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Rachmaninow & Prokofjew

Gürzenich-Orchester

Auf neuen Wegen

Benjamin Grosvenor | © Marco Borggreve
Benjamin Grosvenor | © Marco Borggreve

Inhalt

Benjamin Grosvenor, Klavier
Thomas Søndergård, Dirigent




Sergej Rachmaninow (1873-1943)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18 (1900-01)

Der russische Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow entstammte einer musikalischen Familie, die ihm schon früh qualifizierten Instrumentalunterricht ermöglichte. Von 1882 bis 1885 studierte er am Petersburger Konservatorium, von dem er aber schließlich nach Moskau wechselte, wo er sein Studium der Komposition und als Konzertpianist abschloss. Als Pianist wurde er dann auch schnell in Russland bekannt und erhielt eine Anstellung als Klavierlehrer am Martynow-Institut in Moskau, wo er später ebenfalls als Dirigent tätig war. Während die Aufführung seiner ersten Sinfonie ohne große Resonanz blieb, war ein Konzert mit anderen eigenen Kompositionen in London ein durchschlagender Erfolg. Von 1904 bis 1906 dirigierte Rachmaninow am Bolschoi-Theater in Moskau, von 1906 bis 1909 lebte er in Dresden. 1909 unternahm er eine erste Konzertreise in die USA. Nach der russischen Revolution 1917 verließ er seine Heimat, lebte zunächst einige Zeit in der Schweiz am Vierwaldstättersee, bevor er 1935 endgültig in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Er starb am 28. März 1943 in Beverly Hills.
Am 15. März 1897 fand in St. Petersburg die Uraufführung der ersten Sinfonie von Rachmaninow statt. Das Konzert geriet zum Fiasko, das eine dreijährige Schaffenskrise auslöste. Rachmaninow verfiel in schwere Depressionen. Auf Anraten von Freunden begab er sich schließlich in die Behandlung eines Nervenarztes. Er beschrieb die Fortschritte der Therapie wie folgt: „Obwohl es unglaublich erscheint, hat diese Kur mir wirklich geholfen. Im Frühsommer (des Jahres 1900) begann ich, wieder zu komponieren. Ich wurde von musikalischen Einfällen überschüttet, die in mir heranwuchsen und für mein Klavierkonzert mehr als ausreichend waren.“ Die Rede ist hier von seinem zweiten Klavierkonzert in c-Moll. Bei der Uraufführung der Schlusssätze des Werkes, das der Komponist in Dankbarkeit für die überstandene Krise seinem Arzt gewidmet hatte, zollten Publikum und Presse dem Stück große Anerkennung. Ein Kritiker schrieb, es sei „sehr poetisch, voll Schönheit, Wärme, reicher Orchestration, mit gesunder und gespannter schöpferischer Macht.“ Von diesem Erfolg beflügelt, vollendete Rachmaninow das Konzert innerhalb weniger Wochen. Die Aufführung des kompletten Werkes fand am 27. Oktober 1901 in Moskau statt. Mit diesem zweiten Klavierkonzert, das als kreativer Befreiungsschlag entstanden war, gelang Rachmaninow der erste große Wurf im Sujet der Solistenkonzerte. Heute gehört es zu seinen berühmtesten Werken.
Das Konzert ist eine Synthese zwischen dreiteiligem Zyklus und der permanenten Entwicklung einer einzigen Grundidee – ein lyrisches Poem. Die Melodik wurzelt im russischen Volkslied. Charakteristisch ist eine Pendel-Melodik. In der Harmonik überschritt Rachmaninow kaum die Grenzen des spätromantischen Spektrums. Im Orchesterklang dominieren Streicher und Holzbläser. Der erste Satz („Moderato“) beginnt mit einer achttaktigen, von massiven Akkorden des Klavieres getragenen Einleitung, deren dynamische Bandbreite vom Pianissimo zum Fortissimo reicht. Über rauschenden Arpeggien intonieren Violinen, Bratschen und Klarinetten, später auch die Celli das Hauptthema. Nach einer kurzen Überleitung der Bratschen stimmt das Klavier das zweite Thema in der Paralleltonart an. Der Satz erfährt eine gewaltige Steigerung, die in einem Fortissimo-Akkord ihren Höhepunkt findet. Der dichte, akkordische Klaviersatz dieser Passage ist eine stilistische Eigenart von Rachmaninow. Auffallend ist der Verzicht auf die Kadenz am Satzende, die man aber aufgrund der an sich schon immensen Virtuosität des Soloparts nicht wirklich vermisst. Der langsame Satz („Adagio sostenuto“) stellt nach einer kurzen Einleitung das Hauptthema in den Flöten vor. Die Ähnlichkeit mit dem zweiten Thema des Kopfsatzes ist auffallend und gewollt. Der weitere Verlauf des Satzes bringt immer neue Veränderungen dieses Hauptgedankens, die in einer Solokadenz münden. Das Finale („Allegro scherzando“) kombiniert Elemente von Sonaten- und Rondoform. Hier hat das zweite Thema ebenfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Seitengedanken des Kopfsatzes, ein weiterer Beweis für die zyklische Form des Werkes, das auch in einer Verknüpfung aller in den drei Sätzen vorgekommenen Themen endet.

