Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft die Theatermacherin Eugenia Fabrizi - kultur Nr. 201 - Mai 2026 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
Interviews

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft die Theatermacherin Eugenia Fabrizi - kultur Nr. 201 - Mai 2026

Inhalt Am Tag nach unserem Gespräch steht ein Infotreffen mit ihren Studierenden an der Universität Bonn an. Sie werden die Proben zu der deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes „Big Bang“ von Enrico Bernard begleiten, die am Wochenende
nach Ostern ihre Premiere feiert. Es geht in dem Seminar nicht nur um textanalytische und ästhetische Fragen, sondern auch um ganz praktische Dinge wie Projektleitung, Künstlerbetreuung und Marketing. Seit etlichen Jahren leitet
Eugenia Fabrizi an der Bonner Uni die deutschitalienische Theatergruppe „MUSA“, mit der sie regelmäßig Stücke erarbeitet. Noch steht der alte Uni-Theatersaal (Hörsaal 1) im Hauptgebäude am Hofgarten zur Verfügung, aber sie hat auch schon mal auf dem Dach des neuen Hauses an der Rabinstraße und im Park der Montag-Stiftungen inszeniert.
Geboren wurde Eugenia 1978 in Bergneustadt als Tochter italienischer Einwanderer und wuchs mit vier älteren Geschwistern zweisprachig auf. Schon als Kind liebte sie das Spiel mit Figuren, erfand kleine Szenen und nahm selbst verfasste Texte als Hörspiele
auf Kassetten auf. Auf dem Gymnasium in Gummersbach waren Philosophie und Deutsch ihre Lieblingsfächer. „Die offizielle Theater-AG gefiel mir weniger, also gründete ich zusammen mit ein paar Gleichgesinnten eine unabhängige Gruppe, um Ionescos ,Die kahle Sängerin’ bei der Abiturfeier aufzuführen.“ Nach dem Abitur machte sie erst mal eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Danach entschied sie sich dann doch für ein akademisches Studium. An der Universität Bonn belegte sie die Fächer Philosophie, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Italianistik und schloss ihre Ausbildung mit dem Magister ab. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als studentische Hilfskraft im International Office der Universität und unterrichtete Deutsch als Fremdsprache.
Seit 2013 ist sie als freie Regisseurin tätig. Die Idee, das Theater zu ihrem Beruf zu machen, kam ihr erstmals 2004 bei einem Auslandsstudienjahr in Rom, wo sie u. a. einen Kurs zu Regie und schauspielerischen Grundlagen belegte. Eugenia blieb mit ihren inzwischen in unterschiedlichen Ländern lebenden Kommilitonen in Kontakt und gründete mit ihnen 2014 schließlich die freie internationale Theatergruppe „G.I.F.T.“ (German Italian French Theater). Nach Proben in Rom und Paris gab die Truppe mit dem doppeldeutigen
Namen (deutsch „Gift“, englisch „Geschenk“) ihr Debüt bei der Bonner Theaternacht 2015 im „Kult 41“ mit dem Stück „Xeno ovvero l’Antagonista‘ („Der Fremde oder der Gegenspieler“) von Eugenias ehemaligem Kommilitonen Luca Paglia, der inzwischen als Schauspieler und Theaterpädagoge in Köln lebt. Es ging um Xenophobie vom Alten Rom über Othello und Jago in Venedig bis zum Dritten Reich. Eugenia führte zusammen mit dem Autor Regie und spielte auch die Hitlerfigur. Das Euro Theater Central wurde auf das neue
Ensemble aufmerksam und lud die Produktion zu einem mehrtägigen Gastspiel ein. Unter Eugenias künstlerischer Leitung entwickelte „G.I.F.T.“ 2017 dort das mehrsprachige Stück „Immigro Ergo Sum“ über Rollenbilder und Identitätskonflikte.
