Der erste letzte Tag - Contra Kreis Theater - Kultur Nr. 173 - November 2022

Fantasie und Lebensmut

Lea mit ihrem geheimnisvollen orangefarbenen Seesack nervt. Entweder hat diese junge Frau einen Peter-Pan-Komplex oder ein Vaterproblem oder einfach einen Knall im Kopf. „Nur Rentner blinken in Parkhäusern“. Wieder so einer von ihren unverschämten Volltreffern. Dabei ist Livius Reimer vom Pensionsalter noch sehr weit entfernt. Und Lea von Arnim (Adel schadet nicht), schräge Frisur, schrilles Outfit, ziemlich dreist und vorlaut, ist gewiss nicht die Person, mit der der brave Lehrer eine lange Autofahrt unternehmen möchte. Leider passierte es trotzdem. Der Flug von München nach Berlin wurde wegen dichten Schneetreibens gecancelt. Seinen Führerschein hatte Livius nicht dabei. Den letzten ­verfüg­baren Mietwagen bekam Lea – natürlich unter Belas­tung seiner Kreditkarte. Nun sitzen die beiden also in einem teuren bayerischen Markenauto und beginnen eine Reise mit vielen überraschenden Um- und Abwegen.

Der erste letzte Tag. Kein Thriller des vor allem mit Kriminalromanen bekannt gewordenen Bestseller-Autors Sebastian Fitzek (*1971 in Berlin) ist ein Roadmovie der besonderen Art. Lajos Wenzel, Intendant der Landesbühne Rheinland-Pfalz und designierter Intendant des Theaters Trier, hat die Story für die Bühne bearbeitet. Andreas Lachnit (Regie und Bühne) hat das Stück mit rasantem Tempo und viel spielerischem Witz inszeniert. Nach der Uraufführung im September im Schlosstheater Neuwied feierte die Koproduktion mit dem Bonner Contra-Kreis-Theater im Oktober hier ihre umjubelte Premiere.
Ein paar abstrakte weiße Wand- und Bodenelemente markieren die rasch wechselnden Schauplätze. Monika Seidl hat die gefühlt ­mindestens zwanzig Kostüme entworfen. Denn Farina Violetta ­Giermann und Thomas Krutmann sind in kaum zu zählenden Rollen zu erleben. Giermann spielt u. a. die genervte Flugbegleiterin, Livius‘ attraktive Gattin, Leas bürgerlich strenge Schwester, die demente Oma im Seniorenheim und gleich mehrere Krankenschwestern. Krutmann verkörpert mit diversen Akzenten und irrem Spielwitz einen italienischen Restaurantbesitzer, ein paar Kleinkriminelle, einen arroganten Hotelportier, einen verwirrten Pastor, einen nicht sonderlich vertrauenerweckenden russischen Masseur in einer Wodkasauna (das legendäre Mundharmonika-Motiv aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ verheißt nichts Gutes) und einen Hamburger Chefarzt. Medizinisches Personal ist nämlich mitunter nötig auf der abenteuerlichen Reise. Lachen bis der Arzt kommt ist indes nicht angesagt bei dieser zärtlich verrückten Komödie zwischen Trash und Sensibilität.
Es geht um ein Gedankenexperiment: Was würdest du tun, wenn heute dein letzter Tag wäre? Das ist Leas nicht völlig unbegründeter Vorschlag. Livius, der gerade an einem Lebensratgeber für seinen ungeborenen Sohn schreibt, geht trotz aller Bedenken darauf ein. Fitzek selbst hat für seine Kinder etwas Vergleichbares verfasst unter dem von Albert ­Einstein inspirierten Titel „Fische, die auf Bäume klettern“. Das freche Punk-Girl Lea, überzeugte Geldgegnerin (was Livius‘ Konto massiv strapaziert) verfügt nicht nur über viel Fantasie, Grips und Möglichkeitssinn, sondern auch über eine eigensinnige Empathie. Carolin Freund spielt hinreißend diese merkwürdige Journalistin, die aus ihrem vielleicht kurzen Leben etwas Echtes machen will. Natürlich crasht es ordentlich zwischen dem ungleichen Zufallspaar, selbstverständlich klingeln ständig die Mobiltelefone, und statt im teuren Luxusauto ­sitzen die beiden irgendwann in einer nur mäßig fahrtüchtigen Schrottkiste.
Thomas Jansen gibt perfekt den sympathischen Typen, der eigentlich nur seine leicht in die Schieflage geratene Ehe retten wollte und stattdessen plötzlich sogar im Fernsehen landet. In einer kalten Nacht für die Obdachlosen hinterm Bahnhof viele Zimmer in einem 5-Sterne-Schuppen zu reservieren, hat wirklich was sensationell Menschenfreundliches. Und wer hat sich nicht schon mal gewünscht, bei seiner eigenen Beerdigung lebendig dabei zu sein, um sich über die Nachrufe zu amüsieren? Ohne zu spoilern: Lea ist jemand, der als Fisch auf Bäume klettern würde und vielleicht noch mehr letzte Tage schafft. Aber wahrscheinlich hat Livius sich das Ganze nur ausgedacht.
Die Gefahr, sich bei der turbulenten Aufführung mit Lebensmut anzustecken, ist jedenfalls sehr hoch. Beglückter Premierenbeifall mit Standing Ovations für das famose Schauspieler-Quartett und das Kreativ-Team. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 ¾ Stunden, inkl. pause
Die weiteren Aufführungen:
täglich bis 10.11.22 außer montags

Donnerstag, 01.12.2022

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