Sergej Prokofjew (1891-1953)
Sinfonie Nr. 6 es-Moll op. 111

Nach Beendigung seiner Studien vor allem bei Rimski-Korsakow und Tscherepnin unternahm der 1891 in Sonzowka geborene Sergej Prokofjew Konzertreisen nach England und Italien. Bis zur Oktoberrevolution lebte er in Russland. Er ließ sich in seinen Werken nicht von der radikalen Avantgarde anstecken und hielt immer an der Tonalität sowie klar umrissenen musikalischen Formen fest. Die optimistische Kraft und Lebensfreude sowie die Eleganz und lyrisch kantable Schönheit seiner Musik haben dieser zu großer Beliebtheit und weiter Verbreitung verholfen. Doch noch während der ersten Jahre im zaristischen Russland wurde er wegen seiner wilden, grotesk-verzerrenden und oftmals exzentrischen Musik zum Teil scharf angegriffen. Er emigrierte daraufhin nach Paris. Hier sah er sich dem Vorwurf ausgeliefert, er sei ein Epigone und Konservativer. Diesem Vorwurf begegnete er mit seinen aufwühlendsten und „modernsten“ Werken. Als er 1934 in sein Land zurückkehrte, hatte er wohl auf der einen Seite Heimweh, andererseits wollte er aber auch dem jungen Staat nicht länger seine künstlerische Gefolgschaft verweigern. Das tiefsitzende Misstrauen der stalinistischen Kulturhüter, die in ihm nach wie vor einen Verfechter und Anhänger bürgerlicher Dekadenz sahen, konnte er alleine durch seine Rückkehr sicher nicht auf Anhieb zerstreuen. Also bemühte er sich zunächst einmal verstärkt um offizielle Kompositionsaufträge und schrieb politisch engagierte Musik, mit der er hohes Ansehen errang, obwohl er sich 1948 eine Maßregelung durch die Kommunistische Partei wegen seines „westlichen Formalismus“ gefallen lassen musste. Doch insgesamt glättete sich sein Stil, er wurde volkstümlicher und dem breiten Hörerpublikum verständlicher. Prokofjew suchte und fand den Ausgleich mit den Normen des sogenannten „Sozialistischen Realismus“, auch wenn er sie nicht immer bedingungslos befolgte. Er ließ sich nie zum Propagandisten des Regimes machen. Seine späten Werke sind stets von einem humanistischen Geist durchdrungen, der bestimmt ist von seiner, vielleicht etwas naiven, Theorie einer einfachen und doch qualitativ hochstehenden Musik. Er starb am 5. März 1953 in Moskau, am gleichen Tag wie Stalin.
In Prokofjews Schaffen nimmt die Beschäftigung mit der sinfonischen Form einen wichtigen Platz ein. Berücksichtigt man, dass die vierte Sinfonie in zwei Fassungen vorliegt, dann hat er nicht weniger als acht Sinfonien hinterlassen. Bereits die erste Sinfonie, die „Symphonie classique“ aus dem Jahr 1917, ist ein ausgesprochener Geniestreich der Anverwandlung der Musik des späten 18. Jahrhunderts an den Neoklassizismus der Moderne und gehört bis heute zu Prokofjews populärsten Werken.
Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, sagte Prokofjew gegenüber seinem Biographen Israil Nestjew: „Jetzt freuen wir uns über den großen Sieg, aber jeder von uns hat noch unvernarbte Wunden. Der eine verlor ihm nahestehende Menschen, der andere verlor seine Gesundheit.“ Diese Worte waren nicht bloß als allgemeine Einschätzung der Lage gedacht, sondern als Erklärung seiner während und nach dem Ende des Krieges komponierten sechsten Sinfonie. Die russische Sinfonik kennt eine Tradition der Inhaltlichkeit, der historisch und autobiographisch motivierten Programmatik: In diesem Wissen erscheint Prokofjews verbale Verständnishilfe keineswegs ungewöhnlich. Eine starke Tendenz zu körperlicher Konkretheit und suggestiver Bildhaftigkeit hat den Ballett- und Filmkomponisten auch bei der Arbeit an seiner es-Moll-Sinfonie op. 111 geleitet und zu einer überwältigenden heroisch-tragischen Inszenierung geführt. Ein Vergleich der Sinfonie etwa mit den russischen Volksgesängen und dem Schlachtengemälde aus der Filmmusik zu „Alexander Newski“ erhellt, in welchem Maße Prokofjew die Grenzen der absoluten Instrumentalmusik ausgeweitet hat. Wenn der Finalsatz mit einem spielerisch unbeschwerten, den Klassizismus der ersten Sinfonie zitierenden Thema anhebt, scheint sich der Alpdruck der Vergangenheit gelegt zu haben. Doch enthüllt diese Heiterkeit bald schon sarkastische Züge, der Humor droht jeden Moment in Gewalttätigkeit umzuschlagen – und mit der zyklischen Wiederkehr des zweiten Themas aus dem eröffnenden „Allegro moderato“, die in einem zweifachen und schmerzerfüllten Aufschrei kulminiert, bricht die Illusion eines „lieto fine“, also eines glücklichen Endes, in sich zusammen.

Genre:
Konzert

Spielstätte

Kölner Philharmonie
Bischofsgartenstraße 1
50667 Köln
Linien 5, 12, 16, 18 sowie S-Bahnen S6, S11, S12, alle Nahverkehrszüge und die Busse 132, 170, 250, 260 und 978 bis Dom/Hauptbahnhof

Ihre Eintrittskarte ist zugleich Hin- und Rückfahrkarte 2. Klasse im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS).

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