Judas - Kleines Theater - Kultur Nr. 177 - April 2023

Ehrlicher Verräter

Die ewige Schande hat er auf sich genommen. Judas Iskariot gehört zu den dunkelsten Gestalten der Bibel. Sein Name steht bis heute für den Verrat schlechthin. Judaslohn und Judaskuss sind geläufige Begriffe. ­„Judasfrauen“ nannte die Schriftstellerin Helga Schubert ihre Erzählungen über Denunziantinnen im Dritten Reich. Für den israelischen Schriftsteller hat die Verratsgeschichte auch mit dem Ursprung des Antisemitismus zu tun. Walter Jens forderte in einem „Zeit“-Essay 1975 die Seligsprechung des Judas, ohne den Gottes Erlösungsplan nicht erfüllt worden wäre. Es gibt zahlreiche theologische und literarische Interpretationen des Jüngers, der die Auslieferung des Messias an die Römer und damit seine Kreuzigung verschuldet haben soll.
„Ist hier jemand, der mich nicht kennt?“, fragt der Mann im schwarzen Mantel, der nervös über die Bühne läuft und offenbar etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Es geht ihm nicht um die große Show wie der Schauspieler Ben Becker sie in seiner dramatischen Inszenierung Ich, Judas zelebrierte. „Ich bin der Dark Knight“ verkündet der Mann auf der Bühne. Ein Batman in Jerusalem, wie es das Stück-Plakat andeutet? „Erwarte nichts“ steht als rotes Graffito auf der schmutziggrauen Rückwand, in der ein Beil steckt. Das ramponierte Bühnenbild (Marek Mauel) erinnert an das Pilatus-Evangelium von Eric-Emmanuel Schmitt, in dem Walter Ullrich 2007 den römischen Prokurator spielte.
Erwarte nichts, soll Jesus einst seinem treuen Anhänger Judas gesagt haben. Es ist der Schlüsselsatz des großen Monologs Judas der niederländischen Autorin Lot Vekemans. Die deutsche Erstaufführung inszenierte Johan Simons 2012 an den Münchner Kammerspielen. Im Kleinen Theater hat nun Janosch Roloff Regie geführt und eine überzeugende Form für das Drama gefunden. Anfangs konterkariert er mit ironischen Illusionsbrechungen alles Pathos der Geschichte und dekonstruiert etliche Klischees. Judas, der sich vor bald zweitausend Jahren erhängte, ist hier ein einfacher Mensch mit vielen Zweifeln. Ehrlichkeit ist ihm wichtig. Im Übrigen kostet seine Performance Geld. Wenn er die dreißig Silberlinge erwähnt, fragt er in den Zuschauerraum, ob auch alle ihren Eintritt bezahlt hätten.
Yannick Hehlgans spielt die Figur des von aller Welt verachteten Judas großartig. Er war stolz auf seinen Namen, der ihn mit der Tradition seiner Familie und seines Volkes verband. Er wollte kämpfen gegen die römischen Besatzer seines Landes. An der Seite des charismatischen Anführers Jesus gegen die korrupte Priesterherrschaft, die nur ihre eigenen Interessen verfolgte. Dass diese den friedlichen Prediger dem Pilatus ausliefern würden, war gegen alle Abmachungen. Judas hoffte, dass sein verehrter Meister sich als weltlicher Messias zu erkennen gebe. Die brutale Hinrichtung am Kreuz wollte er nicht. Aber er hat es zugelassen und entzog sich der Enttäuschung durch den eigenen Tod.
Um Politik und Religion geht es indes nur vordergründig in dem dramatischen Monolog. Auch nicht um Selbstrechtfertigung, sondern um den Zweifel als existenzielle Erfahrung über alle Zeiten hinweg. Hehlgans gelingt es eindrucksvoll, einen eigenwilligen Charakter zu verwandeln. Seine Ansprache ist direkt und emotional. Mitunter holt er den Inspizienten Lutz Arkenberg zu Hilfe oder lässt Songs der irischen Rockband U2 einspielen wie Hold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me aus dem Film Batman ­forever. In einer berührenden Szene zieht er seine Kampfstiefel und sein Batman-Shirt aus, steht barfuß zwischen den Trümmern seiner Überzeugungen und ist nur noch der Mensch, der schuldlos schuldig ein ­Schicksal auf sich nahm. Kurz setzt er eine rote Teufelsmaske auf, aber das bleibt nur ein hilfloser Versuch, das Böse zu illustrieren. Er will nichts erklären und keine moralische Botschaft verkünden. Er hat einfach nur geglaubt, gehandelt und gezweifelt.
Begeisterter Premierenbeifall für eine fabelhafte darstellerische Leis­tung und eine Inszenierung, die man so bald nicht vergisst. E.E.-K.
Spieldauer ca. 75 Minuten, keine Pause
Die letzten Aufführungen:
24.-26.03. // 29.-31.03. // 2.04. // 5.-6.04. // 8.-10.04.23







Montag, 01.05.2023

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