Hendrik Vestmann - kultur 113 - Februar 2015

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Hendrik Vestmann
,
Chefdirigent an der Bonner Oper

Mit drei Jahren stand er zum ersten Mal auf der Bühne: als kleiner Sohn der Cio-Cio-San in Madama Butterfly. Hendrik Vestmann, geboren 1974 und aufgewachsen in der estnischen Stadt Tartu, ist ein Theatersprössling. Seine Mutter war Opernsängerin, sein Vater arbeitete als Klarinettist im Orchester und trat auch als Popsänger auf. „Ich interessiere mich für alle Musikstile und finde es fantas­tisch, immer wieder neue Klänge auszuprobieren. Dirigent war von Anfang an mein Wunschberuf. Schon als Kind habe ich in der Garderobe mit einem Strohhalm dirigiert“, erzählt er.
Seit der Spielzeit 2013/14 ist Hendrik Vestmann Chefdirigent der Oper Bonn und gab hier seinen Einstand mit der musikalischen Leitung der ersten Neuproduktion zu Beginn der Intendanz von Bernhard Helmich: Written on Skin von George Benjamin. Kurz danach folgte Tosca. Gerade kommt Vestmann von einer Probe zu Salome. Das Inszenierungs-Team kennt er bereits von Written on Skin. Premiere ist am 1. Februar unter der Leitung von Generalmusikdirektor Stefan Blunier. Vestmann wird einige spätere Aufführungen dirigieren, versucht aber immer, bei möglichst vielen szenischen Proben dabei zu sein. „Das ist wichtig, um sich mit dem Konzept vertraut zu machen, das genaue Timing zu kennen und an der Kommunikation mit den Sängern auf der Bühne und mit dem Orchester zu feilen. Natürlich setzt man auch bei der Leitung einer Repertoire-Vorstellung eigene musikalische Akzente.“
Gastiert hatte er in Bonn schon in der Spielzeit 2011/12 als musikalischer Leiter von Mozarts früher Oper La Finta Giardiniera sowie in der Saison 2012/13 bei der Wiederaufnahme von La Traviata. Das Haus, etliche Sänger und Musiker kannte er also schon, als er sich für den Posten in Bonn entschied. Von 2006 bis 2013 war er Erster Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor an den städtischen Bühnen Münster, wo er zahlreiche Opern dirigierte und beim Publikum sehr beliebt war. „Nach sieben Jahren an einem Ort wollte ich aber gern an einem größeren Haus etwas Neues beginnen und künstlerisch gestalten. Außerdem haben wir hier ein tolles Orchester und ein wunderbares Ensemble. Die Zusammenarbeit mit allen macht riesigen Spaß. “
Seit einem Jahr ist Vestmann auch häufig in Berlin. An der Komischen Oper leitete er 2014 die Wiederaufnahmen von Die Hochzeit des Figaro und der Zauberflöte (beides höchst erfolgreiche Inszenierungen des dortigen Intendanten Barrie Kosky).
Unmittelbar nach der Premiere von Salome beginnen die Proben für Hoffmanns Erzählungen (Premiere ist am 15. März) unter seiner musikalischen Leitung. Besonders freut er sich außerdem schon auf die Wiederaufnahme von Turandot im kommenden Mai und auf die Fidelio-Gala am 5. Mai zum 50-jährigen Jubiläum des Bonner Opernhauses.
Mit Beethovens einziger Oper unter seiner Leitung wurde die laufende Spielzeit eröffnet. „Ich habe mich sehr gefreut, jetzt schon zum zweiten Mal im Rahmen des Beethovenfestes eine Musiktheater-Produktion zu erarbeiten. Mit der Konzeption von Fidelio haben wir fast ein Jahr vor der Premiere intensiv begonnen. Ich mag die Zusammenarbeit mit der Regie und die Spannung zwischen Bühnenfantasie und Klang-Ideen. Da fließen viele Synergien, bevor alles genau gecheckt ist und jeder Moment den gewünschten Ton hat.“
Vom hervorragenden Musikunterricht in Estland schwärmt er geradezu. „An der Grundschule in Tartu und am Musikgymnasium in Tallinn, einer Internatsschule, hatten wir tolle, akademisch ausgebildete Lehrer. Ich wuchs auf mit der estnischen Chortradition. Bei einem der großen Liederfeste, die inzwischen zum immateriellen Weltkulturerbe gehören, habe ich selbst dirigiert.“
