Der zerbrochne Krug - Schauspielhaus - Kultur Nr.168 - Januar/Februar 2022

Der zerbrochne Krug
Foto: Thilo Beu
Der zerbrochne Krug
Foto: Thilo Beu

Der Richter als Täter

Die gediegene Holzvertäfelung gehört zu Gerichtssälen wie die schwarze Amtsrobe der Rechtssprecher. Dass Dorfrichter Adam sogar im hohen Gericht zu Huisum wohnt, ist dagegen eher ungewöhnlich. Reichlich lädiert entsteigt er in Unterwäsche seinem aus der hölzernen Wand geklappten Bett, während der Amtsschreiber Licht im korrekten dunklen Anzug mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen („Die Karawane zieht weiter“) den Schauplatz betritt. Und gleich Gerichtsrätin Walter ankündigt, die heute bei den Verhandlungen im Auftrag der höheren Behörde nach dem Rechten schauen will. Schauspieldirektor Jens Groß hat diese Rolle – politisch korrekt – weiblich besetzt. Ansonsten folgt seine kurzweilige Inszenierung von Kleists einaktigem Lustspiel Der ­zerbrochne Krug sehr genau der Vorlage. Die Blankverse des 1808 in Weimar in der Regie des Dichterfürsten Goethe persönlich mit eklatantem Misserfolg uraufgeführten Klassikers klingen hier so gegenwärtig, dass die historische Verortung des Originals im späten 17. Jahrhundert völlig gleichgültig erscheint. Kleists Tragikomödie über den alten Adam, der über sich selbst richten muss und sich dabei in immer absurdere Widersprüche verstrickt, ist im Zeitalter von „me too“ angekommen.
Es ist eine geschlossene Welt, die Tom Musch (Bühne und Kostüme) im Schauspielhaus aufgebaut hat. Klar getrennt sind die erhöhte, respektheischende Richterbank und der Bereich der klagenden kleinen Leute. Ein Wappen hoch oben an der Wand mit einem kopflosen Löwen ­weckt Assoziationen an die einstige Bonner Republik. Auch ein Kreuz darf nicht fehlen, wenn im Namen des Allerhöchsten Recht gesprochen wird. In den Aktenschränken lagern indes mehr Weinflaschen als Gerichtspapiere. Ensemblemitglied Klaus Zmorek spielt mit Glatze und Bocksfuß den mächtigen Lügner, eine der begehrtesten Charakterrollen der deutschen Dramatik, weniger als schmierigen Lüstling denn als würdelosen Amtsinhaber, der mit allen Mitteln die Wahrheitsfindung verhindern will. Bisweilen haut er mit dem Hammer aufs Richterpult, um das Volk zur Ordnung zu rufen.
Als selbstbewusste Gerichtsrätin Walter im eleganten Hosenanzug und High Heels gastiert Merle Wasmuth. Das unbeholfene Macho-Gehabe des Richters wehrt sie kühl ab, stellt ihren Stuhl deutlich auf eine Ebene mit dem von ihr zu beurteilenden Justizvollstrecker und haut selbst mal auf den Tisch. Dennoch lässt sie sich in der Verhandlungspause vom Richter gern standesgemäß zu einigen Gläsern Wein und einer guten Stärkung einladen. Sie ist die Vertreterin einer aufgeklärten Obrigkeit, die notfalls auch das aus dem Ruder laufende Rechtssystem zu schützen hat. Wolfgang Rüter glänzt als gewitzter Schreiber Licht, der zwischen Unterwürfigkeit und Wissen um die Schuld seines Vorgesetzten pendelt und dabei schon auf dessen lukrativen Posten spekuliert.
Ursula Grossenbacher als Marthe Rull zelebriert fabelhaft die große Klage um ihren in der Nacht zerbrochenen historischen Krug. Den jungen Ruprecht beschuldigt sie, das kostbare Gefäß bei der Flucht aus der Kammer ihrer Tochter Eve umgestoßen zu haben. Deren Ehre und gefährdete Zukunft scheint sie zunächst weniger zu bekümmern. Lena Geyer verkörpert in Jeans und schwarzbuntem Pulli das verzweifelte Mädchen, das anfangs kaum etwas zu sagen wagt. Erst am Schluss wird Eve, als ob sie endlich ihre Scham überwunden hätte, fast tonlos im Halbdunkel erklären, wie der Richter sie unter erpresserischer Ausnutzung seiner Position zu seiner Bettgenossin machen wollte. Wieso das hübsche, aufgeweckte Mädchen sich ausgerechnet in den tölpelhaften Ruprecht Tümpel verliebt hat, bleibt freilich ein Rätsel. Der beschimpft Eve nicht nur eifersüchtig als liederliche „Metze“, sondern kriegt als notorisches Vatersöhnchen mit ständig nervös zitternder Unterlippe ohne Papa Veits Hilfe kaum einen vollständigen Satz heraus. Markus J. Bachmann (Ruprecht) und Wilhelm Eilers (Veit) tragen als Possen-Duo unter ihren Mützen wenig Verstand zur Schau. Wie einen Versöhnungsversuch schiebt Eve ihrem aufgebrachten Bräutigam die von der Mutter mitgebrachte Brotdose zu.
Die Figur der abergläubischen Hauptzeugin Brigitte wird nur herbeizitiert, was aber vollkommen reicht, um den verteufelten Wahrheitsverdreher Adam hinter einem kurz zur Amtsstuben-Lüftung geöffneten Fenster irgendwo im Kunstschnee verschwinden zu lassen. Der Hochzeit von Eve und ihrem Ruprecht steht nichts mehr im Weg. Aber die ernüchterte junge Frau wird damit noch ein wenig warten und erst mal der Einladung der Gerichtsrätin, ihres neuen Vorbilds, folgen und sie auf ihrer Reise durch die Provinz begleiten. Frau Marthe wird bei einer höheren Instanz tapfer um Schadensersatz für ihren Krug kämpfen.
Freundlicher Premierenbeifall für die werktreue Vorstellung, die sich auch bestens für Schulklassen und Deutschkurse eignet. E.E.-K.

Spieldauer ca. 90 Minuten, keine Pause
Die nächsten Termine: 7.01. // 30.01. // 5.02. // 23.02. // 3.03.22

Samstag, 01.01.2022

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Letzte Aktualisierung: 04.10.2022 21:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn