Verena Bukal - kultur Nr. 22 - Dezember 2005

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Verena Bukal - Schillers Luise und Koeppens Emilia

„Sie ist blass wie Luise Millerin, aber nicht fad wie deren Limonade.“ So begann fast schon prophetisch ein großer Artikel über Verena Bukal im Jahrbuch von "Theater Heute", das sie bereits 2002 als eines von zehn herausragenden Nachwuchs-Talenten auf deutschsprachigen Bühnen vorstellte. Mit dem Oberhausener Theaterpreis war die junge Österreicherin schon 2001 ausgezeichnet worden, kurz nachdem sie dort ihr erstes Engagement angetreten hatte.
Jetzt ist sie in den Kammerspielen die Luise Millerin in Schillers "Kabale und Liebe", sehr zart und mädchenhaft im schwarzen Kleidchen, aber keineswegs blass, sondern mit ungeheurer Kraft und Energie, leuchtend vor absoluter, unbeirrbarer Liebe und mit einem ihr ganzes Inneres zerreißenden Schmerz. „Ein Triumph“ hieß es in einer Kritik; aber alles Triumphale ist der grazilen, nachdenklichen Schauspielerin, die lieber Fragen stellt als fertige Antworten gibt, völlig fremd. Klar, dass sie sich gefreut hat über das viele Lob für ihre Darstellung der Luise und dass sie glücklich ist über den großen Publikumserfolg der fast immer ausverkauften Inszenierung. Mit dem jungen Regisseur Matthias Kaschig hat sie bereits in der vergangenen Saison beim "Streit" von Marivaux zusammengearbeitet. In dieser Werkstattproduktion war sie die kokette Adine - kindlich neugierig auf die eigene Weiblichkeit, rotzfrech, mit einem atemberaubenden Körpereinsatz. „Die Aufführung hat einfach großen Spaß gemacht.“ Interessanter findet sie jedoch den leicht morbiden Charme von Frauenfiguren wie der Emilia in Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras", die sie derzeit auf der Werkstattbühne verkörpert. „Ich kannte - ehrlich gesagt - den Roman vorher gar nicht, war aber sofort fasziniert von der Sprache und der unglaublich modernen Erzählweise. Die Emilia, diese junge Frau aus gutem Hause, die im Krieg alles verloren hat, die ihre Ängste im Alkohol ersäuft und trotzdem ein Stück Würde bewahrt, die mit ihrer Liebe nicht zurechtkommt und so eine merkwürdige Irrläuferin ihrer Sehnsüchte ist - das hat mich sehr beschäftigt. Außerdem gefällt mir die offene Form, die wir dafür gefunden haben.“ Ein wenig erinnert sie das an das szenische Experiment mit Elfriede Jelineks Roman "Die Klavierspielerin" im Lampenlager, wo sie als frustrierte Klavierprofessorin Erika Kohut in Seelenabgründe tauchen und gleichzeitig sehr komisch sein durfte. „Schade, dass wir das nicht öfter gespielt haben, aber vielleicht können wir diese Produktion ja noch mal wieder aufnehmen.“
Im Moment hat Verena Bukal jedoch so viel zu tun, dass sie kaum noch zum Durchatmen kommt. Neben Luise und Emilia spielt sie noch die Anna in "Der Jüngste Tag" von Ödön von Horváth, das junge Mädchen also, dessen Kuss eine Reihe von Katastrophen auslöst. „Den ganz eigenen Horváth-Ton" (Theater Heute) hat sie sich schon früher erarbeitet als Marianne in "Geschichten aus dem Wiener Wald", einer ihrer ersten Rollen in Oberhausen, mit der sie auch die überregionale Kritik hellhörig machte. Eigentlich sogar noch früher, denn im selben Stück spielte sie schon am Schauspielhaus Graz eine kleine Nebenrolle, als sie dort noch zur Schauspielschule ging.
Geboren wurde sie 1977 in Linz als ältestes von vier Geschwistern. Ihre Schwester studiert Medizin, auch die beiden Brüder zieht es eher zu den Naturwissenschaften. „Meine Mutter bewundere ich sehr. Sie hat vier Kinder großgezogen, war eigentlich Physiotherapeutin und hat jetzt noch eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin absolviert. Sie gibt mir gelegentlich Tipps zur Symbolik in den Konflikten, die ich auf der Bühne darzustellen versuche.