Kölner Philharmonie

WDR Sinfonieorchester

Bertrand Chamayou
Foto: Marco Borggreve
Bertrand Chamayou
Foto: Marco Borggreve

Konzert - Boulanger, Skrjabin & Schostakowitsch

Bertrand Chamayou, Klavier
Andris Poga, Leitung



Lili Boulanger (1893 – 1918)
D’un matin de printemps

Lili Boulanger (1893 – 1918)
„D’un matin de printemps“ für Orchester
Julie-Marie Olga Boulanger, genannt Lili, war ein leuchtender Stern in der französischen Musikwelt und stammte aus einer Musikerfamilie. Bereits in ihrer frühesten Kindheit wurde offenbar, dass sie eine schwache Gesundheit hatte: Im Alter von zwei Jahren zog sie sich eine Lungenentzündung zu und blieb bis ans Ende ihres Lebens krank. Sie studierte Musik zusammen mit ihrer Schwester Nadia und erhielt immer wieder Ratschläge von den großen französischen Musikern, die ihre Familie umgaben (insbesondere Gabriel Fauré und Raoul Pugno). 1909 wurde sie am Pariser Konservatorium aufgenommen. Sie schrieb ihre ersten Kantaten ab 1911, erhielt 1913 den Prix de Rome für ihre Kantate „Faust et Helene“ und war so die erste Frau, die diesen 1803 ins Leben gerufenen Wettbewerb gewann. Trotz ihrer gesundheitlichen Probleme reiste sie 1914 zur Villa Medici, doch der Ausbruch des Krieges zwang sie Rom schnell zu verlassen und nach Nizza zu gehen. Nach einem zweiten Aufenthalt in Rom kehrte sie nach Frankreich zurück und starb im Pariser Umland an einer Tuberkulose (im März 1918).„D’un matin de printemps“ („Von einem Frühlingsmorgen“) ist das letzte Werk, das sie vor ihrem Tod schrieb. Ursprünglich für Violine und Klavier komponiert, liegen Bearbeitungen als Triofassung für Violine, Violoncello und Klavier sowie für Flöte und Klavier vor. Im Januar 1918 orchestrierte Lili Boulanger das Werk zudem. Im Gegensatz zur pessimistischen Grundstimmung zahlreicher ihrer Stücke ist der „Frühlingsmorgen“ von einer fröhlichen Grundstimmung geprägt – wenn diese auch äußerst fragil zu sein scheint. Der belgische Musikwissenschaftler Harry Halbreich drückte es wie folgt aus: „‘D’un matin de printemps‘ ist im Großen und Ganzen ein Scherzo von ursprünglichem Schwung, mit luftiger und transparenter Orchestrierung, aber in der Mitte entsteht eine heftige Abstufung, die den Schmerz offenbart, der dieser so prekären Gelassenheit zugrunde liegt.“
Spieldauer: ca. 5 Min.

