Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Nicole Wacker: Die Königin der Nacht, Björk und die Ameise - kultur Nr. 198 - Januar 2026 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
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Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Nicole Wacker: Die Königin der Nacht, Björk und die Ameise - kultur Nr. 198 - Januar 2026

Vor wenigen Tagen stand die junge Sopranistin an der Seite von Plácido Domingo auf der Bühne bei der Gala-Vorstellung der italienischen Opernnacht „Nessun dorma!“.

B. Stoess streckt ergriffen ihren rechten Arm nach oben.Hinter ihr ist ein Mann, der dies auch macht | © Bettina Stoess
B. Stoess streckt ergriffen ihren rechten Arm nach oben.Hinter ihr ist ein Mann, der dies auch macht | © Bettina Stoess
Inhalt „Das war schon ziemlich aufregend“, erzählt sie bei einem Cappuccino zwischen den Proben für die Neuinszenierung von „Die Ameise“,
in der sie die Titelrolle singen wird. „Es ist einfach großartig, dass Domingo nach über 30 Jahren noch mal nach Bonn gekommen ist. Es war ein echtes Privileg, mit ihm zusammen auftreten
zu dürfen. Es ist beeindruckend, wie seine Stimme auch in hohem Alter noch perfekt klingt.“
Nicole Wacker, geboren 1995 in Zürich, war noch gar nicht auf der Welt, als der spanische Superstar einst an der „Scala am Rhein“ das Bonner Publikum in Scharen anlockte. Mit der Oper ist sie jedoch aufgewachsen und
seit ihrem 6. Lebensjahr im Musiktheater aktiv. „Mein Großvater war schon Statist an der Zürcher Oper, meine Mutter ist dort seit 40 Jahren als Statistin engagiert und hat in vielen Aufführungen mitgewirkt. Meine großen
Geschwister sangen im Kinderchor, und natürlich wollte ich das dann auch. Das Gesangstraining gefiel mir sehr, und es war fantastisch, richtig Theater zu spielen, mit echten Kostümen, und dabei wunderbaren Sängerinnen
und Sängern zu begegnen. Ich wünschte mir sofort, diese Magie jeden Tag zu erleben. Meine Lieblingsoper war ‚Hänsel und Gretel‘ – wir bekamen nach jeder Vorstellung sogar echte Kekse. Es ist ein bisschen
nostalgisch, jetzt hier das Sand- und das Taumännchen zu singen.“
Am Gymnasium nahm Nicole regelmäßig Gesangs- und Geigenunterricht. „Ich habe eine Weile geschwankt zwischen der Geige und meiner Stimme, empfand jedoch bei Auftritten mit dem Instrument einen viel größeren
Druck als beim Singen. Letzteres machte mir einfach nur Freude. Beim Singen bin ich total zentriert und kann frei atmen. Selbstverständlich gibt es auch da Momente von Anspannung, aber insgesamt bin ich gern auf der
Bühne.“ Bereits als Schülerin wurde sie in das kantonale Spitzenförderungsprogramm "Musik Aargau" aufgenommen und feierte erste Erfolge bei regionalen und nationalen Jugendmusikwettbewerben. „Weil ich einen ziemlich guten Notendurchschnitt hatte, durfte ich schon mal im normalen Unterricht fehlen, um zu üben und Meisterkurse zu besuchen und konnte den Stoff dann nacharbeiten.“
2015 begann sie ihr Studium für klassischen Gesang an der Hochschule der Künste Bern bei Christian Hilz, das sie mit einem Bachelor und zwei Masters (Performance und Specialized Soloist) jeweils mit Auszeichnung abschloss.
