Sinfonische Dichtung

kultur Nr. 22 - Dezember 2005

Mit diesem Begriff wird ein längeres Musikstück für Orchester bezeichnet, das einen außermusikalischen Inhalt - beispielsweise eine Geschichte oder eine Landschaft - mit musikalischen Mitteln darstellt. Da in der Entstehungszeit oftmals eine Dichtung als Grundlage oder Ideengeber für die Musik diente, entstand der Name sinfonische Dichtung. Beispiele sind Werke wie ”Hamlet” (Liszt), ”Don Juan” (Strauss) oder ”Finlandia” (Sibelius). Durch die Wahl eines literarischen Themas in einer sinfonischen Dichtung soll an die Erfahrung des Publikums angeknüpft werden. Dies ist natürlich nur gewährleistet, wenn der Hörer die literarische Vorlage auch kennt.
Entstanden ist dieses Genre aus der Überzeugung, dass die in der Wiener Klassik entstandene und durch Beethoven zu ihrem Höhepunkt gebrachte Gattung der Sinfonie keiner weiteren Entwicklung fähig sei. Nach dem Vorbild Berlioz', der seiner ”Symphonie phantastique” eine ausführliche Beschreibung der musikalischen Abläufe zur Seite stellte, strebte Franz Liszt eine "Erneuerung der Musik durch ihre innige Verbindung mit der Dichtkunst" an. Liszt löste sich von der viersätzigen Form der Sinfonie und komponierte einsätzige Werke mit einem dem Zuhörer vorliegenden Programm (daher auch der Ausdruck "Programmmusik").
Eine Erklärung der Musik durch ein solches "Programm" wurde nicht von allen Komponisten dieses Genres befürwortet. Richard Strauss nannte seine Werke "Tondichtungen", die man als "Drama ohne Worte" bezeichnen könnte.
Ein besonderes Merkmal der sinfonischen Dichtung ist ihr äußerst kontrastreicher Verlauf - jeder Gedanke macht rasch einem anderen Platz. Hier kommt Strauss' Instrumentationskunst besonders zum Tragen. In seiner Komposition ”Till Eulenspiegels lustige Streiche” beispielsweise ist das Orchester (vierfache Holzbläser, vier Hörner und hohe Trompete zusätzlich) aller möglichen Nuancen fähig - vom zartesten Hauch bis zum gellenden Aufschrei. Es gibt zwei Themen, "die das Ganze in den verschiedensten Verkleidungen und Stimmungen wie Situationen durchziehen bis zur Katastrophe, wo Till aufgeknüpft wird, nachdem das Urteil über ihn gesprochen wurde." (R. Strauss)
Die Entstehung der sinfonischen Dichtung hat seinerzeit einen heftigen Streit unter den Komponisten, Musikern und Kritikern ausgelöst. Die einen befürworteten diesen Genre und sahen eine literarische Vorlage oder Idee als Bereicherung der Musik an, während die anderen auf dem absoluten Gehalt der sinfonischen Musik beharrten, die keiner Ergänzung bedürfe. E.H.

Dienstag, 25.02.2014

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