Löwenherzen - Werkstattbühne - Kultur Nr. 176 - Februar / März 2023

Große Reise eines kleinen Spielzeugtiers

„Spricht Gott bengalisch?“ fragt der achtjährige Anand, denn er hat einen Brief geschrieben: An Gott, der nach seiner Überzeugung im fernen Paradies Europa wohnen muss. Eigentlich möchte Anand gern zur Schule gehen und später ein großer Zauberer werden. Doch dafür reicht das Geld nicht. Er muss für den Lebensunterhalt seiner Familie in einer Spielzeugfabrik in Bangladesch arbeiten. Seine Mutter will in Indien ihren Bauch vermieten als Leihmutter für ein Paar, das anders keine Kinder bekommen kann. Angetrieben vom strengen Chef hat Anand in der Eile seinem Plüschlöwen ein Auge etwas schief angenäht. Aber das Tier kann nicht nur sprechen, sondern nimmt die Botschaft in seinem Herzen mit auf eine große Reise durch mehrere Kontinente.
So beginnt das Kinderstück Löwenherzen von Nino Haratischwili. Die aus Georgien stammende, vielfach ausgezeichnete Autorin schrieb es im Auftrag des Consol Theaters Gelsenkirchen. 2021 erhielt das Drama den Mülheimer „KinderStückePreis“ und wurde auch von der Jugend-Jury auf den ersten Platz gesetzt. Zu Recht: Es ist ein ungemein berührendes, witzig-poetisches kleines Meisterwerk. In der Werkstatt des Schauspiels Bonn hat es in der Reihe „Portal“ die an vielen Bühnen erfahrene Regisseurin und Kinderbuchautorin Hanna Müller inszeniert mit einem Ensemble von eigens dafür gecasteten Gastschauspielern, die insgesamt 17 Rollen verkörpern. Auf der Drehbühne von Ausstatterin Nina Gundlach sind die schnell wechselnden Schauplätze ideenreich markiert.
Den Löwen dürfen alle vier Akteure mal spielen und sich den großen ­Maskenkopf mit der eindrucksvollen Mähne aufsetzen. Anfangs ist der aus Syrien stammende Raafat Daboul der kleine Junge Anand, der voller Hoffnung sein Glück dem Löwen anvertraut. Das Spielzeugtier landet bei Emma (Mira Wickert, 1995 in Bonn geboren) in Deutschland. Höchst amüsant spielen Isa Weiß und Aljoscha Zinflou die zerstrittenen, bürgerlich besorgten Eltern im liberalen Wohlstands-Milieu. Die ­aufge­weckte Emma fragt sich dagegen, was sie wirklich braucht und beschließt, alles andere für eine Hilfsorganisation in Afrika zu spenden. So gelangt der schielende Löwe über Senegal, Mali, Spanien, Frankreich und Indien – inzwischen reichlich zerzaust – wieder zu Anand. Höchst amüsant inszeniert ist der ernsthafte Dialog der noch ungeborenen Zwillinge im Bauch von Anands Mutter.
Und der schiefäugige Löwe hat sogar eine Antwort auf Anands Brief mitgebracht: Sie lautet ganz einfach „Ja!“. Lebensbejahend ist das ganze märchenhafte Stück, das verschiedenste Lebensumstände von Kindern auf mehreren Kontinenten zeigt. Trotz der großen globalen Themen wie Kinderarbeit, Migration, Armut und Wohlstandsproblemen ganz ohne Anklagen. Sondern spielerisch­ ­opti­mis­tisch, denn jede Figur hat ein eigenes tapferes Löwenherz. Die einfallsreiche Inszenierung, sensibel unterstützt durch die Musik von Felix Weigt, ist ein echter Glücksfall wie der sympathische Spielzeuglöwe. Und Anand wird ein berühmter Zauberer werden. Großes Löwen-Ehrenwort!
Die Aufführung wird empfohlen für Publikum ab 10 Jahren. E.E.-K.

Spieldauer ca. 90 Minuten ohne Pause
Die nächsten Vorstellungen: 14.02. // 12.03.23

Samstag, 01.04.2023

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