Eine Art Liebeserklärung - Theater die Pathologie - Kultur Nr. 174 - Dezember 2022

Das Gewicht einer Lüge

Faye Johnson ist Lehrerin an einem College irgendwo in den USA. Eine hervorragende Lehrerin, die ihren Beruf liebt und ihre Schülerinnen und Schüler begeistern kann. Fächer: englische Literatur und Theater. Und plötzlich fragt ein Mädchen: „Wieviel wiegt eine Lüge?“ Lehrer geben Antworten, das ist ihre Aufgabe. Und Faye, stets souverän und perfekt rational, beginnt zu rechnen. Abzurechnen mit sich selbst. Eine Art Liebeserklärung des amerikanischen ­Star­dramatikers Neil Labute (etliche seiner gesellschaftskritischen Stücke waren am Theater Bonn zu sehen, eins schrieb er sogar extra für die Bonner Schauspielerin Birte Schrein) ist der nachdenkliche Monolog einer Frau, die ihre Lebenslüge analysiert.
Faye ist glücklich verheiratet mit dem erfolgreichen Anwalt Eric. Er nennt sich stolz „gemischt“. „BIPOC“ (Black, Indigenous, People of Coulour) – also beim Studium bevorzugt gefördert durch Stipendien, auch bei der Karriere keineswegs benachteiligt. Faye liebt ihn zweifellos. Auch wenn’s im Bett bald langweilig wurde und er ihren Kinderwunsch nicht erfüllen konnte. Und dann saß da plötzlich der Oberstufenschüler Tommy in ihrer Sprechstunde. Durchschnittliche Noten, aber hübsch und als Liebhaber außerordentlich begabt. Faye genoss die lang entbehrte Lust und wurde schwanger. Tommy verschwand aus ihrem Leben, Eric war seiner mittlerweile sechzehn Jahre alten Tochter ein perfekter Vater. Doch nun chattet das Mädchene heimlich mit einem Fremden. Wahrscheinlich irgendein gleichaltriger Junge, ganz normal in ihrem Alter. Oder steckt

mehr dahinter?
Es geht in dem Solostück weniger um eine skandalöse Affäre als um die kleinen Lügen und rassistischen Vorurteile, die sich fast unmerklich eingenistet haben im vordergründig liberalen, arrivierten Bürgertum. Anne Scherliess im schlichten schwarzen Alltags-Outfit spielt die attraktive, immer noch jugendlich wirkende Mittvierzigerin eindringlich mit leiser Selbstironie. Sparsame Gestik, keine pathetischen Ausbrüche, keine Reue, ab und zu eine kleine erzählerische Abschweifung, für die sie sich als hochgebildete Literaturkennerin umgehend entschuldigt. Regisseurin Maren Pfeiffer hat das sensible Solo geradezu ­puris­tisch inszeniert. Einziges Requisit im leeren Bühnenraum ist eine kleine weiße Bank, die als Sitzmöbel dient, kurz auch als eine Art Schutzschild und als imaginäres Kinderbett. Fayes Bericht wirkt wie eine Selbstvergewisserung und gleichzeitig wie eine strategisch kluge Aussage vor einem Geschworenen-Tribunal. Es ist eine intime Liebeserklärung an die Menschen, die sie benutzte und die ihr Lügen-Schauspiel brauchten. Es ist jedoch mehr noch ein Versuch zu erklären, wie schwer Liebe sein kann. Faye wird ihrer Schülerin eine ganz konkrete Antwort auf ihre Frage geben. Das Premierenpublikum im Theater die Pathologie folgte dem bis zur letzten Minute spannenden Monolog mit konzentrierter Aufmerksamkeit. E.E.-K.
Spieldauer ca. 70 Minuten, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
15.12.22 / 7.01.23

Sonntag, 01.01.2023

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