Während ihrer Ausbildung nahm sie an zahlreichen Meisterkursen teil, u. a. bei Emma Kirkby und Michael Volle. Außerdem besuchte sie Meisterkurse an der von Hilz künstlerisch geleiteten Austria Barock Akademie und entdeckte ihre Leidenschaft für die Alte Musik. Insbesondere für die venezianische Komponistin Barbara Strozzi. „Ich war fasziniert von ihrer Persönlichkeit und ihrer Kreativität, mit der sie sich als selbstbewusste Frau einen Platz in der männlich dominierten Gesellschaft eroberte. Ihre Musik erscheint
überhaupt nicht alt, sondern fast ein bisschen jazzig.“ Im Januar 2020 feierte Nicole mit ihrem Kollegen Sebastian Bausch am Cembalo die Premiere ihres Programms BarockBar. „Es war klar, dass wir das nicht in einem klassischen Konzert-Setting
machen wollten, sondern in einer lockeren Salon-Atmosphäre mit einem Mix aus Musik, Gesprächen, Essen und Trinken. Der Abend dauerte fast vier Stunden und machte allen großes Vergnügen. Leider kam dann der Lockdown, aber wir haben das Konzept noch online weitergeführt.“
Nach der erzwungenen Pause war Nicole von 2021 bis 2023 Stipendiatin an der renommierten Accademia Teatro della Scala di Milano. Ihr Scala-Debüt gab sie im Februar 2022 als Charmeuse in Massenets „Thais“. Sie war noch in zahlreichen anderen Rollen zu erleben, mitunter auch als Berta in Rossinis „Barbiere di Siviglia“ – eine Rolle, die sie in Bonn demnächst auch wieder verkörpern wird. „Das Mailänder Institut versteht sich nicht als Opernstudio, sondern als eine Akademie mit sehr viel Input. Dazu gehören
Bewegungsunterricht, das Lernen von bestimmten Körperhaltungen und die Korrepetition für das Rollenstudium. Ihre Stipendiaten bekommen durch die Zusammenarbeit mit dem Teatro della Scala dort Auftrittsmöglichkeiten.“
Als Cover studierte Nicolle beispielsweise die Titelpartie von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ ein, die sie gern irgendwann selbst auf der Bühne interpretieren möchte. Im Dezember 2022 sang sie die Serafina in der selten aufgeführten Oper „Chiara e Serafina“ beim Donizetti-Festival in Bergamo. Im selben Jahr war sie an der Scala in mehreren Rollen engagiert bei der Uraufführung der Oper „Il Piccolo Principe“ von Pierangelo Valtinoni nach Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“.
Am Opernstudio der Bregenzer Festspiele 2022 debütierte sie zudem in der Titelrolle von Haydns „Armida“ an der Seite des jungen Tenors Kieran Carrel, der seine steile Karriere ebenfalls an der Oper Bonn startete. Im Winter 2024 führte ihr Weg sie sogar an das Royal Opera House Muscat/Oman, wo sie als Cover für die Partie der Marie in Donizettis „La Fille du Régiment“ in einer Produktion der Oper von Monte Carlo verpflichtet war.
Seit der Spielzeit 2024/25 gehört Nicole Wacker zum Ensemble der Oper Bonn. Ihre erste Rolle an der Oper Bonn war der Page Oberto in Händels Oper „Alcina“, musikalisch geleitet von der Barockspezialistin Dorothee Oberlinger. Im Frühjahr 2025 beeindruckte sie das Bonner Publikum als Königin der Nacht bei der Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ in der beliebten Inszenierung von Jürgen Rose. Diese große Mozart-Partie hatte sie zuvor schon in einer Tournee-Produktionb in verschiedenen italienischen Städten gesungen und war damit Anfang 2023 Preisträgerin beim internationalen AsLiCo-Wettbewerb für junge Talente in Como. Im Sommer 2024 sang sie die Partie beim Herrenchiemsee-Festival und gastierte im folgenden Herbst in dieser Rolle auch am Aalto-Theater Essen.
