kultur - Kritisches
Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten im Schauspielhaus (Foyer) - kultur 188 - Oktober/November 2024
Versuch über die Menschlichkeit
Die kleine Produktion, mit der das Schauspiel Bonn seinen Saisonstart abschloss, erscheint wie der letzte Teil einer Trilogie über die aktuellen Herausforderungen.
Inhalt
„Vergiss nicht, auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es Mütter!“ Die Frau auf der Bühne wiederholt diesen Satz mehrfach. Unmittelbar nach dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 versuchte die 1976 geborene, in Tel Aviv und Amsterdam lebende
israelische Autorin und Dramaturgin Maya Arad Yasur ihr Entsetzen in Worte zu fassen. Ihr Stück "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" wurde am arabischhebräischen Theater in Jaffa uraufgeführt und mittlerweile an zahlreichen deutschen Bühnen als Lesung oder szenische Aufführung präsentiert. Im Foyer des Schauspielhauses hat Julia Marie Kühl, seit 2023 als Regieassistentin am Schauspiel Bonn engagiert, den Text als Dialog inszeniert. Seitdem verbrecherischen Angriff ist der Kon
flikt im Nahen Osten eskaliert und weitet sich kontinuierlich aus. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Wie kann man die tägliche Bedrohung aushalten und dabei menschlich bleiben?
Auf der kleinen weißen Bühne kämpfen zwei namenlose Personen gegen die innere Unruhe. Es war sehr früh am Morgen, als der Alarm die Frau weckte. Sie legte sich schützend über ihre beiden schlafenden Kinder und war wie gelähmt. Bewaffnete Terroristen zogen durch den Ort, viele Menschen begaben sich in Schutzkeller. Per Telefon versuchte man, in Kontakt mit der Familie zu bleiben. Aber was geschah mit der Freundin Ilanit? Nach wenigen Minuten antwortete sie nicht mehr.
Ursula Grossenbacher verkörpert eindrucksvoll die verstörte, emotional hin und her gerissene Mutter. Christoph Gummert ist die komplementäre Stimme und ständig in Bewegung. Mit einem roten Seil ziehen die beiden Akteure sich gegenseitig an, verwickeln sich darin und nutzen es auch mal spielerisch als Springseil. Es wirkt wie ein stehender Sturmlauf in einem Raum aus Sprache, realen Ängsten und unsicheren Perspektiven. Was kann man tun zum humanen Überleben? „Schalte keine Medien an“ zum Beispiel ist ein Ratschlag. Aber: „Bleibe auf dem Laufenden“. – „Es hat keinen Sinn, sich der Tatsache zu entziehen, dass jeden Tag inhumane Dinge geschehen“.
Was bleibt, ist ein Plädoyer für Empathie. Nach rund 50 Minuten stellen die beiden Schauspieler zwei schwarze Stühle auf die Bühne und überlassen diese, wie von der Autorin so gefordert, ohne Zwischenpause einem politischanalytischen Diskurs.
Bei der ausverkauften Premiere diskutierte die Dramaturgin Sarah Tzscheppan mit Professor Dr. Hans-Georg Soeffner , Sprecher des Instituts für Versöhnungsforschung an der Universität Bonn, über den komplexen Begriff „Versöhnung“. Bei den
weiteren Vorstellungen kommen andere Expertinnen und Experten zu Wort.
Zu der sehenswerten Aufführung gibt es eine umfangreiche Liste mit Literaturempfehlungen zum Thema und eine Playlist mit den in der Inszenierung verwendeten hebräischen Liedern und weiteren musikalischen Beiträgen. E.E.K.
israelische Autorin und Dramaturgin Maya Arad Yasur ihr Entsetzen in Worte zu fassen. Ihr Stück "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" wurde am arabischhebräischen Theater in Jaffa uraufgeführt und mittlerweile an zahlreichen deutschen Bühnen als Lesung oder szenische Aufführung präsentiert. Im Foyer des Schauspielhauses hat Julia Marie Kühl, seit 2023 als Regieassistentin am Schauspiel Bonn engagiert, den Text als Dialog inszeniert. Seitdem verbrecherischen Angriff ist der Kon
flikt im Nahen Osten eskaliert und weitet sich kontinuierlich aus. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Wie kann man die tägliche Bedrohung aushalten und dabei menschlich bleiben?
Auf der kleinen weißen Bühne kämpfen zwei namenlose Personen gegen die innere Unruhe. Es war sehr früh am Morgen, als der Alarm die Frau weckte. Sie legte sich schützend über ihre beiden schlafenden Kinder und war wie gelähmt. Bewaffnete Terroristen zogen durch den Ort, viele Menschen begaben sich in Schutzkeller. Per Telefon versuchte man, in Kontakt mit der Familie zu bleiben. Aber was geschah mit der Freundin Ilanit? Nach wenigen Minuten antwortete sie nicht mehr.
Ursula Grossenbacher verkörpert eindrucksvoll die verstörte, emotional hin und her gerissene Mutter. Christoph Gummert ist die komplementäre Stimme und ständig in Bewegung. Mit einem roten Seil ziehen die beiden Akteure sich gegenseitig an, verwickeln sich darin und nutzen es auch mal spielerisch als Springseil. Es wirkt wie ein stehender Sturmlauf in einem Raum aus Sprache, realen Ängsten und unsicheren Perspektiven. Was kann man tun zum humanen Überleben? „Schalte keine Medien an“ zum Beispiel ist ein Ratschlag. Aber: „Bleibe auf dem Laufenden“. – „Es hat keinen Sinn, sich der Tatsache zu entziehen, dass jeden Tag inhumane Dinge geschehen“.
Was bleibt, ist ein Plädoyer für Empathie. Nach rund 50 Minuten stellen die beiden Schauspieler zwei schwarze Stühle auf die Bühne und überlassen diese, wie von der Autorin so gefordert, ohne Zwischenpause einem politischanalytischen Diskurs.
Bei der ausverkauften Premiere diskutierte die Dramaturgin Sarah Tzscheppan mit Professor Dr. Hans-Georg Soeffner , Sprecher des Instituts für Versöhnungsforschung an der Universität Bonn, über den komplexen Begriff „Versöhnung“. Bei den
weiteren Vorstellungen kommen andere Expertinnen und Experten zu Wort.
Zu der sehenswerten Aufführung gibt es eine umfangreiche Liste mit Literaturempfehlungen zum Thema und eine Playlist mit den in der Inszenierung verwendeten hebräischen Liedern und weiteren musikalischen Beiträgen. E.E.K.
Dienstag, 27. Mai 2025