Von 1992 bis 1996 studierte er an der Estnischen Musikakademie in Tallinn im Hauptfach Chorleitung und wirkte nach dem Examen als Dirigent an der Oper seiner Heimatstadt Tartu. Um die Jahrtausendwende zog er nach Deutschland, studierte von 2000 bis 2002 Orchesterdirigieren an der staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe bei Wolf-Dieter Hauschild und absolvierte sein Diplom mit Auszeichnung. Er besuchte diverse Meis­terkurse, wurde 2002 ins Dirigentenforum des Deutschen Musikrats aufgenommen, erhielt ein Stipendium für die Bayreuther Festspiele und arbeitete als Assistent des berühmten Dirigenten Gerd Albrecht, der sich besonders für zeitgenössische Musik einsetzte. 2006 gewann er in Weimar den Hermann Abendroth-Preis für junge Dirigenten und wurde im selben Jahr Sonderpreisträger des Deutschen Dirigentenpreises in der Berliner Philharmonie, einem der angesehensten internationalen Wettbewerbe für den Dirigiernachwuchs. Dass von den drei Finalisten gleich zwei aus Estland stammten, fand Vestmann bezeichnend: „Unser kleines Land bezieht sein Selbstbewusstsein nicht zuletzt aus der Pflege der Musik. Die Familie Järvi hat hier ihre Wurzeln, und mit dem Bass Priit Volmer ist ein Landsmann von mir im Bonner Ensemble.“
Seit 2001 dirigierte Vestmann Konzerte mit zahlreichen renommierten Orchestern in ganz Deutschland. 2007 gab er sein Debüt in der Tonhalle Zürich am Pult der Nordwestdeutschen Philharmonie. In der Hamburger Laeiszhalle dirigierte er 2010 mit großem Erfolg Beethovens Neunte beim Neujahrskonzert der Hamburger Symphoniker und leitete 2012 die Konzerttournee der Duisburger Philharmoniker nach Istanbul.
Nachdem er in Estland und Finnland schon mehrere Opernproduktionen geleitet hatte, war er von 2002 bis 2004 als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung fest am Theater Heidelberg engagiert und debütierte hier mit Rossinis Cene­rentola. Danach war er zwei Jahre lang Generalmusikdirektor in seiner Heimatstadt Tartu. „Ich finde diese gerade in Deutschland verbreitete Laufbahn sehr nützlich. Als Repetitor lernt man die Arbeit mit Sängern gründlich, kann als Dirigent viel besser auf sie eingehen und kennt dann als Chef die ganzen komplexen Vorgänge, zu denen neben der künstlerischen Seite ja auch viel Organisatorisches gehört.“
Als Operndirigent gastiert hat er in den letzten Jahren u.a. am Nationaltheater Mannheim und an der Oper Graz. Bereits 2007 leitete er am Grand Theâtre Luxembourg die Uraufführung der Oper Fintenzauber, ein Auftragswerk des luxemburgischen Komponisten Camille Kerger zum dortigen Kulturhauptstadtjahr.
Ein besonderes Faible hat Vestmann für Operetten und auch für Filmmusik. „In Münster haben wir mal mit großem Vergnügen live eine Aufführung von Chaplins City Lights begleitet.“ Am 2. Juli wird er das beliebte Pick­nick-Konzert des Beethoven Orchesters auf der Kunst!Rasen-Bühne leiten. „From Broadway to Hollywood“ lautet das Motto.
Dass ihm Konzerte für Kinder und die Förderung des Nachwuchses viel bedeuten, ist angesichts seiner Karriere kein Wunder. Deshalb freut er sich auch besonders darauf, im Herbst in Hannover die Finalrunde beim internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb zu dirigieren. Bisher noch ein eigener Jugendtraum ist irgendwann mal Wagners „Ring“. Seine bisherigen Lieblingsopern sind Mozarts Don Giovanni, den er schon in Graz, Karlsruhe und Münster geleitet hat, und natürlich Puccinis Butterfly, mit der seine Begeis­terung fürs Musiktheater anfing.

Donnerstag, 13.08.2015

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