In die aktuelle Bonner Saison startete sie mit der kleinen Partie der Anna in Verdis „Nabucco“. „Das ist keine Paraderolle, aber sängerisch doch anspruchsvoll, weil man vor dem Chor auftritt und das stimmlich genau ausbalancieren muss. Außerdem war es großartig, mit dem Dirigenten Will Humburg zusammenzuarbeiten.“ Wacker ist ohnehin glücklich über ihr erstes festes Engagement an einem städtischen Opernhaus. „Die Verankulturung an einem Ort tut gut. Man kann vieles ausprobieren, sein Repertoire ausbauen und neue Erfahrungen sammeln. Man kennt auch die Kolleginnen und Kollegen hinter der Bühne, kann seine Netzwerke ausweiten und hat regelmäßig Kontakt zum Publikum.“
Ausprobieren konnte sie in ihrer ersten Bonner Spielzeit gleich eine Menge. Sehr spannend fand sie die Arbeit an „Vespertine“ im Schauspielhaus, wo sie die einsame Forscherin in einer Eiswüste jenseits des Polarkreises spielte. „Ich habe mir Björks Album sehr oft angehört. Die Musik ist rhythmisch präzis notiert, aber das Ganze sollte improvisiert wirken. Es ging nicht um eine BjörkImitation, sondern um den eigenen Ausdruck. Ich sang das bewusst mit meiner klassischen Opernstimme und musste trotz der eher kleinen Tessitur wirklich 150 Prozent geben. Im Vordergrund standen die Affekte und die Aufgabe, einen starken psychologischen Bogen zu schlagen.“
Wieder eine ungewöhnliche Arbeit war dann am Ende der vergangenen Saison die Kammeroper „Hochzeit / Svadba“ der serbischen Komponistin Ana Sokolovic in der Werkstatt. Nicole sang die muntere Danica in diesem kurzen Acappella-Stück für sechs Frauenstimmen über einen Junggesellinnen-Abschied. „Stimmlich war das eigentlich keine übermäßige Herausforderung, mehr der Notentext und das Auswendiglernen. In dem kleinen Raum konnten wir sängerisch und darstellerisch nuancierter arbeiten als auf der großen Bühne. Dort muss man so agieren, dass alles auch auf weitere Entfernungen noch erkennbar ist. In der Werkstatt konnten wir in eine intimere, fast naturalistische Spielweise gehen. Die Aufführung hat viel Spaß gemacht.“
Neben ihren Bühnenengagements widmet sie sich mit großer Begeisterung dem Liedgesang und hat auch dazu in etlichen Meisterkursen ihr Repertoire ausgeweitet. Schon im Herbst 2018 gewann sie den Ersten Preis sowie einen Sonderpreis für ihre Interpretation von Clara Schumann-Liedern bei der internationalen Karkhiv Assemblies Competition in der Ukraine. Mit Liedern von Benjamin Britten und Gabriel Fauré war sie auch im Prager Rudolfinum zum Abschluss eines Liedmeisterkurses von Martina Jankovà zu erleben. Aktuell steht freilich „Die Ameise“ des fast vergessenen Komponisten Peter Ronnefeld im Zentrum. „Ganz abgesehen von der stilistischen Bandbreite der Musik ist es spannend, eine Sängerin zu spielen, die nur durch die Augen der anderen existiert. Jeder hat eine eigene Sicht auf sie. Das erinnert mich ein bisschen an Goethes Mignon, über deren Vertonungen ich meine Bachelor-Arbeit geschrieben habe.“
Mittlerweile hat sie mit zahlreichen bekannten Dirigenten zusammengearbeitet und unterschiedliche Regiehandschriften kennengelernt. Dabei erscheint ihre Energie fast unerschöpflich. „Ich bin eher der Typ, der viel macht“, gesteht sie. „Momentan fühle ich mich belastbar. Natürlich kann ich nicht wissen, wie meine Stimme sich in zehn Jahren entwickelt hat. Man muss vorsichtig sein, aber das Instrument auch fit halten. Die Stimme ist wie ein Auto – man darf es nicht nur in der Garage stehen lassen, es muss regelmäßig gefahren werden. Und um zu wachsen, müssen Grenzen auch mal herausgefordert werden, das habe ich in meiner Zeit an der Scala gelernt. Auch wenn mein Schwerpunkt derzeit auf dem italienischen Fach und bei Mozart liegt, bin ich gespannt auf neue Herausforderungen.“ Vertrauen ist ihr ebenso wichtig. Rat holt sie sich deshalb weiterhin von ihrem ehemaligen Berner Hochschullehrer Hilz.

Montag, 13. April 2026