz Baden-Württemberg und darüber hinaus. Händels Messias, Bachs Weihnachtsoratorium, die Johannes-Passion und viele Kantaten gehören ebenso zu seinem Repertoire wie Mozarts Requiem, Beethovens 9. Sinfonie und Dvoráks Stabat Mater. Mit einigen Kommilitonen gründete er 2010 in Stuttgart das Ensemble „KlangKunst“, das A-Cappella-Literatur von der Renaissance bis zur Moderne auf dem Programm hat. „Alle Konzerte haben wir selbst organisiert“, erzählt Georg, der wegen seines Bonner Engagements dafür allerdings keine Zeit mehr hat. Außerdem sang er im SWR-Vokalensemble Stuttgart, das sich besonders mit Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart international profiliert hat.
In den letzten Jahren trat immer mehr das Musiktheater in den Mittelpunkt seiner Arbeit. An der Freiburger Opernschule sang er nach diversen anderen Partien den König Ouf in Chabriers komischer Oper L’Étoile und zuletzt den Ferrando in Mozarts Così fan tutte. An der Opernschule Stuttgart ­gastierte er in der Titelrolle von Zemlinskys Einakter Der Zwerg. „Es war eine echte Herausforderung, dieses unglückliche Geschöpf zu verkörpern, das an seinen Illusionen zugrunde geht. Natürlich war’s auch toll, an meiner ehemaligen Hochschule aufzutreten.“ Bei den Osterfestspielen 2013 in Baden-Baden sang er im dortigen Stadttheater den „Prince Charmant“ in der Salon-Oper Cendrillon von Pauline Viardot, begleitet von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und Stipendiaten von deren Orchester-Akademie. Im Herbst 2014 wirkte er am Pfalztheater Kaiserslautern mit in der selten gespielten Oper Friedenstag von Richard Strauss. Georg sang den Piemonteser, der bei der Münchner Uraufführung 1938 von dem jungen Peter Anders verkörpert wurde.
„Schauspiel-Unterricht gehört selbstverständlich zum Ausbildungsprogramm, das Meiste lernt man jedoch in der Praxis“, erklärt Georg. Bei der Wiederaufnahme von Turandot im Mai singt er den Küchenmeister Pong, auch bei der Gala am 30. Mai mit dem Startenor José Cura als Kalaf. In Salome war er als 2. Jude zu erleben, wobei ihm gerade bei dem Judenquartett auch seine lange Chor-Erfahrung zugutekam. „Stimmlich ist das gar nicht so schwierig, aber es braucht ein sehr präzises Timing.“ Wirklich be­geis­­tert ist er von der Arbeit an Hoffmanns Erzählungen, wo er als Cochenille, Pitichinaccio und Frantz auftaucht. Gut erkennbar als lebendig gewordenes Bronzedenkmal des Komponisten. „Mir gefällt besonders, dass die Regie der Musik fast Takt für Takt folgt. Die Inszenierung lässt einen in eine andere, fantastische Realität eintauchen. Selbst als Beteiligter entdecke ich bei jeder Vorstellung neue Details.“
Mit Konzert- und Liedgesang beschäftigt sich Georg weiterhin. Deshalb hat er sich gefreut, den Solopart in der großen Jugendchor-Produktion Fremd bin ich eingezogen (s. Kritik in dieser kultur) zu übernehmen. „Das hat wirklich nichts mit meiner Schulmusik-Ausbildung zu tun. Auf der Bühne sind die Kinder und Jugendlichen für mich gleichwertige Partner. Fantastisch finde ich bei Schubert die Tiefe der Musik, die bei aller scheinbaren Schlichtheit existenzielle Dimensionen auslotet. ‚Die Winterreise‘ trifft das Lebensgefühl Heranwachsender, berührt allerdings in jeder Lebensphase. Weil ich selbst gern Saxophon gespielt habe, gefällt mir die Begleitung durch dieses Instrument besonders.“
Seinen ersten großen Auftritt in Bonn hatte Georg bei dem gründlich verregneten Picknick-Konzert der Beethoven Orches­ters Bonn Ende August 2014 und hofft, dass bei der nächsten Auflage dieses populären Open-Air-Events am 2. Juli die Sonne scheint. Die Stadt Bonn, wo seine Agentur die Intendanz von seinem Talent überzeugte, gefällt ihm sehr gut, obwohl er sich außer in den Museen noch kaum in der Kulturszene umschauen konnte. Über eine zukünftige Traumrolle denkt der lyrische Tenor derzeit nicht nach: „Ich weiß nicht, wie sich meine Stimme ent­wickelt. Klar ist nur, dass man damit sorgfältig umgehen muss. Ich liebe die Oper, weil sie etwas Ganzheitliches hat, alle Künste zusammenführt und jeden unserer Sinne direkt beansprucht. Ein theoretischer Überbau ist da gar nicht so wichtig, obwohl die Beschäftigung mit der Ideengeschichte viel nützt.“ Deshalb erforscht er schon mal gründlich seine größeren Partien in der kommenden Spielzeit. Beginnend gleich auf hoher See: In Wagners Fliegendem Holländer debütiert er als Steuermann.

Donnerstag, 10.09.2015

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