Anna Karenina - Schauspielhaus - Kultur Nr.167 - Dezember 2021

Anna Karenina
Foto: Thilo Beu
Anna Karenina
Foto: Thilo Beu

Sinnsuche als Live-Kino

Auf drei raumfüllenden mobilen Stellwänden erscheinen meistens die Gesichter der Bühnenakteure. Diese wirken sehr klein gegenüber den riesigen Close-Up-Aufnahmen, tragen ständig auf Stative montierte Scheinwerfer, Kameras und Mikrofone durch die Szenerie und kämpfen mit tückisch sich schlängelnden Kabeln. Der überdimensionale Paravent aus flexiblen Fäden ermöglicht immerhin überraschende Auftritte quasi von hinten durch die Wand, dient aber zumeist als Projektionsfläche für die unmittelbar live gefilmte Mimik. Manchmal wird sie kurz eingefroren, aus verschiedenen Perspektiven verdoppelt oder variiert. Dazwischen gibt es innere Monologe aus dem Off, Videos von sanft hügeligen Landschaften, wogenden Kornfeldern und immer wieder mehr oder minder klare Bäche und Seen, in denen die Figuren sich tummeln. Zur aufdringlichen Wassersymbolik kommen selbstverständlich noch die leitmotivischen Eisenbahngeleise. Auf dem Moskauer Bahnhof begegnete Anna Karenina erstmals dem attraktiven Oberst Wronski, am Ende wird sie sich selbst verzweifelt vor einen Zug werfen.
Tolstois Anna Karenina ist vermutlich der am häufigsten verfilmte Roman der Weltliteratur. Wenn Joe Knight in seiner eigenwilligen Kinoversion 2012 den Stoff in eine fantastische Theaterwelt verlegte, macht die multimediale Inszenierung von Luise Voigt im Schauspielhaus nun die 1878 erstmals als Buch veröffentlichte große Erzählung zum theatralen Live-Kino. Es geht um Liebe, Ehe, Eifersucht, Moral, sozialen Status und verunglücktes Leben in verschiedenen Ausprägungen. „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“, lautet das vielzitierte Motto des Romans. Die Bühne von Maria Strauch, die auch die eleganten Kostüme entworfen hat, ist ein hermetisch abgeschlossener Raum. Nur bei der Flucht des Paars Anna-Wronski nach Italien öffnet er sich kurz. Doch auch dort kommt die frische Luft aus der Windmaschine.
Annas Bruder Stiwa hat sie angestellt. Bernd Braun spielt den Fürsten Oblonski nicht als verlotterten Ehebrecher und Verschwender, sondern als empathischen Menschenversteher. Am Anfang hat Anna klug und verständnisvoll seine Ehe mit der verzweifelten Dolly gerettet. Lena ­Geyer verkörpert eindrucksvoll die resignierte Gattin, die ihre Lebensaufgabe in der Sorge um die Kinder und das Vermögen findet. Linda ­Belinda Podzsus spielt emotional bewegend ihre jüngere Schwester Kitty, die im schwanenweißen Federkleid vergeblich auf einen Heiratsantrag des notorischen Junggesellen Wronski wartet und schließlich doch den anfangs vehement abgelehnten Gutsbesitzer Lewin heiratet. Alois Reinhardt gibt diesen Grübler, in dem sich viel von Tolstois eigenen Anschauungen spiegelt, als ernsthaft liebenden, naturverbundenen Querkopf.
Daniel Stock ist der einflussreiche Staatsbeamte Alexej Karenin, der seine Gefühle scheinbar fest im Griff hat, auch wenn er oft enervierend seine Gelenke knacken und knirschen lässt. Ein Gefangener der gesellschaftlichen Konventionen. Treu und schicksalsergeben, bis er einmal die Selbstbeherrschung verliert und wütend mit den Zähnen ein goldfarbenes Kleid seiner Frau in Stücke reißt. Christian Czeremnych ist der stürmische Verführer Wronski, der plötzlich der Frau seines Lebens verfällt und sich nicht mehr befreien kann aus dem Käfig von destruktivem Begehren, männlicher Ehre und langsam erkaltender Liebe.
Im Zentrum dieses Strudels der Gefühle steht die großartige Annika Schilling als Anna Karenina. Wie sie von der souveränen Eheberaterin zur liebeshungrigen Ehebrecherin mutiert und schließlich an Wahnvorstellungen zerbricht, ist ein schauspielerisch atemberaubendes Kunststück. Sie hat die tragische Fallhöhe, die diese Romanfigur zum dramatischen Ereignis macht. Es ist die Geschichte eines Persönlichkeitszerfalls, schlaglichtartig ausgeleuchtet von Sirko Lamprecht und musikalisch kommentiert von Frederik Werth, der anfangs Passagen aus Mussorgskys Bilder einer Ausstellung zitiert, bis auch die Tonspur in schrille Klangfragmente zerbricht.
In den Videoprojektionen (Stefan Bischoff) mit ihrer Mischung aus überwältigender Nähe und künstlicher Distanz, Seelenlandschaften, strahlend blauen Augen und porentiefen Blicken in verstörte Gesichter (inkl. der unvermeidlichen Mikroports) hängt das Ganze dennoch mühsam in der Luft. Psychische Verwirrung, Angst und Sehnsucht in erschlagender visueller Dominanz – leider geht die überzeugende Präsenz der Darsteller in diesem medialen Overkill beinahe unter. Erschöpfter Beifall bei der besichtigten zweiten Vorstellung. E.E.-K.
Spieldauer ca. 2 Stunden, keine Pause
Nächste Vorstellungen: 24.11. // 26.11.21 //
9.01. // 22.01. // 3.02.22

Mittwoch, 01.12.2021

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Letzte Aktualisierung: 29.11.2022 16:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn