Nikola Hillebrand - kultur 112 - Januar 2015

Marzelline und Papagena

Als 21-jährige Studentin schon große Rollen an einem renommierten Opernhaus zu singen, findet die junge Sopranistin geradezu überwältigend. Knapp zwei Stunden vor unserem Gespräch ist Nikola Hillebrand aus München nach Bonn geflogen und gönnt sich eine Pasta in einem italienischen Restaurant am Münsterplatz, bevor sie um 17.00 Uhr in der Maske sein muss für die abendliche Vorstellung von Fidelio und am folgenden Morgen um 6.00 Uhr schon wieder zurückfliegt, um den Unterricht an ihrer Hochschule nicht zu verpassen. „Mit dem vielbeschworenen teuren Opern-Jetset hat das gar nichts zu tun“, erklärt die bildschöne Blondine fröhlich. „Aber es ist toll, wie herzlich ich hier als Gast sofort vom Ensemble und vom Publikum aufgenommen wurde.“ Die Zeit zwischen dem Auftauchen in der Garderobe und dem Auftritt auf der Bühne – „Ich muss im Fidelio ja als erste raus“ – empfindet sie als sehr entspannend: „Da herrscht eine angenehm unaufgeregte Konzentration, bei der ich den ganzen Alltag einfach vergesse und nur noch ans Spielen und Singen denke.“
Geboren wurde Nikola Hillebrand 1993 in Recklinghausen und wuchs in der Gemeinde Berg am Starnberger See auf. Mit fünf Jahren begann sie mit dem Ballettunterricht. „Ich bin meinen Eltern total dankbar, dass sie mir so viel musische Bildung ermöglichten. Mein Vater fuhr mich jahrelang jede Woche zum Tanztraining nach München. Meine Mutter sang sehr gern, und ich hatte einfach Spaß am Spiel mit den Möglichkeiten der Stimme.“ Nikola spielte Querflöte im Schulorchester, sang im Chor und wirkte bei Schulkonzerten auch als Gesangssolistin mit. „Wir sangen eher populäre Sachen, Musicalsongs und Soul.“ Sie bekam dann Solounterricht; ihre Gesangslehrerin machte sie darauf aufmerksam, dass sie eine Opernstimme habe.
Bereits mit 17 Jahren wurde Nikola Jungstudentin an der Münchner Hochschule für Musik und Theater, wo sie nach dem Abitur ihre Ausbildung fortsetzte. Ihre Gesangslehrerin war von Anfang an die Professorin Fenna Kügel-Seifried, bei der u.a. auch das ehemalige Bonner Ensemble-Mitglied Miriam Clark studierte. 2011 belegte Nikola den Ersten Platz beim bundesweiten Wettbewerb „Jugend musiziert“ und wurde Förderpreisträgerin des „Award 2012“, den der Soroptimist International Club Fünfseeland alle zwei Jahre für besondere Leistungen im künstlerischen und sozialen Bereich vergibt. Im November 2011 sang sie bei der Trauerfeier für den Opernliebhaber Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, der viele Jahre in der Nachbargemeinde Münsing im Ammerland lebte. „Es waren überwiegend fröhliche Stücke, wie er sie mochte.“
2012 sang sie dann im Münchner Cuvilliés-Theater die Barbarina in Mozarts Le nozze di Figaro. Im Februar 2013 übernahm sie die Rolle des Kammermädchens Hannchen in einer halbszenischen Hochschul-Aufführung von Lortzings Spieloper Die Opernprobe. Im selben Jahr debütierte sie bei den Salzburger Festspielen. Sie war eine der Elfen in ­Shakespeares Sommer­nachts­­traum mit Mendelssohns Schauspielmusik, im Residenzhof inszeniert von Henry Mason und dirigiert von Ivor Bolton. „Es war eine fantastische Erfahrung, mehrere Wochen in Salzburg zu sein, ständig prominenten Kollegen zu begegnen und als offizielle Teilnehmerin kos­tenlos viele Generalproben besuchen zu können.“ In München, wo sie 2016 ihren Studienabschluss plant, schaut sie sich auch gern viele Opernaufführungen an. „Man lernt immer etwas dazu. Natürlich haben wir auch an der Hochschule Schauspielunterricht, aber wirklich Sicherheit gewinnt man nur durch die Bühnenpraxis.“
