kultur - Kritisches
Biedermann und die Brandstifter - von Max Frisch im Schauspielhaus - kultur Nr. 197 - Dezember 2024
Gefährliche Verweigerung der Wirklichkeit
Unübersehbar steht der Untertitel des Stücks im Hintergrund: „Ein Lehrstück ohne Lehre“.
Biedermann und die Brandstifter. Szene mit fünf Darsteller:innen in Biedermanns Küche.
| © Matthias Jung
Inhalt
Anders als Brecht wollte Frisch nicht belehren. Schon gar nicht ideologisch. Zumal die Unbelehrbaren immun sind gegen das Offensichtliche. Wie der wohlhabende Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann. Bonbonrosa und himmelbau angestrichen sind die Wände seines großbürgerlichen Wohnzimmers, ausgestattet mit geblümtem Sofa im BiedermeierSchick der 1950er Jahre und sauber schwarzweiß gekacheltem Boden (Bühnenbild: Anne Ehrlich). Den Flokati im selben Schachbettmuster pflegt der Hausherr sogar hingebungsvoll selbst mit einer winzigen Bürste. Das leere Obergeschoss hingegen leuchtet feuerrot (Licht: Thomas Tarnogorski).
Der renommierte Regisseur Nuran David Calis, seit Beginn dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater, hat Max Frischs groteske Parabel Biedermann und die Brandstifter als bunten Comic mit Slapstick-Elementen inszeniert. Großartig verkörpert Christoph Gummert den braven Biedermann, der seine Menschenfreundlichkeit demonstriert in der Hoffnung, dass das Unheil ihn schon nicht treffen werde. Mitunter erscheint er mit seinen pantomimischen Bewegungen wie Tatis „Monsieur Hulot“. Den suggestiven Soundtrack dazu hat der Musiker Vivan Bhatti komponiert. Lena Geyer als Biedermanns leicht hysterische Gattin Babette treibt Fitnessübungen und lässt sich schnell erweichen von dem angeblich so traurigen Schicksal des Hausierers Josef Schmitz. Timo Kählert als ehemaliger Ringer mit schlechten Manieren und sanftem Gemüt und der großgewachsene Wilhelm Eilers als eloquenter, höflicher Wilhelm Eisenring im weißen Jackett (Kostüme: Anna Sünkel) sind das perfekte Brandstifter-Duo. Dass sie nächtens Benzinfässer auf den Dachboden schaffen, wird als harmlose Ruhestörung akzeptiert. Biedermann verteidigt seine ungebetenen Gäste sogar noch gegenüber dem Polizisten, der zwecks Aufklärung des Selbstmords des ehemaligen Angestellten Knechtling ins Haus schneit. Letzteren hat Biedermann schnöde gefeuert und zeigt auch kein Mitgefühl mit dessen Witwe.
Jacob Z. Eckstein spielt den Ordnungshüter und den jungen Hausangestellten Anton, der unerschütterlich seinen Dienst versieht. Ein witziger Regie-Kunstgriff: Anton geistert ständig auch als stummes Biedermann-Double (eine Glanzleistung von Kostüm und Maske!) durch die Szenerie. Auch der Untergebene sieht das drohende Verhängnis und lässt es widerspruchslos geschehen. Eckstein ist auch der Chorführer, denn die Akteure treten regelmäßig aus ihren Rollen heraus, um am Bühnenrand als Chor nach antikem Vorbild im klassischen daktylischen Versmaß das Geschehen zu kommentieren: „Feuergefährlich ist viel, / Aber nicht alles, was feuert, ist Schicksal, / Unabwendbares.“ Frischs Drama ist freilich keine Tragödie, denn hier regiert kein unerbittliches Fatum, sonders pure Dummheit.
Menschliche Feigheit und Verblendung sind der Zündstoff für die vorhersehbare Katastrophe. Die beste und sicherste Tarnung sei immer noch die blanke Wahrheit, erklärt Eisenring. Die glaube nämlich niemand. Es gibt auch kein klares Motiv für die Brandstifter, selbst wenn Eisenring mal behauptet, Menschen oberhalb einer bestimmten Einkommensgrenze seien immer strafbar. Der kurz per Video (Lars Figge) zugeschaltete namenlose Akademiker Dr. phil. hat alles längst gewusst und distanziert sich. Die Bösewichter seien nur aus krimineller Lust am Werk.
