Das Floß der Medusa - Werkstattbühne - Kultur Nr. 178 - Mai 2023

Überleben auf hoher See

Was passiert, wenn eine Gruppe junger Menschen ganz auf sich selbst gestellt ums Überleben kämpft? Wenn sie Entscheidungen treffen müssen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht? Wenn eigene und gemeinsame Interessen aufeinanderprallen? Zusammen mit acht Jugendlichen und zwei Mitgliedern des Schauspiel-Ensembles hat der Regisseur Max ­Immendorf, seit 2020 Regieassistent am Theater Bonn, die Situation untersucht. Das partizipative Projekt Das Floß der ­Medusa feierte Mitte April in der Werkstatt seine umjubelte Premiere.
Théodore Géricaults 1819 erstmals ausgestelltes monumentales Gemälde „Das Floß der Medusa“ stand Pate für Georg Kaisers gleichnamiges letztes Drama. Dieses entstand zu Beginn der 1940er Jahre im Schweizer Exil und wurde 1945 kurz vor dem Tod des Autors von einer Schülergruppe als Gastspiel am Stadttheater Basel uraufgeführt. Lange Zeit war es fast ebenso vergessen wie der expressionistische Dichter Kaiser (1878-1945), der von 1921 bis 1933 zu den meistgespielten deutschen Dramatikern zählte. Bis die Nazis seine Werke verboten. Sein Stück hat wie das Bild einen realen Hintergrund. 1940 wurde ein Schiff, das Kinder aus bombardierten Städten von England nach Kanada bringen sollte, von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Nur wenige Jugendliche entkamen der Katastrophe und trieben tagelang in Rettungsbooten auf hoher See.
Kaisers expressionistisches Pathos scheint in der Inszenierung ständig durch, klingt aber in der musikalischen Regie des Kölner Rappers und ­Aktivis­ten Kutlu Yurtseven so gegenwärtig wie das, was die jungen Akteure heute umtreibt. „Was für eine Welt, die jeden Tag ein Stück zerfällt“, heißt es in einem Lied der Schauspielerin Linda ­Belinda Podszus, die auch für die dynamische Choreografie verantwortlich ist und das um Zusammenhalt kämpfende Mädchen Ann verkörpert. Zu Beginn dieser Saison haben Immendorf und Podszus bereits mit der hervorragenden Performance ­Pussy Riot in der Werkstatt überzeugt.
Wie kann sich eine Jugend über Wasser halten, angesichts der knapper werdenden Ressourcen, die größtenteils von vorherigen Generationen aufgebraucht wurden? Wie kann eine lebenswerte Zukunft aussehen angesichts der gegenwärtigen Kriege und der näher rückenden ­Klima­­katastrophe? Die Jugendlichen haben sehr viele eigene Erfahrungen und Sorgen, aber auch positive Visionen in ihr Stück eingebracht. Immer wieder geht es um gemeinschaftliches Handeln als einzige erfolgversprechende Überlebensstrategie.
Vor allem jedoch herrscht energische Bewegung auf der von Valentin Baumeister mit fahrbaren Gestellen und Holzplanken ausgestatteten Bühne. Immer wieder driften die Teile auseinander und werden mühsam erneut zu dem schwankenden Floß zusammengesetzt. Manchmal ­hocken sie verängstig darunter wie in Käfigen, dann scharen sie sich oben wieder um den Anführer Allen (Paul Michael Stiehler aus dem Profi-Ensemble), der ständig solidarisches Verhalten anmahnt. Aber was geschieht, wenn sich zwei an den wenigen Vorräten vergreifen, kostbares Trinkwasser vergeuden oder Sonderrechte beanspruchen? In ihren schwarz-weißen Fantasiekostümen (Maria Strauch) sehen sie ein wenig aus wie eine Piratentruppe aus versprengten Individuen. Jede Figur ­ent­wickelt dabei ein ganz eigenes sprachliches und spielerisches Profil, was die Vorstellung zu einem spannungsreichen Erlebnis macht. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller sind in der langen Probenzeit seit Dezember 2022 zu einem Team zusammengewachsen, das die Gefahren und Chancen der globalisierten Welt sorgsam reflektiert. Sie fordern etwas Neues jenseits überkommener Ideologien und Strukturen. Wohin ihr Floß unter dem Namen der antiken Schreckensgestalt Medusa treibt, bleibt ­offen. Ihre spielerische Vitalität macht indes Mut und Lust auf Theater, das Gegenwart und Zukunft aus junger Perspektive nachdenklich verhandelt. Begeisterter Beifall bei der ausverkauften Premiere. E.E.-K.
Spieldauer ca. 1 ½ Stunden, keine Pause
Die letzten Vorstellungen: 4.05. // 12.05.23

Donnerstag, 01.06.2023

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