Alexander Skrjabin (1872 - 1915)
Klavierkonzert fis-Moll op. 20

Der Sohn eines aus dem russischen Militäradel stammenden Juristen und Diplomaten sowie einer anerkannten Konzertpianistin genoss zunächst bei renommierten Privatlehrern eine sorgfältige musikalische Ausbildung. Nach dem Besuch des Moskauer Konservatoriums, wo er zwischen 1888 und 1892 Komposition und Klavier studiert hatte, reiste Skrjabin als konzertierender Pianist durch Europa und die USA, oft als Interpret eigener Werke für „sein“ Instrument, das Klavier. 1898 kehrte er vorübergehend nach Moskau zurück, um am dortigen Konservatorium als Lehrer für Klavier zu wirken. Ab 1903 lebte er wiederum im Ausland, hauptsächlich in der Schweiz und in Belgien, kehrte aber für die letzten Lebensjahre nach Russland zurück und starb 1915 in Moskau an einer Blutvergiftung. Sein kompositorisches Schaffen, das sich auf das Klavier konzentrierte, ist zunächst von Chopin und Liszt beeinflusst. Wichtiger als die äußeren Abhängigkeiten ist jedoch die innere Entwicklung und Überwindung des tonalen Dur-Moll-Systems, die um 1908 im Schaffen Skrjabins zur Aufgabe der Tonalität führte. Seitdem leitete Skrjabin alle melodischen und harmonischen Gestalten aus einem mehrere Töne umfassenden „Klangzentrum“ – auch „mystischer Akkord“ genannt – ab und sprengte damit auf eine sehr individuelle Weise das traditionelle tonale System. Nach Skrjabins Tod fanden sich in seinem Nachlass literarische und philosophische Aufzeichnungen, kleinere Aufsätze über verschiedenartigste geistige Strömungen der Zeit, Niederschriften, die von geradezu messianischem Selbstbewusstsein zeugen, sowie ekstatische Hymnen im Stile Nietzsches. „Wissen Sie, ich bin wirklich in mancher Hinsicht ein völliges Kind: ich kann keinen Schritt sicher tun. Und all die extremen Stimmungen: bald zeigt sich, dass in mir ein Überfluss an Kraft ist; alles ist überwunden, alles mein. Und dann plötzlich das Gefühl völliger Kraftlosigkeit, eine gewisse Müdigkeit und Apathie; Gleichgewicht gibt es nie. (...). Da ist doch ein gewisser Zwiespalt. Da müssen sich doch zwei Pole im Menschen befinden. Und ich weiß nicht, welcher siegen wird.“ Diese Worte schrieb Alexander Skrjabin 1895, zwei Jahre vor seiner Hochzeit und der Komposition seines Klavierkonzertes in fis-Moll op. 20. Skrjabin fühlte sich zeitlebens gespalten in ein „petit moi“, ein kleines Ich der Alltäglichkeiten, und ein „grand Moi“, dem schaffenden Ich. Die hier formuliertenWidersprüchlichkeiten durchziehen sein gesamtes Schaffen und charakterisieren es auch zugleich: Schon 1893 spricht Skrjabin von Berechnungen, die er bezüglich der musikalischen Formen anwendet. Später verwendet er das Bild der „kristallischen Kugel“, um seine Formvorstellungen zu beschreiben. Zugleich beruft er sich auf seine Intuition. Die Geschichte des Klavierkonzertes in fis-Moll war ebenfalls reich an Gegensätzen. Hatte Rimski- Korsakoff nach Einsichtnahme in die Partitur die Instrumentation noch für denkbar schlecht gehalten, so war er später begeisterter Dirigent desselben Werkes. Auch Skrjabin selber äußerte noch 1908, dass er das Werk nicht liebe und mit ihm nicht auftreten wolle, wie er sich auch insgesamt von seinem früheren Oeuvre distanzierte, welches noch im Banne Chopins und der Spätromantik entstanden war. Doch schon zwei Jahre später spielte er unter der Leitung von Sergej Kussewitzki auf einer Tournee sein op. 20 zehn Mal. „Die selbstverständlichen Voraussetzungen eines Konzertpianisten, wie Affinität zum Werk, Einfühlungsvermögen, Technik, Anschlagskultur, Pedaltechnik etc., genügen bei Skrjabin nicht – der Skrjabin-Interpret muss bereit sein, sich von allem Nüchternen, Sachlichen und Analytischen radikal zu entfernen, um sich in jene überzüchtet emotionsgeladene, neurotische Sinnenwelt zu begeben, als die sich Skrjabins Musik präsentiert.“ (M. Pinter) Das Werk beginnt tastend: mezzopiano und espressivo entfaltet sich nach einer kurzen Orchestereinleitung das 1. Thema des ersten Satzes (Allegro), eine absteigende Dreitonfolge in vierstimmigem Klaviersatz auf der Subdominante. Das liedhafte Fis-Dur-Thema des 2. Satzes Andante beginnt dagegen mit einem aufsteigenden Dreitonmotiv, das zuerst in den Streichern vorgestellt und später von Klavier und Orchester variiert wird. Der 3. und letzte Satz schließlich (Allegro moderato) lässt das Konstruktionsprinzip der Dreiton-Motivik zurücktreten zugunsten der virtuosen Entfaltung eines Themas, das reich ist an pianistischen Arabesken und Verzierungen.
Spieldauer: ca. 30 Min.

