November - Werkstatt - Kultur Nr.168 - Januar/Februar 2022

November
Foto: Thilo Beu
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Foto: Thilo Beu

Leben im Zwiespalt

Sascha Hawemann ist rund zwei Jahrzehnte jünger als Thomas Brasch, dessen Gedichte im Programmheft zu November mehrfach zitiert werden. In seinem deutlich von seiner eigenen Biografie geprägten ersten Theaterstück erzählt der erfahrene Regisseur, der bereits mehrfach im Bonner Schauspielhaus inszenierte, von drei Freunden, die in den 1980er Jahren in Ostberlin aufwuchsen. „Gott sei Dank gab es Punk“ resümiert einer diese Jugend unter der Diktatur des Proletariats. Punk steht für die Rebellion gegen das gesamte System. Kein heimlicher Widerstand, keine sinnlosen politischen Auseinandersetzungen mehr, man nahm sich einfach jede Freiheit, ignorierte bewusst alle Regeln und Verbote, die staatliche Zensur und den ganzen spießigen Muff des DDR-Regimes. Es ist viel die Rede von der Brutalität der Staatsmacht, die die jugendlichen Außenseiter mit Gewalt in ihre Ordnung zwingen wollte, und von der stolzen Verachtung, mit der diese darauf reagierten. Nun sind Phil, Micha und Fred, den sie Fotzo nannten, erwachsene Männer und gesellschaftlich etabliert in einem Land, in dem ihre vergangene Identität sich auflöste.
Spiegelnde Plexiglaswände (ein Relikt der Pandemiemaßnahmen?) trennen die Bühne von Wolf Gutjahr vom Zuschauerraum und sorgen für akustische und visuelle Irritationen. Ab und zu wird die transparente Abgrenzung kurz geöffnet, aber insgesamt setzt Hawemanns Inszenierung auf eine distanzierte Besichtigung von Menschen wie in einem imaginären Schaufenster. Ständig tragen sie Neonröhren auf Stativen herum und bauen sie um einzelne Personen wie Scheinwerfer bei einem Verhör. Sie schreiben Wörter vorne auf die Glaswand, kritzeln Jahreszahlen und kaum entzifferbare Zeichen auf die Bühnenrückwand und beobachten immer wieder stumm die Aktionen der anderen.
Leicht verstört im bunt gestreiften Pulli (Kostüme: Ines Burisch) erscheint Holger Krafts Fotzo, der als Doppelgänger eine kleine Marionette mit sich führt. Ein Puppenspieler im Dauerkonflikt zwischen Subjekt und Objekt des Schicksals. Christoph Gummert als Micha ist der unermüdliche Forscher, der am Fotokopierer Spuren und Dokumente sichert und sich selbst im Licht des technischen Vervielfältigungsapparats spiegelt. Sören Wunderlich spielt den kreativen Phil, der auf der Schreibmaschine seine Gedanken und Träume festhält. Phil ist die Figur, der Hawemann viel aus seinem eigenen Leben zugeschrieben hat. Da ist die vereinsamte, leicht demente Mutter, anrührend mit rotblonder Mähne verkörpert von Ursula Grossenbacher. In der DDR wurde sie wegen ihrer Herkunft aus Jugoslawien diskriminiert und dann in ihrer einstigen Heimat vom Krieg eingeholt.
Sascha Hawemann begann nach der Flucht aus der DDR 1986 sein Regiestudium in Belgrad, bevor er 1991 vor dem Waffendienst im Balkankrieg erneut flüchtete und in ein anderes Deutschland zurückkehrte. Jugoslawien, Sehnsuchtsland einer Jugend und Ort einer jährlich erneuerten Sommerliebe, die im Bürgerkrieg verlorenging – da flimmern Videos vom unbeschwerten Glück am Meer im Hintergrund, während im Vordergrund Hass und Gewalt sich ausbreiten. Mit schwarzer Kurzhaarperücke spielt Grossenbacher auch die eigenwillige, alterslose Ewigschöne, Projektionsfigur für unterschiedliche Männerfantasien. Trotz der sehr guten Schauspieler stellen sich in Hawemanns langatmig zwischen Traum und Trauma in sich selbst kreisenden Inszenierung kaum Momente der emotionalen Anteilnahme ein. Das Zeitbild von Aufbruch, Stillstand und Anpassung bleibt merkwürdig verschwommen. Respektvoller Premierenbeifall. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 Stunden, keine Pause
Die nächsten Termine: 22.12. // 30.12.2021 // 8.01. // 15.01. // 12.02.2022

Samstag, 01.01.2022

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Letzte Aktualisierung: 29.11.2022 15:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn