Cabaret Paris - Malentes Theater Palast - kultur 173 - November 2022

Cabaret Paris
Foto: Barbara Frommann
Cabaret Paris
Foto: Barbara Frommann

Bonjour Amour - Revue von anno dazumal in Malentes Theater Palast

Der sorgsame Brandschutz hat endlich grünes Licht gegeben. Am ­21. ­Ok­­tober konnte Familie Malente nach einer langen Zitterpartie ihren Theater Palast in Pützchen eröffnen. Das frisch aufpolierte historische Spiegelzelt hat in der Jahrmarktshalle am Holzlarer Weg (die Umgebung ist – vorsichtig gesagt – eher unspektakulär und düster) ein stabiles Dach über dem roten Samt-Plafond mit dem riesigen Kronleuchter. Es gibt hinter dem etwas versteckten Eingangstor ein großzügig gestaltetes Foyer und sogar eine wunderschöne separate Bar. „Locos Bar“, nachdem die Königin der B9 vom Hochkreuz auf die Schäl Sick gezogen ist. Irgendwie außerirdisch, aber originell. „Es ist so schön, am Abend bummeln zu gehen“ aus Paul Abrahams 1932 uraufgeführter Operette Ball im Savoy passt dennoch.
Denn jetzt heißt es: „Willkommen in der Beuel Albert Hall, welcome in the Palace, bienvenue à Paris!“ Die Hausherren Knut Vanmarcke und Dirk Vossberg-Vanmarcke haben die unfreiwillig verlängerte Spielpause genutzt, um tiefer als je zuvor in die Geschichte einzutauchen, die Metropole der Lichter, der Liebe und des Cabarets zu erkunden und eine zauberhafte neue Show zu entwickeln. Dabei sind sie an der Place Pigalle auf das Varieté-Theater der Familie Chevalier gestoßen, einst das ­erste Haus am Platz, gegen Ende der 1930er Jahre (der graubärtige Grand-Père mischt immer noch mit), jedoch ein wenig aus der Zeit gefallen. Zumal direkt in der Nachbarschaft an der Place Blanche im „Moulin Rouge“ die Mädels nun gänzlich hüllenlos das Publikum anziehen. Aber Madame Florence Chevalier hat für alle Probleme eine Lösung.
Die trotz mancher Realitätspartikel frei erfundene Story ist so frohgemut anachronistisch, dass da neben Zarah Leanders Hit Er heißt Waldemar auch mal Songs aus der damaligen Zukunft auftauchen können. Im eleganten Art-Deko-Ambiente leuchtet neben der Bühne der Eiffelturm vor der Pariser Stadtsilhouette, und sogar einer der berühmten Jugendstil-Metroeingänge von Hector Guimard (Bühnenbild: Heiko de Boer) lädt zum Ausflug vom Rhein an die Seine ein. An der Ausstattung der Revue „Cabaret Paris“ wurde nicht gespart, allein die über 50 Kostüme (entworfen von der bewährten Melanie Rosewick) für die sechs Darstellerinnen und Darsteller sind eine echte Augenweide.
Unbestrittene Königin des Etablissements ist Knut Vanmarcke als energische Madame Florence. Regisseur Dirk Vossberg-Vanmarcke führt als brillanter Entertainer Monsieur Jean-Louis Chevalier durch den bunten Abend mit allerhand Zaubertricks, Gags, Messerwerfern, schwebenden Jungfrauen, lustiger Clownerie, ein bisschen durchsichtiger Hellseherei, malentiösen Reklame-Parodien und den üblichen Mitspielangeboten ans Publikum. Und dann steht plötzlich der junge deutsche Künstler Max Rosenthal vor der Tür und bittet um Asyl. Sogar Referenzen vom GOP in Hannover (!) kann er vorweisen. „Mon Dieu, où se trouve ça?“ Doch als Florence den gelben Judenstern auf Max‘ Weste sieht, ist sonnenklar: „In meinem Theater gibt es nur einen Stern: den Stern auf meiner Garderobentür.“ Natürlich verliebt sich Töchterchen Florentine in den reizenden jungen Mann mit der ­Nickelbrille und dem ­Chaplin-„Smile“ im Gesicht. Was zu einem Kino-Ausflug nach Casablanca führt und schließlich nach der Warnung eines sympathischen Flics zu ­Maxens Emigration in die USA. Es sind halt schwere Zeiten, und die heutigen Krisen kann man sich bei aller leichten Unterhaltung nicht einfach wegdenken.
Die Malentes haben für ihr Cabaret Paris vier exzellente junge Musical-Talente aus den Niederlanden engagiert. Juul Van de Laar überzeugt bei seinem ersten Auftritt im Theater Palast vor allem als tapferer Max. Ebenfalls neu ist die entzückende Niniane Everaert (Florentine u. a.). Schon mal dabei waren die vielseitige Lara Grünfeld (Lucienne, Piaf u. a.) und der hochgewachsene, gertenschlanke Schauspieler Jeroen Sigterman (Fremdenführer, Jean-Luc Chevalier u. a.). Wunderbar singen und tanzen können sie alle. Selbstverständlich darf ein flotter Can-Can nicht fehlen. Wie der „Striptease Orange“ funktioniert, sei hier nicht verraten.
Aber irgendwann steht ein Mädchen namens Edith vor der Tür. Madame ist nicht begeistert von ihrem „Gegröl“. Monsieur empfiehlt ein Engagement des kleinen „Spatzen“. „Emporté par la foule“ – im Cabaret Paris dreht sich das fantastische Theater-Karussell der großen und kleinen Gefühle mit einem Schuss Melancholie, bewegenden Liedern und schwungvollen Choreografien munter weiter. Und irgendwann wird die Chefin des unermüdlichen deutsch-französischen Familienbetriebs „Chevalier-Rosenthal“ heißen und vermutlich sogar wissen, wo Pützchen liegt. „C’est la vie“…
Das prominente „Moulin Rouge“ ist jedenfalls keine Konkurrenz mehr für das intime „Cabaret Paris“. Bei der fast ausverkauften zweiten Vorstellung fulminanter Applaus für einen köstlichen Spaß. E.E.-K.
Spieldauer ca. 2 ½ Stunden inkl. Pause

Mittwoch, 03.05.2023

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