Enttäuschende Ewigkeit von Paula Kläy und Guido Wertheimer in der Werkstatt - kultur Nr. 199 - März 2026

Eine Dame mit weißer Perrücke und silbernem Outfit sitzt enttäuscht auf der Bühne im dunklen Licht.
Foto: Sandra Then
Eine Dame mit weißer Perrücke und silbernem Outfit sitzt enttäuscht auf der Bühne im dunklen Licht.
Foto: Sandra Then

ABBA, Caligula und die Sehnsucht nach dem Mond
„Wir sind Caligula“, behaupten alle vier, „und wir wollen auf den Mond!“. 28 Milliarden soll die Expedition kosten.

28 Milliarden hieß auch das 2024 in Graz uraufgeführte Stück der Schweizer Autorin Paula Kläy und ihres in Buenos Aires geborenen deutschen Kollegen Guido Wertheimer, die bereits mehrfach zusammenarbeiteten. Für die Bonner Inszenierung von Sarah Kurze, die jetzt zum dritten Mal hier Regie führte (zuletzt brachte sie in der Werkstatt "Die Hand ist ein einsamer Jäger" auf die Bühne, zuvor im Schauspielhaus Woyzeck nach Georg Büchner), hat das Duo den Text noch einmal überarbeitet und mit dem neuen Titel Enttäu-schende Ewigkeit versehen.
Ewigkeit – das ist das grenzenlose Weltall. 28 Milliarden (egal ob Euro oder Dollar) dürften für einen Ausflug zum relativ nahe gelegenen Mond inzwischen nicht mehr reichen. Was aber nichts macht, denn an wachsende Zahlen und Aktienwerte muss man einfach glauben. Der erste Mensch auf dem Mond kann man zwar nicht mehr sein, aber immerhin der bedeutendste. Das weiß auch der superreiche Supernarzisst Elon Musk, der bekanntlich die Kolonisierung des Erdtrabanten schon auf dem Schirm hat als Ausweichquartier nach der selbstverschuldeten Apokalypse. Dem SpaceX-Gründer und kurzzeitigen Chefberater von Donald Trump begegnet der vierfache Caligula auf der Suche nach Geldquellen in der Nähe von Rom. Mit Camus‘ Drama Caligula hat die Story nicht viel zu tun, einiges aber mit dem größenwahnsinnigen römischen Kaiser, der angeblich sein Lieblingspferd „Incitatus“ zum Konsul ernannte. Kostümiert als schwedische Pop-Band ABBA macht sich das Quartett zum Fundraising für das Mondprojekt auf eine Weltreise, die die Truppe u. a. nach Berlin, in die Sahara, an den Amazonas und nach Tokyo führt. Wo sie sich kurz in Toyohiro Akiyama verwandeln, der 1990 als erster Japaner in den Weltraum flog und nach seiner Rückkehr als erstes nach einer Zigarette verlangte. Woraufhin auch die Caligula-Crew sich eine virtuelle Rauchpause gönnt.
Sophie Basse, Christian Czeremnych, Lena Geyer und Paul Michael Stiehler arbeiten sich famos durch den Wust von Assoziationsschnipseln. Vanessa Vadineanu (Bühne und Kostüme) hat vor einem transparenten schwarzen Vorhang, der auch als Video-Projektionsfläche dient, schwarzglänzende Brocken von Mondgestein platziert, die aber auch mal einen gestrandeten Wal darstellen können. Ein bisschen Kritik am destruktiven Umgang mit dem Planeten Erde muss schließlich sein. Dazu erklingen selbstverständlich immer wieder bekannte ABBA-Songs, allen voran natürlich „Money, money, money“. Irgendeine Logik muss man in der bizarren Handlung nicht suchen. Das Schauspiel-Ensemble überzeugt mit Tempo, Spiellust und überraschenden Verwandlungen. Und eine nachdenkliche Botschaft gibt es am Ende doch noch: „Wo die Erde aufhört, beginnt die Erinnerung des Alls.“ Klingt allerdings fast wie ein Trauerspruch. Die Reise zum Mond wird vorläufig aufgeschoben. Die unterhaltsame Aufführung kann Spaß machen, nimmt aber keineswegs alle mit auf die seltsame theatrale Expedition. Das Echo im Zuschauerraum bei der Premiere schwankte zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung. Großer Applaus jedoch für die Schauspielenden.

Donnerstag, 16.04.2026

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