Die Möwe nach Anton Tschechow in der Werkstatt - kultur Nr. 199 - März 2026

- Imke Siebert schaut verdutztt; von rechts umarmt sie Riccardo Feirrera.
Foto: Matthias Jung

Imke Siebert schaut verdutztt; von rechts umarmt sie Riccardo Feirrera.
Foto: Matthias Jung
Verfehlte Träume als großes Theater
Es geht um die Kunst in Tschechows 1896 uraufgeführtem Drama, das er selbst als Komödie bezeichnete.
Es ist eine bittere Komödie über das Leben, in dem alle nach ihren Rollen suchen und sich am Ende als Fehlbesetzung erweisen.
Der Salon im Landhaus am See ist ein Theaterraum mit roten Samtvorhängen zwischen goldverzierten Wandelementen (Bühne: Alexander Wolf). „AM SEE“ und „KUNST“ steht auf Leuchtkästen am Bühnenboden. Auf dem Vorhang als Projektion das stilisierte Bild einer Möwe. In der Inszenierung von Sascha Hawemann, der regelmäßig am Theater Bonn Regie führt, ist Tschechows Möwe im 21. Jahrhundert angekommen mit Telefon, Laptop und Soundboxen. Das Personal ist auf fünf Charaktere reduziert. Aus der dominanten Mutterfigur, der Schauspielerin Irina Arkadina, ist der Vater Pawel Arkadin geworden, aus dem erfolgreichen Autor Boris Alexejewitsch Trigorin die Schriftstellerin Alexandra Trigorina. Was hier aber nicht als schlichtes Cross Gender Casting erscheint, sondern als neuer Blick auf die psychologischen Konfliktstrukturen. Der junge Kostja hat ein symbolistisches Theaterstück verfasst, das in einer postapokalyptischen Zukunft angesiedelt ist. Blaue Müllsäcke markieren den Zustand des Planeten.
Kostjas Geliebte Nina, Tochter eines wohlhabenden benachbarten Gutsbesitzers, soll die Hauptrolle spielen. Vater Pawel unterbricht die Vorstellung bald. Alois Reinhardt mit langen grauen Haaren, weitem Mantel, Seidenschal und weißem Schlapphut (Kostüme: Ines Burisch) gibt den Großschauspieler, der seine vergangenen Erfolge zelebriert, gern den Hamlet zitiert und sogar mal mit einer Breakdance-Einlage beeindruckt. An den schriftstellerischen Versuchen seines ambitionierten Sohnes zeigt er wenig Interesse, für dessen Nöte hat er kein Gehör. Kostja trägt Turnschuhe und ein bedrucktes TShirt unter dem schwarzen Jackett. Riccardo Ferreira spielt den jungen Kunstrebellen mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung, zutiefst verletzt durch die fehlende Anerkennung seines bis zur Lächerlichkeit selbstverliebten Vaters. Einmal liefern die beiden sich per Filmeinspielung (Video: Lars Figge) ein erbittertes Squash-Duell. Kostja reißt die Theatervorhänge ab und verlangt nach Wahrheit. Imke Siebert, ebenfalls im modernen Outfit, verkörpert hinreißend die junge Nina, die von einer Karriere als Schauspielerin träumt. Wie ein Wirbelwind stürmt sie auf die Bühne, umarmt zärtlich ihre Mitspieler und scheint vor emotionaler Energie fast zu platzen. Ihren enttäuschten Freund Kostja kann sie freilich nicht mehr aufmuntern. Die von ihm selbst erschossene Möwe wirkt wie ein symbolisches Abschiedsgeschenk. Nina hat sich da bereits Alexandra zugewandt, die fast manisch alles Erlebte in Literatur verwandelt. Ursula Grossenbacher mit schwarzer Locken perücke, anfangs im eleganten schwarzen Anzug, dann in sportlichen Hosen zu robusten Stiefeln, gibt ihrer Figur eine leicht maskuline Anmutung. Wenn sie nicht ihrer Schreibsucht frönt, geht Alexandra am See, bewaffnet mit Angel und Eimer, ihrer zweiten Leidenschaft nach und fängt Fische. Ihre Beziehung zu Pawel erscheint eher kühl. Die schwärmerische Zuneigung des jungen Mädchens scheint sie emotional nicht sonderlich zu tangieren. Aber sie nimmt Nina unter ihre Fittiche und mit nach Moskau.
Eine zentrale Figur in dem Verwirrspiel aus Missgeschick und Missverständnissen, Ehrgeiz und Eitelkeit ist der Arzt und gescheiterte Schriftsteller Dorn, in den Hawemann viel von Tschechows eigener Persönlichkeit hineingelegt hat. Christian Kuchenbuch als Gast spielt großartig diesen sympathischen Menschenversteher, der sein eigenes Versagen als Künstler ironisch reflektiert und seinen Freund Pawel zu mehr Aufmerksamkeit für seinen Sohn ermahnt. Allerdings raubt Dorn dem jungen Kostja auch die letzten Illusionen über Kunst und Liebe. In einer Filmprojektion liegt Dorn schwer erkrankt in einer Klinik, schwärmt von seinen Aufenthalten in Nizza und übersieht die Nöte seines Gegenübers. Jahre später besucht Nina den vereinsamten Kostja. Beide haben die ersehnte Karriere in Moskau nicht geschafft. Alexandra hat ihre junge Geliebte bald abserviert. Kostja war seinen eigenen Ansprüchen nicht gewachsen. Er geht mit seiner Flinte ins Freie und erschießt sich. Nina, nun im weißen Keid nach der Mode des späten 19. Jahrhunderts, verschwindet in einem hell erleuchteten Schrank wie in einem Sarg. Eine letzte Bühne für die unglückliche Braut des Theaters.
Die Aufführung hält perfekt die Balance zwischen theoretischen Kunstdiskursen, lebendigen Situationen, Komik und Melancholie, intellektuellem Scharfsinn und emotionaler Berührung. Es geht um Konflikte zwischen den Generationen, das Verlangen nach Resonanz und die Sehnsucht nach Sinn. Die Filmsequenzen öffnen dabei nicht nur weitere Schauplätze, sondern auch zeitliche Sprünge in die aktuelle Gegenwart. Großer Premierenapplaus für die kluge Modernisierung eines Klassikers und das hervorragende Schauspieler-Quintett.
Donnerstag, 16.04.2026
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