Rolf Mautz - kultur Nr. 1 - 11/2003

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Bürger Orgon - "Herr Mautz" und Herr Mautz

"Herr Mautz" ist eine Theaterfigur.
Herr Mautz ist Schauspieler.
Rolf Mautz wirkt privat immer wie ein soignierter Herr. Einer, der sich beim Kaffeeplausch aufregen kann über die Niederungen der Kulturpolitik und unmittelbar danach zu philosophischen Höhenflügen ansetzt, und dabei eine gelassene Selbstironie ausstrahlt und einen sympathischen Mangel an Eitelkeit. "Herr Mautz steht gern am Fenster und sinniert." Das schrieb Frau Mautz über ihn vor zwei Jahren, als das "angenehme Stück von Frau Berg" erschien. Die Autorin Sibylle Berg hatte Rolf Mautz kennen gelernt bei einer Aufführung ihres Stückes "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", das in der Oberhausener Inszenierung von Klaus Weise für den Mülheimer Theaterpreis nominiert war. Ihr vertracktes Endspiel "Herr Mautz" hat sie für Rolf Mautz geschrieben und ihn damit wie Thomas Bernhard seinen "Minetti" oder sein philosophisches Trio "Ritter, Dene, Voss" zur ironisch gebrochenen Titelfigur gemacht. Rolf Mautz denkt gern und oft über solche Brechungen zwischen Person, Schauspieler und Rolle nach. Frau Mautz, die Dramatikerin Elfriede Müller, lebt noch in Oberhausen in einer Wohnung mit Blick auf das Wahrzeichen der Stadt, den Gasometer. In diesem "Ruhrpottsaurier" war Rolf Mautz 1995 der Clov in Becketts "Endspiel". Er liebt das Spiel mit ungewöhnlichen Räumen und die glücklichen Momente von Schwerelosigkeit, die seinen kraftvollen, hoch gewachsenen Körper auf der Bühne zum Tanzen bringen. Er liebt diese flirrende Leichtigkeit in immer neuen Spiegelungen, die er zum Nachdenken braucht.
Besonders gut entspannen kann er auf der Autobahn zwischen seiner kleinen Dachwohnung in Bad Godesberg und dem Oberhausener Domizil. Dem sechsjährigen Sohn Paul, dem die Eltern nicht schon im ersten Schuljahr einen Umzug zumuten möchten, hat er seine neue Wirkungsstätte natürlich schon gezeigt, zumal sich für ihn viele Erinnerungen damit verbinden.
In den Bonner Kammerspielen ist er schon bei dem NRW-Theaterfestival aufgetreten, in dem Stück "Die Touristen", geschrieben von seiner Frau. Als düpierter bürgerlicher Familienvater Orgon in Molieres "Tartuffe" stand Rolf Mautz jetzt zum ersten Mal nicht nur als Gast auf der Bühne in Bad Godesberg.
Für ihn schließt sich damit ein biografischer Kreis: In Bad Godesberg wurde er am 28. Oktober 1946 geboren, hier besuchte er kurz die Grundschule in der Bachstraße. Nach der Trennung seiner Eltern verbrachte er zwar seine Schulzeit in diversen Internaten, die Ferien jedoch fast immer in der rheinischen Heimat. Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein rundes Gesicht mit der Goldrandbrille, wenn er erzählt, wie er den geheiligten Mittagsschlaf der Großeltern nutzte, um in den Kammerspielen, die damals noch ein Kino waren, die neuen Filme anzuschauen. Später waren es dann die legendären Berliner Theatertage, die ihn dorthin lockten.
Sein Großonkel Martin Ullrich (nicht direkt verwandt mit dem Theater-Urgestein Walter Ullrich vom Kleinen Theater!) leitete in der Godesberger Redoute vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich die "Schauspielbühne Bad Godesberg". Die hat Rolf Mautz natürlich nicht mehr erlebt, aber seine Familie war vom Bühnenvirus infiziert. Sein Großvater leitete in der zweiten Generation einen Musikverlag für Männerchorliteratur, seine heute in einem Godesberger Seniorenheim lebende Tante war befreundet mit dem Contra-Kreis-Gründer Kurt Hoffmann. Bei ihm hat Mautz die damals neuen Stücke kennen gelernt, sich für die Schauspielkunst begeistert und zum ersten Mal die Kulissenluft geschnuppert, die er dann seit mehr als 30 Jahren ständig geatmet hat. Natürlich hat er sich auch die letzte Premiere im neuen Contra-Kreis nicht entgehen lassen und macht keinen Hehl aus seiner Wertschätzung für gut gemachtes Boulevardtheater. Die sorgfältig durchdachte und handwerklich präzise Arbeit steht bei ihm ohnehin im Vordergrund, in den er sich gar nicht spielen will. Dass die Nachwelt den Mimen selten Kränze flicht und das Gewerbe des Schau-spielers trotz Video und Internet extrem flüchtig ist, nimmt er als selbstgewähltes Berufsrisiko hin. Er gehört zu den erfahrenen Schauspielern, die den Dialog suchen. Deshalb liest er auch alle Kritiken (er gesteht sogar, dass er manchmal schon morgens um vier zum Bahnhofskiosk geeilt sei, um sich die Zeitungen zu holen), nicht aus Eitelkeit, sondern weil er neugierig ist auf den Sinn, den andere einer Inszenierung abgewinnen. "Als Schauspieler muss man sich immer beschreiben lassen", sagt er selbstbewusst. Ihm kommt es auf die Glaubwürdigkeit seines Handelns als Figur an, auf die größtmögliche Wahrhaftigkeit des Spiels.
"Tartuffe" ist ohnehin eine Station in seinem Leben. Den Regisseur Klaus Weise hat er genau bei diesem Stück kennen gelernt, mit dem der Bonner Generalintendant schon 1989 seinen Einstand als Schauspieldirektor in Darmstadt gab. Weise hat ihn nach Oberhausen geholt, wo er nach Stationen in Bochum, Köln, Frankfurt, Hamburg und Berlin bisher am längsten engagiert war. Fast elf Jahre hat er dort mit dem Intendanten Klaus Weise zusammengearbeitet. In mehreren seiner Inszenierungen wird er demnächst auch in Bonn zu sehen sein, ab Anfang Oktober schon in Shakespeares "Winter-Mährchen", in dem er den Polixenes spielt und dabei erstaunliche Parallelen zu seiner Rolle im "Tartuffe" entdeckt hat.
Ein wenig zögernd nennt er Thomas Bernhard als einen seiner Lieblingsautoren. Dass er Shakespeares "Hamlet" nie gespielt hat, bedauert er. Lange Zeit sei man zu jung dafür und dann plötzlich zu alt. Eigentlich ist jedoch die Rolle, die er gerade spielt, immer auch seine Lieblingsrolle. "Der Mautz trägt viele Personenbilder in sich, aber man kann auch mit vielen verschiedenen Personenaugen aus ihm herausschauen", hat sein Intendant Klaus Weise über ihn gesagt.
Dass er sich auf die Bonner Zuschauer freut und dass er sie schon nach den ersten Vor-stellungen als lebendiges, sensibles Publikum kennen gelernt hat, sagt Rolf Mautz. Dabei schaut er nachdenklich, als ob er selbst ständig ein Zuschauer wäre, auf den Godesberger Theater-platz, und zündet sich ganz entspannt eine Zigarette an.
E. E.-K.

Dienstag, 04.03.2014

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