Familie Malente - kultur 106 - Mai 2014

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Familie Malente: Vom Traumschiff ins Schlagerparadies

Vom Traumschiff ins Schlagerparadies
Vor zehn Jahren erfüllten sie sich einen Traum: Eine eigene abendfüllende Theaterproduktion. Souvenirs hieß ihre erste Schlager-Revue, die im September 2003 in Hamburg ihre umjubelte Premiere feierte und dann auf Gastspielreisen ging. Es blieb jedoch bei wenigen Einzelvorstellungen. Knut Vanmarcke und Dirk Voßberg, alias Peter und Vico Malente, träumten nun davon, richtig Fuß zu fassen im Theater und mal ein längeres Bühnen-Engagement zu bekommen. Das ermöglichte ihnen Walter Ullrich an seinem Kleinen Theater Bad Godesberg. Mit einer erweiterten Version von Souvenirs eröffneten sie 2005 dort die Saison. Es war ihr Durchbruch; seitdem ist Familie Malente in ganz Deutschland gefragt, wird auch von der überregionalen Presse wahrgenommen und spielt über 200 Vorstellungen im Jahr.
In Bad Godesberg haben die Malentes nun ein stabiles Standbein und zeigen hier selbstverständlich auch all ihre weiteren Produktionen. Bis zum 6. Mai sind sie noch zu erleben mit ihrer Jubiläumsshow Das bisschen Spaß muss sein, bei der sie auch kleine Einblicke in ihr Leben hinter der Bühne gewähren. Im ebenfalls von Walter Ullrich geleiteten Schlosstheater Neuwied mussten sie wegen der großen Nachfrage im April noch acht Zusatzvorstellungen ansetzen, die im Nu ausverkauft waren. Ihr Aufenthalt in Bad Godesberg 2015 ist schon fest gebucht, und selbst für 2018 sind sie bereits in der Planung. Bis dahin läuft der Mietvertrag des Kleinen Theaters mit der Stadt Bonn.
Die in Bad Godesberg lebende Schauspielerin Heide Keller hat Ullrich auf die ungewöhnlich begabten Künstler aufmerksam gemacht. Bei Dreharbeiten zu der „Traumschiff“-Serie auf der „MS Deutschland“ lernten Knut und Dirk die „Chefstewardess“ kennen. Denn einen beachtlichen Teil ihres Lebens haben sie auf hoher See verbracht. Als sie noch im Hamburger „Tivoli“-Theater engagiert waren, kam eines Abends ein Agent und fragte sie: „Habt ihr nicht Lust, auf einem Schiff zu arbeiten?“. Weil ihre Auftritte dort extrem gut ankamen, wurden sie von einer Reederei zur nächsten weitergereicht. „Nach über 100 Kreuzfahrten kennen wir wahrscheinlich alle Häfen der Welt, die von großen Luxusdampfern angelaufen werden können“, erzählt Knut Vanmarcke. „Wir sind nur einmal beinahe untergegangen“, ergänzt Dirk Voßberg. „Und das war nicht bei Italien. Im Ernst: So toll diese Reisen waren – irgendwann wollten wir Publikum, das ‚freiwillig‘ unsere Shows besucht, und nicht mehr diese geschlossene Gesellschaft einer internationalen Kleinstadt, die nebenbei ein biss­chen spritziges Entertainment genießt.“
Bei dem Hanseaten Voßberg liegt die Erkundung der Ozeane eigentlich nahe. Er kam 1968 in Hamburg zur Welt, fing sich hier flugs einen unüberwindlichen Theatervirus ein und absolvierte sein Studium an einer renommierten privaten Schauspielschule. Sein ers­tes festes Engagement führte ihn 1991 für zweieinhalb Jahre ans Theater Remscheid. „Wir machten klassisches Repertoire. Ich war im Ensemble der skurrile Typ, also nicht das Fach ‚jugendlicher Liebhaber‘, sondern eher der Außenseiter. Sehr gern gespielt habe ich den fiesen Streber Bernard in Tod eines Handlungsreisenden, der karrieregeil keine Rücksicht kennt.“ 1994 folgte ein Engagement am „Schmidts Tivoli“ in seiner Heimatstadt, wo er u.a. in der 50er-Jahre-Revue Fifty-Fifty mitwirkte und seine Liebe zum Sound der bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderzeit entdeckte.
Bei der Musical-Version von Shakespeares Sommernachtstraum im „Tivoli“ lernte er 1998 Knut Vanmarcke kennen. Der wurde 1974 in Bonn geboren und wuchs in Hennef auf. „Mit meinen Eltern ging ich häufig in den Contra-Kreis und machte Reisen zu den Musicals, die damals in Deutschland regelrecht boomten.“ Knut erhielt schon während seiner Schulzeit privaten Ballett- und Musikunterricht. „Es war aber bald klar, dass ich klassischen Tanz auf Dauer körperlich nicht schaffen würde. Außerdem faszinierte mich das amerikanische Musical-Fach.“ Unter Unmengen von Bewerbern eroberte er gleich im ersten Anlauf einen der begehrten Studienplätze an der Hamburger „Stage School“ und wurde nach dem Examen sofort ans „Tivoli“ engagiert.
Bei den legendären „Schmidt Mitternachts­shows“ stellten Knut und Dirk ihr Comedy-Talent unter Beweis. „Manchmal haben wir mit zwei Kostümen und aberwitzigem Mut Figuren improvisiert, was gelegentlich total daneben ging, aber unseren Bühneninstinkt entschieden beflügelte.“ Eigenartig, schrill und durchgeknallt sollte das Programm werden, für das sie die „Familie Malente“ gründeten. „Walente“ hatten sie als Hommage an den Schlagerstar Caterina Valente angedacht und dann den ersten Buchstaben mal kreativ umgedreht. Malente heißt auch eine reizende Stadt in Schleswig-Holstein, wo einst die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trainierte und das „Wunder von Bern“ vorbereitete. Als Deutschland 1954 die Weltmeisterschaft gewann, waren Knut und Dirk noch längst nicht auf der Welt. Aber die Golden Fiftys sind ihr Lieblings-Parodie-Revier: Nichts ist sicher vor ihrer ebenso blitzgescheiten wie liebevollen Untersuchung der westdeutschen Nachkriegs-Zivilisation mit Toast Hawaii (bekanntlich bierfreies Gelände), melancholisch weißen Rosen aus Athen und Käse-Igeln als kulinarischem Höhepunkt.
Natürlich sind sie inzwischen vorgestoßen bis zu den musikalischen Pop-Perlen der 1990er Jahre, aber verankert bleiben sie in der frühen Schlager-Kiste, aus deren Hörfunk-Hitparaden sie ungeahnte Schätze hervorzaubern. Sie singen und spielen das nicht nur grundehrlich live, sondern mit einer solch unverschämten Ironie, dass bei jedem geistigen Salto außer dem Bühnenboden auch die Hirnströme vibrieren. Hinter der Bühne herrscht sowieso Highlife. Sechs eigene Leute sorgen für die irrwitzig schnellen Klamotten- und Maskenwechsel.
In Hamburg haben die Malentes inzwischen ein Depot mit über 300 Kostümen und Perücken. „Allein die handgefertigten Schuhe sind schon ein kleines Vermögen, aber man kann mit Sachen von der Stange nicht ordentlich tanzen“, erklärt Knut, der sich besonders um die hochwertige Ausstattung kümmert. „Die schillernden Pailletten am Anzug müssen nach 200 Aufführungen immer noch halten. Billiges Material wäre da eine Fehlinvestition“. Fürs Budget und die Verträge ist Dirk zuständig: „70 bis 80.000 Euro investieren wir als selbstständige Unternehmer vorab in jede Show; dank unserer Agenten und Freunde holen wir das dann nach und nach wieder rein. Wir wollen ja nicht reich werden, sondern uns und unser Publikum erfreuen. Außerdem haben wir tolle Kolleginnen, die gern mit uns auf der Bühne arbeiten.“
Bei unserem Gespräch am 15. April im Bad Godesberger Insel-Café sind die beiden auf den Tag genau seit 16 Jahren ein Paar. Vor sieben Monaten haben sie geheiratet. Weil Knut ein überzeugter Katholik ist, hat auf einem Elbschiff ein Priester ihre Partnerschaft gesegnet. Und Bata Illic hat gesungen – diesmal persönlich echt. Die beiden haarigen vierbeinigen Kinder waren auch dabei: zwei kleine wohlerzogene Hunde, die gern mitspielen, wenn ihre großen Freunde unterwegs sind.

Donnerstag, 16.10.2014

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