Dmitrij Schostakowitsch (1906 - 1975)
Sinfonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch war lange Zeit seines Lebens den künstlerischen Repressalien der Stalin-Zeit ausgesetzt. Und so wurde seine Musik sehr oft von der offiziellen Kulturkritik der UdSSR befehdet, während er gleichzeitig bedeutende Auszeichnungen und Ehrungen von westlichen Kultureinrichtungen erhielt. Dieser Spagat zwischen künstlerischer Eigenständigkeit und unfreiwilliger Anpassung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk, vor allem in seinen Sinfonien. Schostakowitsch war so gebunden an die kulturpolitischen Entwicklungen der Sowjetunion wie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit. Im Gegensatz zu Prokofjew oder Strawinsky war er kein musikalischer Weltbürger. In seiner von deutschen Truppen eingekesselten Vaterstadt hatte Schostakowitsch 1941 die ersten drei Sätze seiner 7. Sinfonie, mit dem Beinamen „Leningrader“, komponiert. Knapp zwei Jahre später, während der Krieg in Russland mit der Schlacht bei Stalingrad bereits die entscheidende Wende erfahren hatte, entstand die 8. Sinfonie. Die Uraufführung fand am 4.11.1943 in Moskau statt. Am Dirigentenpult stand der 1988 verstorbene Y. Mrawinski, zugleich Widmungsträger des Werkes. Gilt die „Leningrader Sinfonie“ als ein Symbol des Widerstandes in der belagerten Stadt, so erklingt die stärker meditative Musik der „Achten“ zum Gedenken an die Opfer des Krieges, der unermessliches Leid über das Land gebracht hat. Die Sinfonie hat fünf Sätze. Der ausgedehnte, fast halbstündige Kopfsatz (Adagio) ist dreiteilig angelegt. Ein episch breiter, in immer neuen thematischen Anläufen gesteigerter Klagegesang (der an Gustav Mahler erinnert) wird abgelöst durch einen Allegro-Teil, der als Art grotesker Marsch erscheint. Dieser endet in furiosen Paukenwirbeln. Nach einer Generalpause leitet das Englischhorn zum wehmütigen Gesang des ersten Teiles zurück, dessen Themen – nun allerdings in umgekehrter Reihenfolge – wieder aufgegriffen werden. Im zweiten Satz (Allegretto) hat Schostakowitsch laut seinem Biografen den damals in Deutschland populären Foxtrott „Rosamunde“ paraphrasieren und parodieren wollen. Jedenfalls ist der Satz reich an teils grellen und bizarren Instrumentations-Effekten. Der dritte Satz (Allegro non troppo) vermittelt den Eindruck einer Betriebsamkeit, die vom immer gleichbleibenden Takt der Maschine bestimmt wird. Das motorisch vorwärtsdrängende Grundmotiv wandert durch die verschiedenen Instrumentengruppen, besonders markant erklingt es in den Posaunen. In dieses Stampfen der Maschine fahren schrille „Rufe“ und dumpfe Akkorde. Ein ausgedehnter Trommelwirbel leitet vom dritten Satz ohne Pause zum vierten über (Largo). Der Form nach handelt es sich um eine Passacaglia, die in ihrer thematischen Substanz deutliche Anleihen vom Kopfsatz erkennen lässt. Zwölfmal erklingt das Passacaglia-Thema in den Celli und in den Bässen. Die Musik scheint in eine tiefe Trauer zu versinken. Diesen Eindruck unterstützen nicht zuletzt jene Passagen, in denen die Piccolo-Flöte und andere Holzblasinstrumente ihre Melodien ohne klanglich verbindende Mittelregion nur über einem Bassfundament „fortspinnen“. Wiederum ohne deutliche Zäsur schließt der Finalsatz an (Allegretto). Gleichwohl ändert sich der Charakter der Musik völlig. Entspannung, ja Heiterkeit breitet sich aus. In der Instrumentation wirkt er über weite Strecken fast kammermusikalisch leicht. Zwar kommt es gegen Ende des Satzes noch einmal zu Akkord- und Klangballungen, doch die Sinfonie endet nicht im Getöse, sondern findet wieder zurück zu den leichten und auserlesenen Klängen des Satzanfangs.
Spieldauer: ca. 60 Min.

Christoph Peasser

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Letzte Aktualisierung: 30.05.2024 21:01 Uhr     © 2024 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn