Der Kommandant - Theater die Pathologie - Kultur Nr. 176 - Februar / MĂ€rz 2023
Bericht eines Menschenvernichters
Der Mann im sportlichen Alltags-Outfit wirkt nicht wie ein monströser Verbrecher. Er hat nur sorgfĂ€ltig seinen Dienst verrichtet. Rudolf HöĂ, geboren 1901 in Baden-Baden, als Kriegsverbrecher hingerichtet 1947 in Auschwitz, war von 1940 bis 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz und verantwortlich fĂŒr die Organisation der dortigen Massentötungen. In polnischer Haft hat er seine Erinnerungen aufgeschrieben: sachlich nĂŒchtern ohne einen Anflug von Reue. Der Schweizer Schriftsteller JĂŒrg Amman hat daraus einen Monolog zusammengestellt. Nichts ist erfunden, alles ist HöĂâ Originalton.
Der Regisseur Johannes Prill, Leiter des Theaters die Pathologie, hat den Text nun mit dem Schauspieler Andreas Schneider auf die BĂŒhne gebracht. Sehr zurĂŒckhaltend mit wenigen Requisiten, konzentriert auf die erschreckende âNormalitĂ€tâ des Unfasslichen. Mitunter wischt der Darsteller wie automatisch getrieben ĂŒber den Tisch mit dem Manuskript, geht nachdenklich ein paar Schritte oder schaltet per Fernbedienung ein Tonband ein. Von diesem klingt seine Stimme mit leichtem Rauschen verfremdet wie ein Dokument aus der Vergangenheit. Höà erzĂ€hlt nĂŒchtern von seiner katholischen Jugend, der soldatischen Kameradschaft im Ersten Weltkrieg, seiner nationalsozialistischen Ăberzeugung, seiner Arbeit im KZ Dachau, seiner Leitung eines Hinrichtungskommandos im KZ Sachsenhausen und dem âehrenvollen Auftragâ, das gröĂte deutsche Vernichtungslager aufzubauen. Persönlich habe er weder die Juden noch die anderen Opfer seiner Tötungsmaschinerie gehasst. Sie waren einfach âFeinde unseres Volkesâ und mussten möglichst effizient beseitigt werden. Völlig ungerĂŒhrt schildert er, wie Frauen ihre Kinder unter Kleiderbergen zu verstecken versuchten und dann doch freundlich dazu ĂŒberredet wurden, sie in die als Duschen getarnten Gaskammern mitzunehmen. SelbstverstĂ€ndlich war es seine Pflicht als ÂverantwortungsbeÂwusster Vorgesetzter, seinen Mitarbeitern ein Vorbild zu sein und allen AblĂ€ufen selbst beizuwohnen. Denn die âBefehle im Namen des FĂŒhrers waren heilig. An diesen gab es keine Ăberlegungen, keine Auslegungen, keine Deutungen.â Sie wurden mit bestem Gewissen ausgefĂŒhrt.
Obwohl die Regie einige grausame Passagen gestrichen hat, bleibt die Vorstellung ein Blick in die entsetzliche BanalitĂ€t des Bösen. In der Pathologie ist es nach dem weiterhin auf dem Spielplan stehenden Monolog Enigma Emmy Göring ein neues StĂŒck gegen das Vergessen und fĂŒr das Bewusstsein von den Schrecken, die gerade in diesen Zeiten wieder ZĂŒndstoff erhalten. Ein persönliches Beispiel: KĂŒrzlich am U-Bahnhof Bad Godesberg. Eine Gruppe junger Leute, offenbar unterwegs zu einer Karnevalsparty, grölte lauthals: âNĂ€chster Halt: Buchenwald!â. Man sollte sie in das StĂŒck Der Kommandant schicken. E.E.-K.
Spieldauer ca. 1 Stunde, keine Pause
Die nĂ€chsten AuffĂŒhrungen: 25.02. // 26.02.23
Spieldauer ca. 70 Minuten,
keine Pause
Die nÀchsten Vorstellungen:
14.01.23 / 10. + 11.02.23 /
24. + 25.03.23
Samstag, 01. April 2023 | kultur - Kritisches