Pussy Riot – Anleitung für eine Revolution - Werkstattbühne - Kultur Nr. 173 - November 2022

Wut und Sensibilität

Mittlerweile ist das russische Künstlerinnen-Kollektiv international bekannt. Der Regisseur Milo Rau widmete ihnen 2014 seinen Film Die ­Moskauer Prozesse, in dem die Verurteilung der Polit-Aktivistinnen geschildert wird. Am 21. Februar 2012 drangen im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen Mitglieder der feministischen Punkrock-Band Pussy Riot in die gut ein Jahrzehnt zuvor prachtvoll neu errichtete Christ-Erlöser-Kathedrale im Moskauer Zentrum ein und zelebrierten im nicht öffentlich zugänglichen Altarbereich ein rebellisches „Punk-Gebet“, das per ­Video um die Welt ging. Junge Frauen in unverschämt bunten Outfits, maskiert mit selbstgehäkelten Sturmhauben, protestierten mit diesem kurzen Happening gegen das imperiale russische System. Gegen den 2009 inthronisierten orthodoxen Patriarchen Kyrill, einen ehemaligen KGB-Agenten, und seinen Freund ­Wladimir Putin, der selbstverständlich wiedergewählt wurde und per Verfassungsänderung nun bis 2036 im Amt bleiben kann.
Nadja Tolokonnikowa, geboren am 7. November 1989, also am Jahrestag des Beginns der russischen Revolution 1917, wurde mit anderen Mitgliedern von Pussy Riot verhaftet und zu zwei Jahren Straflager verurteilt. 2016 erschien ihr Buch Anleitung für eine Revolution, in dem sie ihre Erfahrungen schilderte. Fast genau zehn Jahre nach der künstlerischen Intervention in dem großen Gotteshaus (man kann es tatsächlich für Events aller Art für viel Geld mieten), am 24. Februar 2022, begann Putin seinen völkerrechtswidrigen, brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Grund genug für die Schauspielerin Linda Belinda Podszus und den Regieassistenten Max Immendorf, dazu kurzfristig eine Werkstatt-Inszenierung zu gestalten, die den Kampf der Pussy-Riot-­Aktivistinnen auf die Bühne bringt.
Vor einem altarähnlichen Aufbau, unter dessen Mitte ein rot leuchtender Stoff an eine Vulva (Pussy) erinnert, präsentieren Markus J. ­Bachmann, Linda Belinda Podszus und Birte Schrein in sportlicher Kampfkleidung (Kostüme: Djamilja Brandt) an Lesepulten ­Tolokonnikowas Text. Es ist in der szenischen Einrichtung von ­Max ­Immendorf jedoch keine Lesung, sondern eine spielerisch überzeugende Performance, in der bei aller Betroffenheit der freche Witz und die bittere Ironie der politischen Aktivistin nicht zu kurz kommen. Da gibt es praktische Hinweise, wie man mit wenig Mitteln eine Kunst-Aktion mit maximalem Effekt vorbereitet, bevor sie von den allgegenwärtigen ­Sicherheitskräften beendet wird. Da sind die Sehnsucht nach der kleinen Tochter, die Empörung über Ungerechtigkeit, die Angst vor Knüppeln und der Einsatz für ­bessere Haftbedingungen. Auch Absurditäten wie Schönheitswettbewerbe im Knast kommen zur Sprache.
Allen voran berührt Podszus (auch verantwortlich für die musikalische Einrichtung mit lauten Punkrhythmen, zarten elektronischen Klängen und raffinierten Loops) als ebenso zornige wie verletzliche Künstlerin Nadja. Geschwächt von ihren Hungerstreiks hockt sie verzweifelt in ihrer Zelle, gibt aber trotz allem nicht auf. Hinreißend singt sie Lieder von Wut und Schmerz, wie eine Heilige Johanna der Protestbewegung bleibt sie aufrecht im Kampf für wirkliche ­Demokratie. Schrein gibt die strenge Gefängnisaufseherin mit Polizeikappe, ist aber auch die mütterlich anrührende Nadja und spielt deren wild tanzende Pussy-Riot-Gefährtin. Bachmann setzt sich mitunter kleine schwarze Teufelshörner auf und spielt die männliche Facette des Kunst-Kollektivs. Es geht hier weniger um Gendergerechtigkeit als um politische und persönliche Freiheit. „Mach schöne Fehler“, fordert die Künstlerin. Die Entscheidung für die Aufführung war zweifellos richtig. Zumal die ästhetische Form über alle Fallstricke von Betroffenheits-Theater bis Polit-Lehrstück geschickt hinwegbalanciert. E.E.-K.

Spieldauer ca.1 Stunde, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
8.11. / 20.12.22

Donnerstag, 01.12.2022

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Letzte Aktualisierung: 24.04.2024 21:01 Uhr     © 2024 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn