Schon wieder Sonntag - Kleines Theater - Kultur Nr.169 - März 2022

Schon wieder Sonntag
Foto: Patric Prager – die Prager Botschaft
Schon wieder Sonntag
Foto: Patric Prager – die Prager Botschaft

Berührende Seniorenkomödie

Selbstironie ist ein gutes Mittel gegen die Altersmelancholie. Conrad ist zwar körperlich nicht mehr topfit, aber pflegt seinen heiteren Sarkasmus ebenso beharrlich wie seinen täglichen Flirt mit der hübschen jungen Pflegerin Meier. „Für Ihr Alter ist Ihr Gehirn noch bemerkenswert aktiv.“ Solche Sätze hört Conrad gern. Wenn auch mit gemischten Gefühlen, denn es macht deutlich: Eben nur für sein fortgeschrittenes Alter. Manchmal möchte er zugeben, dass er Angst hat. Davor, ein „Zombie“ zu werden, wie er und sein Freund Arthur das nennen. Vor den Altersbeschwerden, Urinbeuteln und dem schleichenden Verlust seiner Persönlichkeit. Mitunter hält ein Leichenwagen vor dem Seiteneingang der komfortablen Seniorenresidenz, in der Conrad ein Zimmer mit Aussicht auf den Park bewohnt. „Irgendjemand ist heute Morgen gestorben.“ – „Ich war’s nicht!“
Im Kleinen Theater spielt der 75-jährige Josef Tratnik (zum ersten Mal auf der Bad Godesberger Bühne zu Gast) den gutbürgerlichen alten Herrn, der das Personal nur mit Nachnamen anredet. Meier zum Beispiel, die „Krankenschwester der Herzen“, äußerst sympathisch und viel Empathie für ihre Schützlinge gespielt von der jungen Lena Klöber. Heike Schmidt rauscht als Reinigungskraft Becker im Arbeits-Overall mit robusten Stiefeln und Staubsauger durch die Zimmer, rückt den Herrschaften gern in jeder Hinsicht herzhaft die Möbel zurecht und kann notfalls sogar Shakespeare zitieren.
Stefan Krause hat die 1985 uraufgeführte Erfolgskomödie Schon wieder Sonntag des Briten Bob Larbey (1934 – 2014) mit viel leisem Humor neu inszeniert. Das mehrfach ausgezeichnete Stück ist bei allem Witz kein einfaches Lustspiel, sondern ein fein beobachtetes Drama über die Alterseinsamkeit. Krause, der auch die schlicht möblierte Bühne mit imaginärem Fenster nach draußen gestaltet hat, löst die Handlung geschickt in kurze Szenen auf. Im Vordergrund steht ein großes Schachspiel, auf dem alle Akteure regelmäßig die Figuren neu positionieren. Training fürs Gehirn und gleichzeitig eine schöne Metapher für das Spielen als Selbstvergewisserung.
Und wer war noch mal der elfte Mann beim Fußballwunder von Bern 1954? Eigentlich egal, wenn es viele Jahrzehnte später schon ein persönlicher Triumph ist, gerade noch rechtzeitig die Toilette aufzusuchen. Mit seinem Freund Arthur hat Conrad sogar ein „Fluchtkomitee“ gegründet, das die beiden gern mit ein paar Gläsern Whisky hochleben lassen. Erwin Geisler (82), dem Bonner Publikum von etlichen Rollen im Kleinen Theater bestens bekannt, verkörpert ungemein anrührend den eleganten Senior, der mit kindlichem Vergnügen die elektrische Bedienung von Conrads Pflegebett ausprobiert und dann plötzlich seine Fliege nicht mehr am Kragen, sondern irgendwo am Hemd trägt. Und verzweifelt versucht, sich an das zu erinnern, was er kurz zuvor vergessen hat.
Zu den eher unbeliebten Routinen in Conrads Heimalltag gehören die regelmäßigen Besuche der Familie. An jedem ersten Sonntag im Monat reisen Tochter Julia (Signe Zurmühlen) und ihr tüchtiger Gatte Peter (Claus Thull-Emden) pflichtbewusst aus Aachen an. Der Enkel bleibt längst lieber daheim, und die Stippvisiten der erwachsenen Kinder werden wegen notorischer Autobahnstaus auch immer kürzer. Außerdem haben sie ihre eigenen Sorgen. Schon wieder Sonntag – Conrads Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen. Aber er gibt sich und seine Schachpartie gegen die Krankheit, deren Namen niemand nennen mag, bestimmt nicht auf. Völlig unsentimental wie die ganze Inszenierung, die trotz ihres hohen Unterhaltungswerts unter die Haut geht. Überzeugter, solidarischer Beifall bei der gut besuchten Premiere. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 Stunden inkl. Pause

Dienstag, 01.03.2022

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