Dass sie in Bonn nun im Rahmen des Beethovenfestes auftreten durfte, sieht sie als großes Glück. „Ein Festival ist immer etwas Besonderes. Aber in Beethovens Geburtsstadt in seiner einzigen Oper aufzutreten, ist einfach wunderbar. Der Regisseur Peters-Messer hatte ein ganz klares Konzept, was mir sehr gefällt. Klar hatte ich anfangs etwas Hemmungen, auf dem schmalen Steg vor dem Orchestergraben zu balancieren. Das Wichtigste beim Kostüm sind für einen Sänger immer die Schuhe. Wenn die richtig sitzen, klappt das auch mit der Stimme. Inzwischen komme ich völlig angstfrei auf die Bühne und freue mich auf das Singen. Es wäre ja auch ziemlich unvernünftig, so viel Zeit und Energie zu investieren und sich dann bei der Arbeit nicht wohlzufühlen“, sagt sie und lacht.
In Bonn fühlt sie sich sehr wohl, seit sie hier im Herbst 2013 zum ersten Mal gastierte. Sie sang die Belinda in Purcells Oper Dido und Aeneas, einer hochprofessionellen Produktion mit erfahrenen und jungen Musikern im Alten Malersaal. „Ich wurde einfach auf Empfehlung meines Agenten engagiert. Barock­oper hatte ich noch nie gemacht und auf Englisch gesungen auch nicht.“ Mit Literatur und Sprachen beschäftigt sie sich gern. „In der Premierenbesetzung von Fidelio war ich die einzige deutsche Muttersprachlerin. Die Kollegen hatten überhaupt kein Problem damit, mich manchmal nach der korrekten Aussprache eines Wortes zu fragen. Überhaupt ist es sehr schön, wie ich hier als Anfängerin vom ganzen Ensemble sofort ernst genommen wurde. Großartig sind aber auch die vielen Menschen hinter der Bühne. Hier herrscht eine supergute, herzliche Arbeitsatmosphäre.“
Es lief dann sehr geradlinig. Nikola glänzte beim Neujahrskonzert im großen Haus und übernahm dort bei der Wiederaufnahme im letzten April die Papagena in Mozarts Zauberflöte. In dieser Rolle ist sie ab Mitte Dezember hier wieder zu erleben. Natürlich auch noch mehrfach als von der Kritik einhellig sehr gelobte Marzelline im Fidelio, am 5. Mai 2015 sogar in der Gala-Vorstellung mit Matti Salminen als Rocco und Peter Seiffert als Florestan.
Im Februar steht noch die Anna in einer Münchner Hochschulproduktion von Die lus­tigen Weiber von Windsor auf ihrem Programm. Neben der Oper liebt Nikola den Liedgesang und hat sich ein beachtliches Repertoire erarbeitet. „Mein Focus liegt derzeit bei Schubert und Strauss. An zeitgenössische Musik traue ich mich noch nicht ran. Außerdem passen meine Professorin und mein Agent sehr gut darauf auf, dass ich meine Stimme nicht zu sehr strapaziere.“ Auf ihren schönen lyrischen Sopran ist mittlerweile auch Heri­bert Beissel aufmerksam geworden und hat sie als Solis­tin engagiert für Händels Messias am 1. Adventssonntag in der Stiftskirche mit seiner Klassischen Philharmonie Bonn.
Nikola freut sich sehr auf das Konzert und vor allem auf weitere Herausforderungen in der Oper. Pamina in der Zauberflöte wäre eine zukünftige Traumrolle. „Aber eigentlich alles von Mozart“, sagt sie spontan. Vorläufig pendelt sie noch zwischen ihrem Studienort München und ihren Auftritten in Bonn.

Donnerstag, 05.02.2015

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