Liebe et cetera - Werkstatt - Kultur Nr.166 - Oktober 2021

Liebe et cetera
Foto: Thilo Beu
Liebe et cetera
Foto: Thilo Beu

Dramatischer Versuch über ein Gefühl

„Liebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Orientierung des Charakters, welche die Beziehung eines Menschen zur Welt als Ganzes und nicht nur zum Objekt der Liebe bestimmt.“ Emmanuel Tandler, seit 2017 Regieassistent am Schauspiel Bonn und inzwischen auch als Autor und Regisseur hervorgetreten (2019 feierte seine erfolgreiche Inszenierung von „In and Out Hannah Arendt“ in der Werkstatt ihre Premiere), hat selbstverständlich Erich Fromms Klassiker „Die Kunst des Liebens“ studiert und auch sonst viel geforscht über das, was vielleicht nicht erklärbar ist, aber in fast jedem Menschenleben eine große Rolle spielt. Erich Kästners „Sachliche Romanze“, romantische Liebesträume, „La petite mort“ beim Orgasmus, der ewige Kreislauf vom Begehren zur Enttäuschung und weiter zu neuen Versuchen – es ist ein Spiel ohne klare Regeln, ohne sichere Sieger oder Verlierer.
Tandler schickt in seinem Stück Liebe et cetera ein vierköpfiges Ensemble in gelben Overalls auf Liebesspurensuche in ein Forschungszentrum mit Regalen voller weißer Akten und geheimnisvollen Sammlungsstücken. Man untersucht mit stummer Sorgfalt das Archivmaterial, schnuppert vorsichtig an Wattebäuschen, begutachtet Szenen aus alten Stummfilmen und ist emsig am Werk, um das sich ständig der Analyse entziehende Phänomen der Liebe in den Griff zu bekommen. Die Bühne von Lara Hohmann (auch für die Kostüme zuständig) ist eine Mischung aus naturwissenschaftlichem Labor und Museumsdepot mit wunderbar fragilen Konstruktionen aus Stühlen, Spiegeln, das Gleichgewicht herausfordernden großen Halbkugeln und merkwürdigen Relikten heißer Nächte und kühler Abschiede. Das dominierende visuelle Element ist der Kreis, für den sogar ein überdimensionaler Zirkel zum Einsatz kommt.
Ursula Grossenbacher (Solveig) und Wilhelm Eilers (Falk) repräsentieren die ältere Generation, Markus J. Bachmann (Castor) und Sandrine Zenner (Cixous) die jüngere. Wer bei den Figurennamen hellhörig wird, liegt völlig richtig. Alle haben ganz eigene Geschichten. Möglicherweise hierzulande nicht ganz so einfach zu identifizieren ist die französische Schriftstellerin Hélène Cixous, viele Jahre lang Hausautorin an Ariane Mnouchkines „Théâtre du Soleil“. Einen kleinen Videoauftritt hat zudem der britische Kinostar Kate Winslet.
Im zweiten Teil erscheinen die Akteure in Alltagskleidung als heutige Normalos. Nette Anbandelungsstrategien („Möchtest du meine Telefonnummer?“ und ähnliches), Datingportale, queere Philosophie und Auflösung von konventionellen Geschlechtsrollen – alles ist möglich im scheinbar grenzenlosen Reich der Liebe. Die wird hier glücklicherweise weder auf Sexualität reduziert noch sentimental verharmlost. Eros, Amor, Agape, Selbst- und Nächstenliebe, Make Love not War – die individuellen und gesellschaftlichen Spielarten sind unendlich. Trotz aller klugen Erklärungsmodelle werden wir nie erfahren, was Liebe ist. Das macht aber nichts, wenn ein solch spielerisch bewegliches Darstellerquartett leichtfüßig intelligent über alle dramatischen Klippen springt. Das Ganze ist kein konventionelles Bühnenstück, sondern ein geistreich eleganter Theater-Essay, der zum Weiterdenken animiert. Zumindest wissen wir, dass wir selbst vom Wetter noch mehr verstehen als von der Liebe. Entsprechend motivierter Premierenbeifall. E.E.-K

Spieldauer ca. 80 Minuten, keine Pause
Die nächsten Termine: 12.10. // 14.10. // 15.10. // 20.10. //
21.10. // 26.10. // 28.10. // 29.10.21

Freitag, 01.10.2021

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Letzte Aktualisierung: 29.11.2022 16:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn