Weinhebers Koffer - Kleines Theater - Kultur Nr. 173 - November 2022

Gedankenreise übers Erinnerungsmeer

Der junge Journalist Elias Ehrenwerth entdeckt auf der Suche nach einem originellen Geburtstagsgeschenk für seine Freundin Lisa Winter bei einem Berliner Trödler einen alten Lederkoffer mit ihren Initialen L.W., gefüllt mit diversen Briefen und Manuskripten. Eine Visitenkarte verweist auf den einstigen Besitzer: Dr. phil. Leonard Weinheber. Der Koffer muss in Palästina gewesen sein, wurde im Hafen jedoch nicht abgeholt und landete nach vielen Jahren wieder in Berlin. Elias begibt sich auf die Spur des geheimnisvollen Gepäckstücks.
Der jüdische Dichter Leonard Weinheber, der auf einer Schiffspassage nach Palästina spurlos verschwand, ist eine Erfindung des Schriftstellers und Filmregisseurs Michel Bergmann (*1945 in Basel). Dessen 2015 erschienener kurzer Roman Weinhebers Koffer ist die Vorlage für das gleichnamige Theaterstück, das nun im Kleinen Theater seine Bonner Premiere feierte. Der fiktive Weinheber schrieb um 1931 an einem ebenso fiktiven Roman „Die blutende Stadt“, dessen Protagonist Abraham Friedländer Opfer antisemitischer Umtriebe wurde. Mit dem österreichischen Nazipoeten Josef Weinheber, der sich 1945 kurz vor dem Ende des Hitler-Regimes das Leben nahm, hat dieser Autor trotz des Namens nichts zu tun. Weinhebers Koffer enthält jedoch eine Menge vergessener Leben. Diese auf die Bühne zu bringen, versucht nun die Schauspielerin und Regisseurin Britta Shulamit Jakobi, die sich mit ihrem Kölner Projekt „rimon productions“ auf jüdische Themen spezialisiert hat. Kürzlich gastierte das Ensemble bereits im Kleinen Theater mit Arthur Millers letztem Drama Scherben.
Elias, sympathisch naiv verkörpert von Anton Tsirin, reist nach Israel, trifft im quirligen Jaffa Palästinenser und jüdische Emigranten (gespielt von Isai Lieven) und taucht immer tiefer ein in die Vergangenheit. Er erfährt von Weinhebers Liebesbeziehung zu der jungen Schauspielerin Lenka Rosen (alle weiblichen Rollen: Britta Shulamit Jacobi) und von dem nie veröffentlichten Romanfragment. Und plötzlich sehen wir Weinheber auf dem Schiff unterwegs ins Exil. Bewundert von einer jungen Frau, die seine Nähe sucht, während er der verlorenen Heimat nachtrauert: „Mein Deutschland ist nicht das Land der Nazis. Es ist das Land Schillers, Börnes, Beethovens. Ich habe über dreißig Jahre in diesem Land gelebt. Ich habe es noch gekannt, als es noch nicht schuldig war, noch nicht infiziert vom Geist des Bösen.“ Es ist der hervorragende Schauspieler Hanno Dinger, zuletzt am Kleinen Theater zu erleben als Adolf Eichmann in dem Monologstück Bald ruh‘ ich wohl, der diese vielschichtige Gedankenreise über alle dramaturgischen und emotionalen Klippen trägt. Ihm gelingt es, dem verschollenen Dichter Weinheber ebenso eine überzeugende Präsenz zu verleihen wie dessen Romanfigur Friedländer. Ansonsten verschwimmt die Inszenierung irgendwo an der Oberfläche zwischen Imagination und Wirklichkeit. Leider kein großer Wurf! E.E.-K.

Spieldauer ca. 1 ¾ Stunden, inkl. Pause
Letzte Vorstellungen: 30.10. - 3.11.22

Donnerstag, 01.12.2022

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