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Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten im Kleinen Theater - kultur 188 - Oktober/November 2024

Das Klavier und das Meer
Als Bühnenfigur taucht Novecento nicht auf; er existiert nur in der Erzählung.

Novecento | © Patric Prager
Novecento | © Patric Prager
Inhalt Der Schauspieler Wolf-Guido Grasenick lässt ihn jedoch Gestalt annehmen, indem er von ihm berichtet. Der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco hat seinen
Bestseller Novecento 1994 als Theatermonolog geschrieben. International bekannt wurde die Story durch Giuseppe Tornatores Verfilmung unter dem Titel "Die Legende vom
Ozeanpianisten" mit Tim Roth in der Titelrolle und der Musik von Ennio Morricone, der dafür einen Golden Globe erhielt. Theo Palm, musikalischer Leiter am Kleinen Theater, nimmt diesen opulenten
Soundtrack nicht auf, sondern hat für die Inszenierung von Michael Schäfer Aufnahmen eigener, eher filigraner Jazz und Ragtime Improvisationen zusammengestellt. Es gibt auch keine realistische Bebilderung.
Hier bleibt der Ozeanpianist eine Legende.
Wie ein Kreuzfahrt-Entertainer zieht Grasenick anfangs das Publikum in das Geschehen hinein. Er spielt den Trompeter Tim Tooney, der einst auf dem Passagierschiff „Virginian“ anheuerte und Novecentos bester
Freund wurde. Die Bühne (Ausstattung: Miriam Möller-Weiland ) ist vollgestellt mit alten Koffern, die auch als Mobiliar, imaginäres Klavier und gelegentlich als fiktive Dialogpartner dienen. Auf dem Flügel des Tanzsaals der Ersten Klasse wurde zu Beginn des Jahres 1900 kurz vor der Landung in New York ein neugeborenes Baby gefunden. In einem Pappkarton für Zitronen, wahrscheinlich ausgesetzt von armen italienischen Auswanderern. Anrührend präsentiert Grasenick den Maschinisten Danny Boodman, der das winzige Wesen zärtlich in seine groben Hände nimmt, wie ein Vater großzieht und ihm seinen Namen gibt, entsprechend der Aufschrift der Zitronenschachtel noch „D.T. Lemon“ hinzufügt und das Geburtsjahr „Novecento“.
Als Boodman bei einem Unfall stirbt, wird der Junge zum zweiten Mal Waise, verschwindet spurlos und kehrt nach einer Weile zurück, um sich ans Piano zu setzen und ab jetzt die Passagiere aller Klassen mit Jazzmusik zu unterhalten.
Wie der junge Mann plötzlich zum Klaviervirtuosen wurde und ob er seine neuartigen Töne auf den vielen Fahrten zwischen Europa und Amerika dem Ozean ablauschte, bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls ist Danny Boodman D.T Lemon Novecento, der die Virginian nie verlässt, bereits weltbekannt, als Tim an Bord kommt. So berühmt, dass der selbsternannte „Erfinder des Jazz“ Jelly Roll Morton (den gab es wirklich) ein Ticket von New York nach Southampton auf der Virginian kauft, um Novecento zu einem musikalischen Duell herauszufordern. Ungemein spannend gelingt die Schilderung dieses Wettkampfs, den Novecento selbstverständlich lässig gewinnt. Sehr witzig ist auch die Wahnsinns Orkan-Achterbahnfahrt mit dem Flügel durch den schwankenden Tanzsaal.
Novecento spielt ungerührt weiter. Er kennt alle Orte, obwohl er niemals seinen Fuß auf festen Boden gesetzt hat. Sein einziger Landgang-Versuch misslingt. Am Ende hockt er einsam auf Kisten voller Dynamit. Die Virginian, die 45 Jahre lang seine Heimat war, wird verschrottet. Novecentos Wirklichkeit waren die 88 Tasten des Pianos und das Schiff. Alles andere war ihm zu unübersichtlich. Auch wenn er wahrscheinlich nicht mal im Himmel ordentlich registriert ist – nach dem großartigen Solo des fabelhaften Spielers Grasenick (selbst gelernter Musiker), der seit fast 30 Jahren regelmäßig im Kleinen Theater gastiert, ist man sicher: Diesen Novecento muss es gegeben haben! Stehender Premierenapplaus für eine grandiose schauspielerische Leistung. E.E.K.

Dienstag, 27. Mai 2025