Nachdem Biedermann persönlich den beiden Brandstiftern beim Vermessen der Zündschnüre geholfen hat, lädt er seine „Freunde“ zum Abendessen ein. Alles ganz schlicht – die „Messerbänklein“ und teuren Weingläser darf Anton gleich wieder wegräumen. Schließlich ist man unter sich, und einen solch großzügigen Gastgeber werden die Verbrecher doch sicher verschonen. Hauptsache, das eigene Haus bleibt heil. Frisch hat in das fröhliche Gastmahl noch eine Anspielung auf Hofmannsthals populäres Mysterienspiel Jedermann eingebaut, bei der Schmitz seine schauspielerischen Fähigkeiten demonstrieren darf.
Dann heulen die Sirenen, Biedermann reicht als letzten Vertrauensbeweis den Brandstiftern die Streichhölzer. Nach und nach explodieren die Gasometer, Biedermanns Haus geht in Flammen auf. Doch es geht weiter: Im Nachspiel zwischen Himmel und Hölle ist alles fast wie zuvor. Die Biedermanns haben doch die zehn Gebote stets treu befolgt. Die Feuerwehr steht vorschriftsmäßig bereit. „Schöner denn je / Wiedererstanden aus Trümmern und Asche / Ist unsere Stadt (…), Gänzlich vergessen auch sind / Die da verkohlten, ihr Schrei / aus den Flammen“. Die Biedermänner dieser Welt bleiben Meister im Wegschauen, Weghören und im Verleugnen der Zeichen des aufhaltsamen Desasters. „Halleluja!“
Die kurzweilige Inszenierung verzichtet auf eine vordergründige Aktualisierung des 1958 uraufgeführten kurzen Dramas, das rasch in den Kanon der deutschsprachigen Literatur aufstieg. Und damit die „durchschlagende Wirkungslosigkeit“ eines Klassikers erreichte, die Frisch bekanntlich einst Brecht attestierte. Eine deutliche Aufforderung, sich nicht tatenlos wegzuducken, wenn die Brandmauern eingerissen werden, ist Frischs zynische Abrechnung mit den Tätern, die sich als Opfer stilisieren, trotzdem. Die unterhaltsame Vorstellung glänzt mit spielerischem Witz und vor allem mit einem exzellenten Darsteller-Ensemble, das aus der hoffnungslosen Satire bravourös neue kritische Funken schlägt. Begeisterter Premierenapplaus!
Sehr zu empfehlen auch für jüngeres Publikum und Schulklassen ab Jahrgangsstufe 8. E.E.K.
Der renommierte Regisseur Nuran David Calis, seit Beginn dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater, hat Max Frischs groteske Parabel Biedermann und die Brandstifter als bunten Comic mit Slapstick-Elementen inszeniert. Großartig verkörpert Christoph Gummert den braven Biedermann, der seine Menschenfreundlichkeit demonstriert in der Hoffnung, dass das Unheil ihn schon nicht treffen werde. Mitunter erscheint er mit seinen pantomimischen Bewegungen wie Tatis „Monsieur Hulot“. Den suggestiven Soundtrack dazu hat der Musiker Vivan Bhatti komponiert. Lena Geyer als Biedermanns leicht hysterische Gattin Babette treibt Fitnessübungen und lässt sich schnell erweichen von dem angeblich so traurigen Schicksal des Hausierers Josef Schmitz. Timo Kählert als ehemaliger Ringer mit schlechten Manieren und sanftem Gemüt und der großgewachsene Wilhelm Eilers als eloquenter, höflicher Wilhelm Eisenring im weißen Jackett (Kostüme: Anna Sünkel) sind das perfekte Brandstifter-Duo. Dass sie nächtens Benzinfässer auf den Dachboden schaffen, wird als harmlose Ruhestörung akzeptiert. Biedermann verteidigt seine ungebetenen Gäste sogar noch gegenüber dem Polizisten, der zwecks Aufklärung des Selbstmords des ehemaligen Angestellten Knechtling ins Haus schneit. Letzteren hat Biedermann schnöde gefeuert und zeigt auch kein Mitgefühl mit dessen Witwe.