“ Verena Bukal wollte zwar als Kind Biologin werden und bedrohten Tieren helfen, entdeckte aber bald ihre Liebe zu den künstlerischen Fächern, zog deshalb nach Salzburg um und machte dort 1996 ihre Matura am Musischen Gymnasium. „Es war schon eine radikale Entscheidung, mit 15 Jahren von zu Hause wegzugehen und ganz allein im Studentenheim zu wohnen. Ich war also sehr früh schon mit Einsamkeit und Selbstständigkeit konfrontiert. Aber alles in allem war es sicher richtig.“ Sie schrieb sich für den Zweig "Bildnerische Erziehung" ein und interessiert sich immer noch sehr für Malerei und Skulptur, fand dann aber in der Theatergruppe an ihrer Schule das, wonach sie eigentlich suchte. „In einem kleinen Off-Theater in Hallein - es hieß ‚Ziegel-Stadl' - haben wir mit unserer Lehrerin aus Improvisationen ein eigenes Stück entwickelt. Es ging um die ‚Tschick-Weiber', die Zigarettendreherinnen, die dort früher gearbeitet hatten. Ein bisschen wie Carmen. Ich war die ‚junge Frau mit dem Schicksal': Uneheliches Kind und so weiter. Es wurde ein toller Erfolg: Wir haben's zwei Jahre lang gespielt. Da stand dann mein Berufswunsch endgültig fest.“
Das klappte zwar nicht ganz so reibungslos, wie sie sich's erträumt hatte und kostete bei den ersten aufgeregt vermasselten Aufnahmeprüfungen ein paar Tränen. Aber an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz bekam sie einen der heiß begehrten Studienplätze und ist im Nachhinein froh, dort gelandet zu sein. Noch während der Ausbildung übernahm sie Gastrollen an verschiedenen Theatern und spielte z.B. in der Regie von Christian Stückl beim Steirischen Herbst in dem Stück "Sergej" mit, in dem es um die bekannte österreichische Skandalgeschichte um Udo Proksch ging. Das Essener Grillo-Theater überraschte sie 1999, als sie gerade mit einer Freundin nach Florenz gefahren war, mit einem Gastvertrag für das Kinderstück "Besuch bei Katt und Fredda" von Ingeborg von Zadow. „Vor Kindern zu spielen, ist gar nicht so einfach, macht aber einen Riesenspaß.“ Deshalb freut sie sich auch schon auf "Das doppelte Lottchen", wo sie allerdings in etwas ‚reifere' Rollen schlüpfen wird: das nette Fräulein Ulrike und das herzlich unsympathische Fräulein Gerlach.
Zum ersten ‚richtigen' Vorsprechen kurz vor ihrem erfolgreichen Examen 2000 reiste Verena Bukal nach Oberhausen, wo Intendant Klaus Weise sie sofort fest engagierte. 2003 folgte sie ihm nach Bonn. Eine ihrer Lieblingsrollen in Oberhausen war Irina in Tschechows "Drei Schwestern" in der Regie von Stefan Otteni, mit dem sie in Bonn wieder bei seinem eigenwilligen "Woyzeck" zusammengearbeitet hat, als weiblicher strenger und ziemlich verrückter Klapsmühlen-Doktor. Ihr Bonner Debüt gab sie als bezaubernde Mariane in Molières "Tartuffe" in der Regie von Klaus Weise. Sie war die schnippische Paula in Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" und eine strahlende Alkmene in Kleists "Amphitryon". In der musikalischen Revue "Call my Number" sang sie neben etlichem Anderen mit silberhellem Sopran das alte "Mit Lieb' bin ich umfangen", im schrägen "Absinth" kletterte sie mondsüchtig in Schwindel erregende Höhen. Eine richtige musikalische Ausbildung über den frühen Geigenunterricht hinaus hat sie nicht, aber eine ganz eigene Gesangsstimme, die sie auch gern einsetzt. Beim Fernsehen sammelte sie ein paar eher beiläufige Erfahrungen, hatte auch eine kleine Rolle in dem Kinofilm "Was nützt die Liebe in Gedanken" an der Seite von Daniel Brühl, aber das Theater ist ihr aktuell entschieden wichtiger. „Es ist wunderbar, sich immer wieder neu zu stellen zu müssen, das Risiko der Veränderungen einzugehen und zu erleben, wie der Beruf allmählich geläufiger wird. Ich bin auch froh, so viele spannende Frauenfiguren spielen zu dürfen, bei denen ich mich immer wieder selbst nach ihrem Standort frage.“
„Den Menschen Menschen zeigen“ - so formulierte sie ihr Anliegen 2002 in "Theater Heute". Daran hat sich nichts geändert. Nur die Adjektive "fragil" und "zerbrechlich", mit denen sie ständig umgeben wird, hört sie nicht mehr so gern und futtert wie zum Trotz ein ordentliches Stück Kuchen mit viel Schlagobers.

Dienstag, 25.02.2014

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