Kleiner Mann- was nun ? - Schauspielhaus - Kultur Nr.170 - April 2022

Kleiner Mann, was nun?
Foto: Thilo Beu
Kleiner Mann, was nun?
Foto: Thilo Beu

Gefangen in einer Abwärtsspirale

Die Drehbühne von Dorothee Curio kreist unerbittlich. Mal schneller, mal langsamer. Mitunter wechselt sie die Richtung. In den großen ­Fenstern, die den Raum unterteilen, spiegeln sich immer wieder die Zuschauer der Abwärtsspirale des kleinen Mannes Johannes Pinneberg. Anfangs erklingen Möwengeschrei und Meeresrauschen. In einer Kleinstadt nahe bei Hans Falladas Geburtsort Greifswald lebt Pinneberg als Buchhalter der Düngemittel-Firma des Herrn Kleinholz, der seinen braven Angestellten gern mit seiner Tochter Marie verheiraten möchte. Es kommt anders. Pinneberg heiratet seine schwangere Freundin Emma, genannt Lämmchen, und wird entlassen.
Regisseur Jan Neumann hat den 1932 erstmals erschienenen Roman Kleiner Mann – was nun?, mit dem Hans Fallada (mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen) international berühmt wurde, geschickt eingekürzt. Es ist keine schrille Revue wie die Fassung von Tankred Dorst, die in der Regie von Peter Zadek 1972 am Bochumer Schauspiel herauskam. In Bonn wird die Bühnenbearbeitung des Belgiers Luk ­Perceval gespielt, musikalisch unaufdringlich untermalt von Thomas Osterhoff. Etliche Passagen werden von den Figuren selbst erzählt, während die Akteure zu grotes­ken Bildern eingefroren stehenbleiben. Das entspricht dem nüchternen Berichtsstil des Autors und macht die Geschichte sinnlich evident. Pinneberg ist einer von Millionen, die in der Weltwirtschaftskrise ihren Job verlieren, von der Arbeitslosigkeit in die Armut rutschen und schließlich aus der bürgerlichen Gesellschaft verbannt werden. Ein Jahr nach der Veröffentlichung des Romans übernahmen die Nationalsozialisten die Macht.
Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen in Neumanns eindrucksvoller Inszenierung neben den beiden Protagonisten über 30 Rollen. Unabhängig vom Geschlecht, was gelegentlich zu amüsanten Travestiemomenten führt. Es ist eine bitterböse Komödie voller bizarrer ­Gestalten. Es ist freilich auch ein sentimentales Drama über eine unerschütterliche Liebe. Dafür steht Linda Belinda Podszus als Lämmchen. Im rosa Kleid mit üppigen Rüschenärmeln (fantastische Kostüme: Cary ­Gayler) ist sie die junge Frau, die geradlinig ihren Weg geht. Völlig unbeschädigt von allen Schicksalsschlägen, immer mit dem festen Vorsatz: Wir schaffen das! Ihr sanfter Trotz und ihre schlichte Selbstsicherheit sind ebenso unwiderstehlich wie ihre mütterliche Fürsorge für ihre kleine Familie. An der Seite dieses bodenständigen Engels ist Timo Kählert die zweite durchgängige Figur ohne Rollenwechsel. Perfekt verkörpert er den tapferen kleinen Mann, der redlich seine Arbeit tut und mit ­wachsender Verzweiflung um seine Existenz kämpft. Ein naiv ehrlicher Irrläufer in der Berliner Großstadthölle, die ihn vom schicken Kaufhaus buchstäblich in die Gosse jagt. In seiner Sehnsucht nach ein bisschen Luxus erwirbt er mal eine teure Frisierkommode, die auf der Bühne als riesige Luftblase erscheint. Lämmchen weiß das völlig nutzlose Geschenk dennoch zu schätzen. Es gibt etliche solcher Szenen von hilfloser ­Ver­geblichkeit, die trotz allem einen Anschein von Glück in die Trostlosigkeit bringen.
Annika Schilling glänzt insbesondere als Pinnebergs hysterische Mutter Mia, die in ihrer Wohnung heimlich mit wilden Partys ihr Geld verdient und sofort verschwendet. Wilhelm Eilers ist im Zuhälter-Pelzmantel u. a. ihr windiger Lebensgefährte Holger Jachmann, der mit seinen Beziehungen Pinneberg einen Job als Herrenmodeverkäufer verschafft. Bernd Braun mimt u. a. den versoffenen Unternehmer Kleinholz, der sein Personal mit unberechenbaren Machtspielen verunsichert. Alois Reinhardt spielt u. a. seine hexenhafte Gattin und den üppig dotierten Betriebssanierer Spannfuß, der die Kaufhaus-Angestellten mit unrealistischen Verkaufsquoten zur brutalen Konkurrenz zwingt und zum tanzenden Teufel des Wolfskapitalismus mutiert. Christian ­Czeremnych ist u. a. der Nazianhänger Lauterbach, der mit deutlichen Spuren von nächtlichen Schlägereien zum Dienst erscheint, der arrogante Filmschauspieler Schlüter und der sympathische Kollege Heilbutt mit Vorliebe für Freikörperkultur (inkl. splitternacktem Auftritt), der mit Aktfotos zu Geld kommt und der obdachlosen Familie seine Gartenlaube weit vor den Toren der Stadt überlässt. Der junge David Hugo Schmitz liefert ein komödiantisches Kabinettstück als eifrig tippende Sekretärin Fräulein Semmler und verkörpert (auf Knien trippelnd) auch den kleinen Murkel, den Lämmchen im Verlauf der Erzählung zur Welt bringt. Sie nimmt das Leben der Familie in die Hand, verdient etwas Geld mit Strümpfestopfen. Als ihr Mann, den Lämmchen liebevoll „mein Junge“ nennt, mal den kargen Lohn abholen soll, hetzt die auf einem riesigen Goldklumpen hockende Villenbesitzerin ihre schwarzen Doggen auf ihn. Es ist wie ein gespenstisches Märchen, in dem Pinnebergs Welt immer irrealer erscheint.
Regelmäßig muss er nach Berlin fahren, um sein spärliches Arbeitslosengeld abzuholen, das allein schon für die teure Zugfahrt fast draufgeht. Gedemütigt und zunehmend verlottert irrt er durch die Stadt. Den absoluten Tiefpunkt erreicht er, als er von Polizisten unter dem Gespött der Passanten vom Bürgersteig auf die Straße gejagt wird. Dem kleinen Mann wird jede menschliche Würde verweigert. Doch zu Hause wartet voller Sorge seine treue Frau. Lämmchen wird ihren Jungen glücklich in die Arme schließen und in der dunklen Nacht einen Himmel voller Sterne leuchten lassen. Es ist wie früher, die Liebe ist geblieben, das Meer rauscht, und drinnen schläft ruhig das Kind in einer goldenen Höhle. Am Ende ist es doch ein schönes Märchen. In einer allgemeinen Umarmung vereinen sich das Paar und all die Gestalten, die auf dem Lebenskarussell mitwirkten. Langer Premierenbeifall für eine ebenso berührende wie unterhaltsame, durchweg exzellent gespielte Aufführung ohne postdramatisch verkopften Regie-Ehrgeiz. Unbedingt empfehlenswert! E.E.-K.
Spieldauer ca. 2 ¼ Stunden, keine Pause

Freitag, 01.04.2022

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Letzte Aktualisierung: 29.11.2022 16:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn