Literatur
Für Sie ausgelesen von Hartmut Löschcke: Grauland von Wolfgang Kaes - kultur Nr. 201 - Mai 2026
Um es gleich zu Beginn zu sagen: Selten habe ich so ein beeindruckendes Buch gelesen.
Inhalt
Dass Wolfgang Kaes für seine Themen stets den angemessenen Stil findet, weiß man von seinen Recherchen für den GA und andere Zeitschriften sowie aus seinen Kriminalromanen, die ja gelegentlich an realen Fällen orientiert sind. In Grauland widmet er sich seinem eigenen „Fall“, genauer seiner Familiengeschichte. Vordergründig als Roman tituliert, der die Geschichte der Familie Küpper von den 20er Jahren bis heute erzählt, macht Kaes sofort klar, dass es sich um die eigene handelt, der er volljährig nach dem Abitur zu entfliehen suchte und die ihn, wie er heute einsehen muss, nie losgelassen hat. Seine Großeltern und Eltern lässt er wechselseitig erzählen, was sie an Leid und Hoffnung erleben, er selbst unterbricht aus seiner erlebten und heutigen Sicht reflektierend die Zeitläufte. Sein Großvater wird Mitte der 30er bei einer seiner lebenserhaltenden Schmugglertouren getötet. Es gibt keine Untersuchung, kein Täter wird ermittelt, die Großmutter hat nun zwei Jungen durchzubringen. Als Frau eines Außenseiters und Nazigegners ist dies in der mit allen Ressentiments gewaschenen Eifelgesellschaft (ob vorgeblich emanzipierte städtische besser waren?) mehr als prekär. Auch nach der Befreiung werden die persönlichen Beschädigungen zugunsten des alles nivellierenden Wiederaufbaus unter den Tisch gekehrt.
Es verdient Hochachtung, mit welcher Offenheit Wolfgang Kaes seine Wut, seine Verzweiflung über das Schweigen, aber auch die Selbstvorwürfe, doch immer Teil des Schweigens gewesen zu sein, offenlegt. Denn über die Zeit hat sich jede mögliche Wahrheit verflüchtigt, bleibt der Schatten „Graulands“ über die Vergangenheit gewölbt: Es musste ja immer irgendwie weitergehen. Man merkt, da hätte gerne jemand mit der Faust dazwischengehauen: nein, es kann so nicht weitergehen! Bei aller anklingenden Wehmut: unbedingt lesen diese empörende Geschichte, damit es vielleicht nicht immer so weiter geht.
Es verdient Hochachtung, mit welcher Offenheit Wolfgang Kaes seine Wut, seine Verzweiflung über das Schweigen, aber auch die Selbstvorwürfe, doch immer Teil des Schweigens gewesen zu sein, offenlegt. Denn über die Zeit hat sich jede mögliche Wahrheit verflüchtigt, bleibt der Schatten „Graulands“ über die Vergangenheit gewölbt: Es musste ja immer irgendwie weitergehen. Man merkt, da hätte gerne jemand mit der Faust dazwischengehauen: nein, es kann so nicht weitergehen! Bei aller anklingenden Wehmut: unbedingt lesen diese empörende Geschichte, damit es vielleicht nicht immer so weiter geht.
Mittwoch, 29. April 2026