Jacob Z. Eckstein spielt den Ordnungshüter und den jungen Hausangestellten Anton, der unerschütterlich seinen Dienst versieht. Ein witziger Regie-Kunstgriff: Anton geistert ständig auch als stummes Biedermann-Double (eine Glanzleistung von Kostüm und Maske!) durch die Szenerie. Auch der Untergebene sieht das drohende Verhängnis und lässt es widerspruchslos geschehen. Eckstein ist auch der Chorführer, denn die Akteure treten regelmäßig aus ihren Rollen heraus, um am Bühnenrand als Chor nach antikem Vorbild im klassischen daktylischen Versmaß das Geschehen zu kommentieren: „Feuergefährlich ist viel, / Aber nicht alles, was feuert, ist Schicksal, / Unabwendbares.“ Frischs Drama ist freilich keine Tragödie, denn hier regiert kein unerbittliches Fatum, sonders pure Dummheit.
Menschliche Feigheit und Verblendung sind der Zündstoff für die vorhersehbare Katastrophe. Die beste und sicherste Tarnung sei immer noch die blanke Wahrheit, erklärt Eisenring. Die glaube nämlich niemand. Es gibt auch kein klares Motiv für die Brandstifter, selbst wenn Eisenring mal behauptet, Menschen oberhalb einer bestimmten Einkommensgrenze seien immer strafbar. Der kurz per Video (Lars Figge) zugeschaltete namenlose Akademiker Dr. phil. hat alles längst gewusst und distanziert sich. Die Bösewichter seien nur aus krimineller Lust am Werk.
Nachdem Biedermann persönlich den beiden Brandstiftern beim Vermessen der Zündschnüre geholfen hat, lädt er seine „Freunde“ zum Abendessen ein. Alles ganz schlicht – die „Messerbänklein“ und teuren Weingläser darf Anton gleich wieder wegräumen. Schließlich ist man unter sich, und einen solch großzügigen Gastgeber werden die Verbrecher doch sicher verschonen. Hauptsache, das eigene Haus bleibt heil. Frisch hat in das fröhliche Gastmahl noch eine Anspielung auf Hofmannsthals populäres Mysterienspiel Jedermann eingebaut, bei der Schmitz seine schauspielerischen Fähigkeiten demonstrieren darf.
Dann heulen die Sirenen, Biedermann reicht als letzten Vertrauensbeweis den Brandstiftern die Streichhölzer. Nach und nach explodieren die Gasometer, Biedermanns Haus geht in Flammen auf. Doch es geht weiter: Im Nachspiel zwischen Himmel und Hölle ist alles fast wie zuvor. Die Biedermanns haben doch die zehn Gebote stets treu befolgt. Die Feuerwehr steht vorschriftsmäßig bereit. „Schöner denn je / Wiedererstanden aus Trümmern und Asche / Ist unsere Stadt (…), Gänzlich vergessen auch sind / Die da verkohlten, ihr Schrei / aus den Flammen“. Die Biedermänner dieser Welt bleiben Meister im Wegschauen, Weghören und im Verleugnen der Zeichen des aufhaltsamen Desasters. „Halleluja!“
Die kurzweilige Inszenierung verzichtet auf eine vordergründige Aktualisierung des 1958 uraufgeführten kurzen Dramas, das rasch in den Kanon der deutschsprachigen Literatur aufstieg. Und damit die „durchschlagende Wirkungslosigkeit“ eines Klassikers erreichte, die Frisch bekanntlich einst Brecht attestierte. Eine deutliche Aufforderung, sich nicht tatenlos wegzuducken, wenn die Brandmauern eingerissen werden, ist Frischs zynische Abrechnung mit den Tätern, die sich als Opfer stilisieren, trotzdem. Die unterhaltsame Vorstellung glänzt mit spielerischem Witz und vor allem mit einem exzellenten Darsteller-Ensemble, das aus der hoffnungslosen Satire bravourös neue kritische Funken schlägt. Begeisterter Premierenapplaus!
Sehr zu empfehlen auch für jüngeres Publikum und Schulklassen ab Jahrgangsstufe 8. E.E.K.
Dienstag, 27. Januar 2026