2018 folgte zum 100-jährigen Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs in Kooperation mit dem „Frauennetzwerk für Frieden“ eine mehrsprachige szenische Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Frauen und ihren Männern an der Front unter dem Titel „Zäsur-Cesura-Césure“. Dabei ging es um die Mechanismen einer heuchlerischen Heroisierung, die einen tiefen Keil in intimste Verhältnisse zwischen zwei Menschen treibt.
„In unserer Zeit ist das leider gerade wieder ein hochaktuelles Thema“, erklärt Eugenia.
2019 konzipierte sie mit G.I.F.T. das Schauspiel „Momentum Nostrum“ als absurde Jahrmarktsveranstaltung um Augenblicke, in denen die Welt für einen Moment stillzustehen schien. Nach der Premiere im Institut français sollte es auch auf dem historischen Jahrmarkt in Pützchen stattfinden, wo Aufnahmen für das Bühnenbild entstanden. Das Publikum sollte in den Kirmesattraktionen Geschichtsereignisse wiedererkennen und begreifen, dass Krieg keine zwangsläufige Option war und ist. Game design-Studierende
kreierten dazu ein interaktives Videospiel. „Die Schausteller in der Jahrmarktshalle waren unheimlich hilfsbereit. Wir konnten überall drehen und alles vorbereiten“, erzählt Eugenia. Doch dann kam Corona, und alle für 2020 geplanten Vorstellungen
mussten abgesagt werden. In der Jahrmarktshalle residiert inzwischen Malentes Theater Palast. „Ich fühlte mich damals ohne Bühne irgendwie verwaist, aber dann hatte ich eine zündende Idee, wie ich die Halle trotzdem nutzen konnte.“ So entstand der poetische Kurzfilm „A Midday Dream“. Eine junge Frau entdeckt die Halle mit den historischen Fahrgeschäften und wird hineingezogen in die Magie dieser Welt aus Kinderträumen und Melancholie. Für diesen achtminütigen Film, der im letzten November auch bei dem von
dem Bonner Schauspieler Roland Silbernagl initiierten 1. Bonner Kurzfilm-Festival „Ciné Bonn Bleu“ im Kinopolis Bad Godesberg gezeigt wurde, erhielt Eugenia im Sommer 2025 in Rom den Donne d’AmorePreis in der Kategorie "Bester Kurzfilm" und außerdem noch einen zweiten Preis für ein von ihr verfasstes Theaterstück. „Es war schon toll, in das ehrwürdige Kapitol in meiner Lieblingsstadt eingeladen zu werden. Gleich zwei Auszeichnungen zu bekommen, war geradezu überwältigend.“
Auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht hatte sie der italienische Literaturwissenschaftler, Autor, Theater- und Filmregisseur Enrico Bernard. Kennengelernt hatte sie den Sohn des antifaschistischen Schriftstellers Carlo Bernari über die Facebook-Gruppe
„Deutsche in Italien“. Bernari (*1955 in Rom), der neben Philosophie auch Germanistik studiert hat und u. a. mehrere Werke von Ludwig Tieck ins Italienische übersetzte, wurde international bekannt durch sein in mehreren europäischen Ländern gespieltes und auch verfilmtes Drama „Ein Ungeheuer namens Lila“ (1998) und durch den Film „Forever Blues“, der einen Golden Globe gewann. „Enrico suchte eine deutschsprachige Schauspielerin, die seinen Theatermonolog ‚Rosa allein gegen die ‘Ndrangheta‘ als Hörbuch einsprechen
und auch live vortragen könnte. „2022 haben wir die szenische Lesung in Trogen/Schweiz, Enricos Zweitwohnsitz präsentiert. Zuletzt waren wir mit dem Anti-Mafia-Text im Februar 2025 im Kölner Kulturzentrum ‚Mondo Aperto‘ zu Gast“. In Trogen wuchs übrigens Sophie Taeuber-Arp auf. Mit Bernard arbeitet Eugenia gerade an einem Stück über die Künstlerin und das Cabaret Voltaire.
Eugenia sprach auch Bernards Gedichte „Löcher im Sand“ als Hörbuch ein. Seinen 2006 erschienenen Bühnenmonolog „Big Bang“ hat sie selbst ins Deutsche übersetzt und bringt ihn nun mit dem bekannten Schauspieler, Radiosprecher und Regisseur Richard Hucke auf die Bühne. Sie kennt Hucke, der regelmäßig am Euro Theater Central engagiert war, seit dem ersten G.I.F.T.-Gastspiel in dem traditionsreichen Zimmertheater, das derzeit noch nicht wieder nutzbar ist. Spielort für das Experiment ist das Hansa-Haus in Bad Godesberg, in dem der Jugendtreff „One-World-Café“ und das Rock- und Pop-Zentrum zu Hause sind. Außerdem hat dort das im Endenicher Theater im Ballsaal beheimatete Fringe-Ensemble seine Probenräume. Eugenia ist seit etlichen Jahren Mitglied im internationalen Sprechchor des Fringe-Ensembles und war u. a. 2022 Regieassistentin bei der Fringe-Produktion „Stürmen“. Im selben Jahr hatte sie dort ein Residenzstipendium im Rahmen des bundesweiten Modellprojekts „flausen+“, das freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern abseits vom Produktionsdruck szenische Forschungen ermöglichen soll. „Ich habe viel recherchiert und ein fiktives Gespräch entworfen zwischen meinem Lieblingsautor Pasolini, Goethe und einer Katze auf dem Cimitero degli Acattolici, wo Goethes Sohn begraben ist. Das Projekt hängt allerdings noch in der Pipeline.“
Denn die quirlige, in der Bonner Altstadt lebende Künstlerin ist derzeit mit so vielen Aufgaben beschäftigt, dass man hier gar nicht alle nennen kann. Kürzlich war im Institut Français das zweisprachige Stück „Schwarze Füße - Déracinée“ der jungen Pauline Cano, Absolventin der Alanus-Hochschule, zu erleben. Eugenia hat Regie geführt bei diesem autofiktionalen Dialog über Exil, Entwurzelung und die Geschichte französischer Migranten im 20. Jahrhundert. Ende Februar hat sie im Rüngsdorfer KulturBad einen musikalisch-literarischen Benefizabend für Opfer des Hurrikans Melissa in Jamaika mitgestaltet. Auch journalistisch ist sie tätig. In dem italienischen Theatermagazin „Ridotto“ hat sie Anfang 2025 ein Interview mit Roberto Ciulli über sein Theater an der Ruhr veröffentlicht, im „Corriere dello Spettacolo“ eine Kritik zu Ciullis Inszenierung „Pasolini. Io so – Mitteilungen an die Zukunft“.
Fremdsein und Diversität sind die großen Themen, mit denen Eugenia sich stets auf Neue beschäftigt. 2024 wurde sie für ihr Hörstück „Abends im Pawlow“ im Rahmen des vom NRW-Kultursekretariat ausgeschriebenen Wettbewerbs „Ich bin von hier“ zu vor Ort erlebter Diversität ausgezeichnet. Ihre Arbeit wurde von der lokalen Jury als Bonner Beitrag ausgewählt. „Ich hatte den Abgabetermin, der genau auf meinen Geburtstag fiel, ständig vor mir hergeschoben. Dann habe ich spontan nachts ein Gedicht geschrieben und mit O-Tönen verschnitten, wie sich meine Freunde mit verschiedensten Hintergründen in dem beliebten Altstadtcafé treffen, das Ganze in der nächsten Nacht aufbereitet und gerade noch rechtzeitig abgeschickt. Natürlich habe ich mich über den Erfolg total gefreut.“
Eine ganz persönliche Lieblingsrolle als Schauspielerin hat Eugenia auch: Rosa Luxemburg, mit der sie im vergangenen Sommer beim Jahresempfang der Bonner Ratsfraktion „Die Linke“ begeisterte. „Das Kostüm hat mir meine Mutter geschneidert“ erzählt sie noch schnell. Eugenia Fabrizi ist einfach ein Energiebündel, das mit seinen künstlerischen Ideen alle ansteckt.

Dienstag, 28. April 2026