Patrick Henckens - kultur 39 - 9/2007

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Patrick Henckens - Zwischen Holland und Salzburg

Mozart spielt bei ihm eine Hauptrolle: Die bisher am häufigsten gesungenen Partien des lyrischen Tenors sind Tamino in der Zauberflöte, Belmonte in der Entführung aus dem Serail, Ferrando in Così fan tutte und Ottavio im Don Giovanni. Patrick
Henckens'­ Repertoire reicht zwar längst vom Barock bis zur Moderne, aber Mozart steht trotz allem im Zentrum seiner Arbeit: „Für mich ist er die Basis, zu der ich immer wieder gern zurückkehre“. Bei den Salzburger Festspielen 2006 hat er zur Eröffnung des neuen „Hauses für Mozart“ an der Seite von Anna Netrebko in Le Nozze di Figaro unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt den Musikmeister Basilio gesungen - „Den Beruf des Musiklehrers habe ich schließlich gründlich studiert!“. Sicher nicht die größte Rolle in diesem „tollen Tag“, aber eine spielerische Herausforderung in Claus Guths spannungsgeladener Psycho-Krimi-Inszenierung, die live im Fernsehen und Rundfunk übertragen wurde und seit Anfang Juni auch als DVD auf dem Markt ist. Patrick Henckens schwärmt von der angenehmen Probenatmosphäre in Salzburg und freut sich schon auf die Wiederaufnahme von „Le Nozze“ in diesem Sommer - mit einer fast komplett neuen Besetzung und diesmal mit Daniel Harding am Dirigentenpult. Außer dem Basilio steht 2007 auch noch der Rinaldo in Haydns Oper Armida unter Ivor Bolton auf seinem Salzburger Programm.
Inzwischen hat er mit so vielen berühmten Dirigenten zusammengearbeitet, dass man sie kaum noch aufzählen kann. Er nennt besonders Marc Minkowski: „Seine tolle musikalische Energie ist mitreißend!“ Mit ihm hat er viele Gastspielreisen unternommen und in Paris zusammen mit den Musiciens du Louvre eine CD-Einspielung des Te Deum von Charpentier aufgenommen. An der Bonner Oper, wo er seit sechs Jahren regelmäßig zu erleben ist, sang er zuletzt den Arturo in Lucia di Lammermoor und den Cassio in Verdis Otello (s. Kritik auf S. 3). Den Regisseur Dietrich Hilsdorf hat er vor gut zehn Jahren bereits in Gelsenkirchen bei dessen Inszenierung von Alban Bergs Wozzeck kennengelernt. Patrick sang damals die eher kleine Rolle des Narren. In Bonn traf er ihn bei seinen legendär gewordenen Händel-Inszenierungen wieder. Patricks bewegende, intensive Interpretationen des Jonathan in Saul und der Titelrolle in Jephtha wurden vom Publikum und der Kritik begeistert aufgenommen. „Ich mag Regisseure wie Hilsdorf, die einem Sänger gedanklich etwas abverlangen und sehr genau auf seine Individualität eingehen.“ Den Jephtha wird er übrigens 2008 wieder singen, diesmal konzertant mit der Bachakademie Stuttgart unter Helmut Rilling - ein Live-Mitschnitt des Konzerts auf CD ist geplant. Die Tenorpartien in Händels Oratorien gehören ebenso zu seinen Favoriten wie Johann Sebastian Bach. Die Matthäuspassion z.B. hat er in seiner Konzertlaufbahn jedes Jahr irgendwo gesungen.
Geboren wurde Patrick Henckens 1968 in dem niederländischen Dorf Roosteren, nur wenige Kilometer von der belgischen und der deutschen Grenze entfernt. Der Gesang stand zu Beginn seiner musikalischen Ausbildung allerdings eher im Hintergrund. Sein erstes Instrument war eine Trompete. „In Holland gibt es eine ausgeprägte Bläserverein-Kultur; da habe ich als Junge von acht Jahren meine ers­ten Erfahrungen gemacht, in verschiedenen Bands gespielt und populäre Tanzmusik gemacht.“ In Maastricht studierte er nach dem Abitur vier Jahre lang Trompete, Blasorches­terleitung und Schulmusik. Sein großes Ge­sangstalent wurde zwar bald entdeckt; zur Hauptsache machte er es jedoch erst nach dem Hochschulabschluss. „Ich habe sehr gern studiert und bin jemand, der Sachen nicht gern unfertig liegen lässt.“ Bei Mya Besselink in Maastricht studierte er Gesang und belegte mehrere Meisterkurse bei berühmten Lehrern. Als Preisträger beim Niederländischen Christina Deutecom Wettbewerb gewann er ein Stipendium, das ihm ein Studium bei Stuart Burrows in Cardiff ermöglichte.
Seine erste große Opernrolle sang er in einer freien Produktion für die Haydnfestspiele in Eisenstadt: den Fileno in Haydns Oper La fedeltà premiata. 1995 erhielt er ein festes Engagement in Gelsenkirchen, wo er u. a. seine erste Wagnerrolle verkörperte, Heinrich den Schreiber im Tannhäuser. Der Steuermann im Fliegenden Holländer gehört selbstverständlich längst auch zum Repertoire des schlanken, dunkelhaarigen Niederländers. Vom Musiktheater im Revier und diversen Stagione-Engagements in Holland wechselte er nach Heidelberg, wo er neben den großen Mo­zartpartien seines Fachs auch gern den Fenton in Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor und den Cha­teau­neuf in Lortzings Zar und Zimmermann sang: „Das ist einfach gute Musik“.
Am Bonner Opernhaus bewarb er sich mit Mozarts Belmonte, wurde 2001 fest engagiert und hat seitdem hier seinen Lebensmittelpunkt. Seine Antrittsrolle war Almaviva in Rossinis Barbiere di Siviglia. In Bonn begeisterte er in vielen Inszenierungen. Er glänzte z.B. als Castor in Rameaus Castor et Pollux (Wiederaufnahme in der kommenden Saison), als Lysander in Brittens Midsummer Night's Dream und verkörperte mit großem Erfolg den romantischen Looser Lenski in Tschaikowskis Eugen Onegin. Riesenspaß gemacht hat ihm der Oebalus in Mozarts früher Oper Apollo und Hyazinth als Kinderproduktion im Alten Malersaal.
Gastspiele führten ihn zwischendurch an etliche europäische Opernhäuser zwischen Oslo und Turin, Amsterdam, Essen und Berlin. An der Komischen Oper Berlin sang er z.B. Rossinis Alamavia und den Fenton in Verdis Falstaff.
Als international gefragter Konzertsänger ist er ohnehin viel unterwegs und trat u.a. bei den Festspielen in Halle, Karlsruhe, Luzern und in Massachussetts auf. Beim Mozartfest in Würzburg und beim Rheingau-Festival sang er die Arien des Titus aus Mozarts La Clemenza di Tito. Mit Mozarts Il re pastore und Mendelssohns Walpurgisnacht im Concertgebouw Amsterdam war er im Niederländischen Rundfunk zu hören, mit Schumanns Szenen aus Goethes Faust war er unter Claudio Abbado in Salzburg zu erleben. In Mozarts Krönungsmesse unter Christoph Spering gastierte er in Straßburg. In Bachs Weihnachtsoratorium sang er unter Enoch zu Guttenberg in der Münchener Philharmonie, unter Paul Goodman in Leiden und bei weiteren Aufführungen in Malmö und Helsingborg.
Auch wenn Patrick demnächst nicht mehr fest im Bonner Opernensemble arbeitet - der Bonner Oper bleibt er verbunden. „Bis 65 möchte ich freilich nicht auf der Bühne stehen, denn da muss man immer mit seiner ganzen Persönlichkeit jung und glaubwürdig sein“, erklärt er etwas nachdenklich. Bei Patrick Henckens' jugendlicher Ausstrahlung und stimmlicher Präsenz braucht man sich da vorläufig wohl kaum Sorgen zu machen.

Dienstag, 25.02.2014

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