Escape Room - Contra Kreis Theater - Kultur Nr. 172 - Oktober 2022

Spiel hinter verschlossenen Türen – britisch

Zu ihrem 80. Geburtstag hat die wohlhabende Witwe Heather Bedford, genannt Hetti, ihre Familie versammelt. In einem „Escape Room“, wie sie sich seit einigen Jahren in vielen Städten großer Beliebtheit erfreuen. Eine Gruppe von Menschen wird in einem Raum eingeschlossen und muss in einer bestimmten Zeit eine Reihe von Rätseln lösen oder Aufgaben bewältigen, um sich zu befreien. Ein Live-Adventure-Spiel und eine klassische Krimi-Situation – niemand kommt raus, bevor die Sache aufgeklärt ist. Wer James Berwick ist, der als Autor des Stücks Escape Room fungiert, bleibt dabei ein Geheimnis. Ein dramatisches Meisterwerk ist die im April 2022 am Landestheater Neuwied in der Regie von Urs ­Alexander Schleiff uraufgeführte „Krimikomödie mit Herz“ jedenfalls nicht. Die Inszenierung, die Anfang September im Contra-Kreis-Theater ihre Bonner Premiere feierte, ist immerhin spielerisch ein Vergnügen.
Reibungslos funktioniert in der fantasievollen Ausstattung von Tom Grasshof zumindest das drehbare Wandelement, das manche Akteure auf Knopfdruck verschwinden und wieder auftauchen lässt. Auch sonst gibt es allerhand technisches Spielzeug im holzgetäfelten Bühnen-­Escape-Room. Und mit very british hochgezogener Augenbraue blickt Heinrich VIII in die aufgeregte Runde. Köpfe müssen nicht rollen, werden jedoch angesichts beträchtlicher Summen (sogar ein mit Geldscheinen prall gefüllter Koffer kommt zum Einsatz) doch ordentlich verdreht.
Monica Kaufmann, nach etlichen Jahren wieder in Bonn zu Gast, spielt mit listigem Charme die alte Lady, die neben einer spektakulären Kunstsammlung, diversen Luxusimmobilien und -karossen reichlich Liquidität besitzt. Mit ihrer Vorliebe für Eierlikör gehört sie indes nicht mehr so ganz zur Gamer-Generation. Im Gegensatz zu ihrer Enkelin Luca (sympathisch verkörpert von Raphaela Kiczka), die von einer bezahlbaren Wohnung in München träumt. Hettis einziger Sohn Heinz-Günther, Geschäftsmann in den noch ziemlich ­besten Jahren, geht mit väterlicher Zuwendung eher sparsam um. Frank Büssing mit nervtötendem Mobiltelefon erfüllt gnadenlos alle Businessman-Klischees und wird beim Handy-Entzug ziemlich uncool. Martine Schrey gibt mit wuchtiger Präsenz seine Ex-Lebenspartnerin Tanja. Dass sie ausgerechnet bei dem Autohändler Walter hängenblieb, ist wohl eher eine Panne. Jürgen ­Reinecke in der Rolle des Mega-Prolls mit quietschbuntem Jackett, Hang zu Alkohol, Karaoke und dem amerikanischen Kampfkünstler Chuck Norris, ist der heimliche Star der ­verrückten Family-Story. Außerdem gibt es noch Spielmacher Sam (als reizender Sonnyboy: Leon Reichert), der das ­Publikum munter zum Mitspielen animiert.
Hetti verfügt indes nicht nur über ihr ehelich erworbenes Vermögen, sondern auch über philosophische Einsichten. Weil der Mensch das einzige Lebewesen ist, das um seine Sterblichkeit weiß, will sie rechtzeitig ihre ‚Nachkommen‘ vom nahen Erbstreit abhalten und ihr Testament spielerisch mit einem Funken Wahrheit versehen. Die amüsante Schlammschlacht mit Axt, Elektroschocks, kalten Duschen, Domina-Spielchen, sentimentalem Toskana-Syndrom, süßer Rache und bitterer Räson nimmt also ihren unausweichlichen Lauf. Natürlich mit Happy End: Hetti kann mit ihrer ziemlich friedlichen Patchwork-Verwandtschaft das Leben feiern. Es muss also nicht die letzte Party der alten Dame sein. Darauf bitte noch einen Eierlikör! Freundlicher Premierenapplaus für das aufgeweckte Spielteam. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 ¼ Stunden inkl. Pause
Die nächsten Vorstellungen:
täglich außer montags und dienstags bis zum 16.10.22

Dienstag, 01.11.2022

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